Erste Erfahrungen: Gemeinwesenarbeit

Seite 2: CO & Gemeinwesenarbeit in Düren

Entstehungskontext und Theoriebezug

Damit GWA nicht in Aktionismus ausartet, bedarf es im Vorfeld der Festlegung einer Strategie, die mit der jeweiligen Akteursgruppe oder Organisation einvernehmlich abgestimmt wird. Strategie ist der Plan, wie man realistisch gesetzte Ziele effizient erreicht. Wird Zielerreichung als Erfolg definiert und Realismus als Voraussetzung für Effizienz verstanden, dann bedeutet dies: Strategie ist ein effizienter Erfolgsplan.

Strategien werden von drei Einflussfaktoren bestimmt, und zwar

  • vom Ziel, das mit der Strategie erreicht werden soll,
  • von den Rahmenbedingungen in der Ausgangssituation, die in der Regel nicht beeinflussbar sind, und
  • vom Wissen über die Grundregeln und Prinzipien der Strategieentwicklung sowie über deren Anwendung.

Verbreitete Handlungsweisen sind meist »Durchwursteln«, »Aussitzen« oder Pseudolösungen. Diesen wenig tragfähigen Konfliktlösungsstrategien, die im Wesentlichen auf Versuch und Fehler (trail and error) basieren und viel Zeit und Energie kosten, stehen im Prinzip nur drei ernstzunehmende Konfliktlösungsstrategien gegenüber:

  • die Machtstrategie,
  • die Rechtsstrategie und
  • die Interessenausgleichsstrategie.

In der Realität dominieren die Macht- und Rechtsstrategien, die auf den ersten Blick eine billige Lösung versprechen, mittel- und langfristig aber größeren Schaden als Nutzen anrichten können. Das Problem ist: Wer die Macht oder das Recht hat, braucht scheinbar nicht zu verhandeln. Bei Abwägung beider Strategien, ist dennoch die Rechts- der Machtstrategie vorzuziehen. Denn es fällt leichter, sich eine Entscheidung auf der Basis anerkannter Regeln zu beugen als sich einer Macht zu unterwerfen. Dennoch bleiben bei beiden Strategien Verlierer/innen auf der Strecke.

Anders verhält es sich bei der Interessensausgleichsstrategie. Hier wird der Fokus auf die Interessen aller beteiligten Parteien gerichtet. Folgende Fragen spielen dabei eine Rolle: Was sind die Interessen der beteiligten Parteien? Was können beide Parteien bei einem Interessensausgleich gewinnen? Was sind die Voraussetzungen dafür? Wie können Verhandlungen zustande kommen, in denen auch die zunächst schwächere Partei auf gleicher Augenhöhe agiert? Je nach Ausgangssituation, den Kräfteverhältnissen und dem Konfliktverlauf kann eine Kombination aller drei Strategieentwürfe sinnvoll sein, um das anvisierte Ziel zu erreichen. Oft ist die stärkere Partei jedoch erst nach dem Einsatz von macht- und rechtsstrategischen Mitteln zu Verhandlungen bereit.

Beschreibung und Methodik

Im Folgenden wird an drei Beispielen gezeigt, wie dies gehen kann. In den Beschreibungen wird dabei die Methodik, mit CO-Elementen in der GWA zu arbeiten, hervortreten.

(a) Mieterhöhung landete im Schredder – Eigentümer schickten Drohbriefe

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

»Im Ostdürener Satellitenviertel betätigte sich der Osterhase in Doppelfunktion. Er verteilte an Passanten bunte Ostereier und bediente fleißig den Schredder. Gefüttert wurde die »Drohbrief-Vernichtungs-Maschine« mit Schreiben der Eigentümer an Hunderte von Mietern der ehemals aus Mitteln des sozialen Wohnungsbaus errichteten Wohnanlage. Mit den Schriftstücken, die nun der Vernichtung anheim fielen, hatten die Eigentümer mit Kadi und Zwangsvollstreckung gedroht, wenn die geforderte Mieterhöhung nicht termingemäß akzeptiert werde. Damit sind 400 im Bürgerverein Satellitenviertel organisierte Mietparteien nicht einverstanden, da ihnen die Anhebung entschieden zu drastisch ist (...). Solche Machenschaften seien in einer ›Bananenrepublik‹ vorstellbar, nicht aber mit den rechtsstaatlichen bundesdeutschen Prinzipien vereinbar, so der Vorsitzende des Bürgervereins Satellitenviertel e. V. Heinz Blatzheim zum Sinn der öffentlichen Protestaktion mit dem Osterhasen und dem Schredder. Der Bürgerverein werde auch dieses Mal für die Rechte der Mieter eintreten, was in der Vergangenheit auch vor Gericht wiederholt zum Erfolg geführt habe, gab sich Blatzheim zuversichtlich und gelassen (...).« (3)

Strategisches Denken und Handeln bedeutet nicht zwangsläufig konfrontatives Handeln. Zunächst einmal geht es darum, dass eine Kerngruppe das Ziel konkret definiert und geeignete Mittel zu dessen Erreichung ausfindig macht. Bei dieser Zielfindung ist die S.M.A.R.T.-Methode ein bewährtes Mittel (spezifisch, messbar, attainable/erreichbar, realistisch und tangible/greifbar). Es muss differenziert werden zwischen der Lösung eines Problems und der Erreichung eines Ziels. Der Drogenhandel und -konsum in einem Stadtteil ist ein Problem, die Auflösung eines Drogentreffpunkts dagegen ein konkretes gewinnbares Ziel. In der Regel ist davon auszugehen, dass kooperative Mittel wie z. B. Briefe, Gespräche oder Verhandlungen als Erstes angewandt werden. Wenn diese Mittel nicht zum Ziel führen, ist bei den weiteren Schritten eine Steigerung des Konfliktpegels notwendig. Dabei ist eine schrittweise Steigerung sinnvoll und immer genau zu überlegen, welche Wirkungen die gewählte Taktik bringen wird. Manchmal ist es notwendig, kurzfristig zu konfrontieren, um als gleichwertiger Verhandlungspartner akzeptiert zu werden. Ist dieses Ziel erreicht, kann und soll zu kooperativen Formen zurückgekehrt werden.

Im eingangs beschrieben Beispiel dauerte die Auseinandersetzung über sieben Monate, was einen sehr hohen Kräfteaufwand für die aktiven Mitarbeiter/innen des Bürgervereins bedeutete, bis dass die Eigentümer zu Verhandlungen bereit waren – und zwar erst dann, als das Gericht in der mündlichen Verhandlung den Konfliktparteien einen Vergleich vorschlug.