Erste Erfahrungen: Gemeinwesenarbeit

Seite 3: CO & Gemeinwesenarbeit in Düren

(b) Einsparungen für die Bedürftigen verwenden – KESS-Nikolaus verteilt süße Mahnungen

»Noch zwei Minuten bis zum Sitzungsbeginn, die Tür geht auf und der KESS-Nikolaus betritt den Saal, in dem der Kreistag über den diesjährigen Haushalt berät. Bedächtig schreitet er durch die Reihen, jeder Kreistagsabgeordnete bekommt etwas Süßes – versehen mit der Mahnung: ›Gebt den Armen‹. Die Tribüne (60 Plätze) ist voll besetzt mit KESS-Sympathisanten, die gespannt die Bescherung verfolgen. Der Landrat wird nervös, erst bei dem dritten Aufruf hat der Nikolaus sein ›Werk‹ beendet, er verabschiedet sich freundlich und schaut erleichtert nach oben (...). Die Aktionsgemeinschaft KESS – bestehend aus der Interessengruppe Sozialhilfe e. V., dem Bürgerverein Satellitenviertel e. V. und dem Arbeitslosen-Zentrum Düren e. V. – verlangt eine Erhöhung der Bekleidungspauschale für alle im Kreisgebiet lebenden Sozialhilfeberechtigten. In ganz Düren ist KESS mittlerweile bekannt wie ein ›bunter Hund‹. Die Aktionsgemeinschaft erhält keine öffentlichen Zuschüsse, hat deshalb wenig zu verlieren. Diese Unabhängigkeit schafft Spielraum für vielfältige ›kesse Aktionen‹, die Politikern oft nicht schmecken. Wenn angeblich nichts mehr geht, wenn alle Parteien das gleiche Lied von den leeren Kassen singen, dann besucht KESS den Kreistag, verteilt Bürgerbriefe an die Nachbarn des Landrats oder besucht den Bürgermeister auch schon mal zu Hause (...).« (4)

Die Planung und Durchführung der beschriebenen Aktion lag in der Entscheidung und Verantwortung einer Gruppe, die aus Vertretern der beteiligten Organisationen bestand. (5) Eine Aktion ist meist Teil einer Kampagne, die im Idealfall einer vorher abgestimmten Inszenierung und Dramaturgie folgt und auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt ist, z. B. drei Monate bis zur Verabschiedung des Kreishaushalts. Beispiele für weitere Aktionen sind »KESSe Störung des Kreisausschusses: Maskierte führen eine Modenschau aus Altkleidersammlungen vor«, »Päckchen-packen für den Landrat: Abgeschnittene Ärmel als Denkanstoß für die Unterversorgung«, »Drei Affen im Kreistag: Nix hören! Nix sehen! Nix sagen! Wir fragen: Sollen wir jetzt Säcke tragen?« oder »Öffentliche Übergabe des Armuts-Mantels: Sozialdezernent erhält Sparmodell »½ Sommer ½ Winter«. Zur Einordnung dieser Aktionen sei darauf verwiesen, dass disruptive, erschütternde Taktiken legitim sind, wenn die notwendigen Ressourcen für die Überwindung von Krisen wie Armut und soziale Ungerechtigkeit nicht bereitgestellt werden. (6)
Bei der Beratung der Aktionsgruppe sollten folgende Regeln, die sich an Alinsky anlehnen, beachtet werden: Der genaue Ablauf und Verantwortlichkeiten sind zu klären. Wie viel Personen werden benötig? Gute Erfahrungen wurden damit gemacht, dass die Durchführung der Aktion vom Erreichen einer ausreichenden Teilnehmer/innen-Zahl abhängig gemacht wurde. Die Aktion muss im Erfahrungsbereich der Gruppe liegen. Sie soll öffentlichkeitswirksam und akzeptabel sein. Die eigenen Stärken und Fähigkeiten sollten genutzt sowie Überraschungseffekte eingebaut werden. Die Aktion sollte Spaß machen und der Kultur der Gruppe entsprechen.

