Die Wurzeln: Saul D. Alinsky

Seite 4: Alinskys Schlussfolgerung

»Rub raw the resentments – Deckt die Ressentiments auf.«

Auch in Alinskys drittem Projekt in der Stadt Rochester geht es um die Probleme schwarzer Bürger/innen. Dabei wird ihm vorgeworfen, die Ressentiments und Feindseligkeiten der schwarzen Bevölkerung zu schüren. Seinen Kritikern hält er entgegen, dass es Feindseligkeiten, schweren Rassenunruhen und Schießereien in Rochester gegeben hätte, schon lange bevor er nach Rochester kam. Alinsky beschließt, die Ressentiments, die dem deutschen Philosophen Nietzsche zufolge, Kennzeichen von Herdenmentalität, Sklavenmoral und jeglichem Untertanengeistes sind, freizulegen, bevor sie das Handeln der beteiligten Personen auf Dauer vergiften. (13)
Alinsky bringt die Wut, die Demütigungen und Traumata der Menschen zur Sprache. Er erkennt, dass diese Gefühle eine wichtige Antriebskraft sein können, Ungerechtigkeiten zu überwinden. Dies geschieht, wenn es gelingt, die zunächst als persönlich empfundenen Gefühle in eine gemeinsame Sache zu verwandeln, in eine öffentliche Angelegenheit, die politisch zu lösen ist. Alinsky fordert den größten Arbeitgeber in Rochester, den Filmhersteller Kodak, auf, an der Befriedung der eskalierten Rassenunruhen mitzuwirken und eine große Zahl von schwarzen, langzeitarbeitslosen Jugendlichen einzustellen. »Das einzige, was Kodak bisher zur Rassenintegration beigetragen hat«, so Alinsky spöttisch, »ist die Erfindung des Farbfilms.« Das aber sei nicht genug.

»Die gegenseitige Solidarität von Mittelschicht und Unterschicht ist nötig.«

Alinskys Kampf mit dem Filmhersteller Kodak ist langwierig. Eine von der Firmenleitung zunächst gegebene Zusage wird nur wenige Stunden später annulliert. Die Stimmung in der Bevölkerung ist erneut explosiv. Alinsky entwickelt eine neue Strategie. Er skandalisiert das Verhalten von Kodak in den gesamten Vereinigten Staaten und lässt sich landauf und landab die Stimmrechte von Aktieninhabern übertragen. Die Bürgerorganisation von Rochester konfrontiert damit die Aktionärsversammlung, der Firma Kodak droht ein großer Imageschaden. Schließlich siegte die Bürgerorganisation – deren Name »F.I.G.H.T.« für die Worte Freedom, Independence, God, Honor und Today stand – und ein umfangreiches Beschäftigungsprogramm für langzeitarbeitslose, schwarze Jugendliche wurde eingerichtet.
Alinskys folgert aus dieser Auseinandersetzung, dass es der Unterschicht, den »have-nots«, nicht ohne weiteres gelingt, aus sich heraus ihre gesellschaftliche Lage zu verbessern. Die »have-nots« sind auf die Unterstützung der Mittelklasse, der sogenannten »have-a-little-and-want-mores«, angewiesen. Im Gegenzug ist wiederum auch die Mittelklasse, so Alinskys Analyse, deren Mitglieder ständig vom sozialen Abstieg bedroht sind, auf die Unterstützung der Unterschicht angewiesen. Es sei deshalb folgerichtig, wenn Kleinaktionäre, die sich Kodak-Aktien zur Altersvorsorge beschafft hätten, ihre Stimmrechte für eine verantwortliche Geschäftspolitik einsetzten, die keinen Keil zwischen die Armen und die bürgerliche Mittelklasse treibt. (14)
Alinskys Cheforganizer in Rochester, Edward T. Chambers, übernahm nach Alinskys Tod im Jahre 1972 die Leitung der Industrial Areas Foundation (IAF), dem von Alinsky gegründeten Ausbildungsinstitut für Community Organizer in Chicago. Der Anfang war gemacht.