Erste Erfahrungen: Gemeinwesenarbeit

Seite 4: Beurteilung des Erfolgs

Bewertung: Gewinne und problematische Aspekte

  • Im Praxisbeispiel (a) handelt es sich beim Bürgerverein Satellitenviertel e. V. um eine wohnquartiersbezogene Organisation, der zum Zeitpunkt des Konflikts über 400 Familien als zahlende Mitglieder angehörten. In den außergerichtlichen Verhandlungen, die auf Vorschlag des Gerichts stattfanden, konnte eine spürbare Reduzierung der Mieterhöhung erreicht werden, die erst zehn Monate später als angekündigt in Kraft trat. Die Einsparungen für die 400 beteiligten Mieterhaushalte lag für die zehn Monate bei 375.000 DM sowie für Stadt und Kreis Düren bei 94.000 DM, da 25 Prozent der Mieter/innen Sozialhilfe bezog. Nach Abschluss des Vergleichs lag die jährliche Einsparsumme für die Mieter/innen bei 300.000 DM und für Stadt und Kreis bei 75.000 DM.
  • Die Aktionsgemeinschaft KESS im Praxisbeispiel (b) war eine zielgruppenbezogene Organisation, die auf Stadt- und Kreisebene agierte. Mit ihren phantasievollen Aktionen war sie in ihrer Hochzeit sehr erfolgreich und hat in den Jahre 1990 bis 1996 erreicht, dass die Bekleidungspauschale für die über 10.000 Sozialhilfeberechtigten im Kreisgebiet Düren um insgesamt 2.675.000,00 DM erhöht wurde – zu Zeiten, in denen die Bekleidungspauschale in anderen Städten gesenkt wurden. Trotzdem lag die jährliche Bekleidungspauschale noch über 100 DM unter dem Betrag, der von KESS als bedarfsdeckend errechnet worden war. Aufgrund der gesetzlichen Neuregelung der Sozialhilfe durch Sozialgesetzbuch II und XII ist die Bekleidungspauschale heute in der Regelleistung enthalten. Es gibt jedoch weiterhin Einflussmöglichkeiten auf kommunaler Ebene, z. B. was die Angemessenheit der Unterkunftskosten anbetrifft.
  • Die Stadtteilvertretung Nord-Düren im Praxisbeispiel (c) ist auf Stadtteilebene die wichtigste Instanz für die Umsetzung des Bund-Länder-Programms »Soziale Stadt NRW« und besteht aus 32 gewählten Delegierten, die alle relevanten Akteursgruppen (Vereine, Migrant/innen, soziale Einrichtungen, Institutionen, Kindergärten, Schulen, Wohnquartiere und Gewerbe) repräsentieren und von der Stadtteilversammlung jedes Jahr neu gewählt werden. Die Stadtteilvertretung ist erklärtermaßen parteipolitisch unabhängig, nationen- und religionsübergreifend sowie eigenständig und demokratisch. Zu ihrer Organisationsstruktur gehören auch 16 Arbeits-, Projekt- und Bewohnergruppen, die für die Umsetzung von konkreten Projekten und Programmpunkten zuständig sind. Erst nach monatelangen Auseinandersetzungen insbesondere in der Presse und auf öffentlichen Veranstaltungen wurde die von der Stadt geplante Großraumdisco ad acta gelegt. Auf absehbare Zeit ist nicht damit zu rechnen, dass ein erneuter Versuch gestartet wird.

Ob die von einer Organisation formulierten Ziele erreicht werden können, ist insbesondere abhängig von

1. der Größe des Einzugsgebiets, das sie vertreten und organisieren will,

2. der Anzahl der Mitglieder und Aktiven, die Aufgaben übernehmen wollen und können,

3. den bereits erzielten Erfolgen, überstandenen Niederlagen und dem daraus gewonnenen Vertrauen in die eigenen Kräfte (Selbstbemächtigung),

4. den Ressourcen und Mitteln, die sie akquirieren können (organisatorische, personelle, finanzielle, aber auch Wissen) und

5. sicherlich auch den Fähigkeiten der Beraterin oder des Beraters.

Zu den wichtigsten Fähigkeiten bei der Planung von Aktionen und Kampagnen, die von zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt werden, gehören auf Seite der Berater/innen Rollenklarheit, eine sokratische Gesprächsführung, strategisches Know-how, Methodenvielfalt – wozu besonders CO zählt – und ein Menschenbild, das sich am »aufrechten Gang« orientiert.
Handicaps entstehen insbesondere dadurch, dass die/der Berater/in sich selbst und die beteiligten Akteure überfordert, indem sie/er die Entwicklungsmöglichkeiten und Kräfteverhältnisse falsch beurteilt oder die (scheinbaren) Mächte überbewertet wie – aus einer Kindergeschichte von Michael Ende – Lukas, der Lokomotivführer, am Anfang den Schein-Riesen, der erst beim Annähern kleiner wird und auf Normalgröße schrumpft.