(c) Stadtteilvertretung Nord-Düren gegen Großraumdisco – über 400 Einwendungen trotz Ferienzeit

»Die Stadtteilvertretung Nord-Düren wendet sich gegen den Bau einer Großraumdiskothek in der Fritz-Erler-Straße. Über 400 Einwendungen von Bürgern, Vereinen, Institutionen, Gewerbetreibenden und größeren Unternehmen habe es gegen den Planentwurf gegeben, obwohl dieser in der Ferienzeit offengelegen habe, betonen die Sprecher. Dies sei ein deutliches Zeichen für das große Interesse an einer positiven Entwicklung der Nordstadt. Hauptargumente gegen die Diskothek sind die Nähe zu Moscheen und Kirchen, zusätzliche Verkehrsbelastung, wildes Parken, Verschmutzungen, Lärm und Belästigungen durch Disco-Besucher, die unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehen. Der Stadtteil dürfe nicht mit zusätzlichen – vermeidbaren – Problemen belastet werden, da sonst der Erneuerungsprozess und die Aufnahme in das Programm ›Soziale Stadt NRW‹ gefährdet seien. Die Stadtteilvertretung sieht dringenden Handlungsbedarf, am weiteren Verfahren in Sachen Disco beteiligt zu werden. Darüber hinaus hat die Stadtteilvertretung angekündigt, im Falle einer Baugenehmigung für den geplanten Tanztempel juristische Schritte einzuleiten. Beschlossen wurde bereits, dass ein Verfügungsfonds gegründet wird, um das finanzielle Risiko einer Klage abzudecken (...).« (7)


Voraussetzung für effizientes Arbeiten in und mit der Öffentlichkeit, wozu auch die Pressearbeit gehört, ist ein mit allen wichtigen Akteursgruppen des Wohnquartiers oder des Stadtteils abgestimmter Konsens, was das Thema, das Ziel und die Mittel anbetrifft. Bei Einschaltung der Presse sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass dadurch öffentliche Beziehungen hergestellt werden, die möglichst positiv gestaltet werden sollten. Am Anfang steht das Produkt, im Praxisbeispiel sowohl die Organisation (Stadtteilvertretung Nord-Düren) wie auch das angestrebte Ziel (Verhinderung der Großraumdisco) und die eingesetzten Mittel (Einrichtung eines Verfügungsfonds/Einleitung eines Klageverfahrens). Damit wird in Aussicht gestellt, dass auch dann weitere Schritte folgen werden, wenn der Stadtrat oder die Verwaltung negativ im Sinne des Stadtteils entscheidet.
Für die Planung von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist generell folgende Frage hilfreich: Was wollen wir (Botschaft), wem (Ziel-/Dialoggruppe), warum (Begründung), auf welchem Wege (Medium), wie (Methode) und mit welchen Effekten (Wirkung) mitteilen?

Diese Frage stellt gleichzeitig ein konzeptionelles Gerüst dar und sollte beantwortet werden, bevor eine öffentlichkeitswirksame Aktion gestartet wird. Speziell bei der Verfassung von Presseerklärungen sollten neben sachlichen auch emotionale Aspekte eine Rolle spielen. Dafür empfiehlt es sich, nach Abschluss z. B. einer größeren Veranstaltung auch Originaltöne der Teilnehmer einzuholen, indem anhand eines kurzen Fragebogens mit der Überschrift »Ihre Ideen zur Presseerklärung« die folgenden Fragen gestellt werden: Was wäre Ihrer Meinung nach eine gute Überschrift? Was ist heute Abend passiert? Was war das Highlight? Wie war die Stimmung heute Abend? Diese Abfrage fördert die aktive Beteiligung, schafft Identifikation und erleichtert durch authentische Aussagen die Textgestaltung.