Die Wurzeln: Saul D. Alinsky

Seite 2: Abkehr von der Soziologie

»Die Soziologie bringt die Leute dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden.«

Alinskys Weg in die offene Gesellschaft führt durch die damals renommierte Soziologenschule von Chicago. Er studiert Soziologie und Kriminologie. Kennzeichnend für die frühe »Chicago School of Sociology« ist die Anwendung ethnosoziologischer Forschungsmethoden, wie offene Interviews, teilnehmende Beobachtung und kleinräumige Untersuchungen. Alinsky arbeitet mit kriminellen Jugendbanden und entwickelt Interviewmethoden. (7) Er stellt fest, dass er mithilfe detaillierter Kenntnisse der Stadtteile, aus dem seine Probanden stammen, und über gemeinsame Bekannte so viel Vertrauen erhält, dass ihm die Jugendlichen auch Dinge erzählen, die man einem Mitarbeiter des Gefängnisses – Alinsky arbeitete zeitweise als Soziologe in einem Gefängnis – vielleicht besser nicht erzählen sollte.
Alinsky denkt nicht daran, dass in ihn gesetzte Vertrauen zu missbrauchen. Er kategorisiert vertrauliche Informationen als solche ein, die zwar für die Rehabilitation von Wert sind, aber nicht für die Strafverfolgung geeignet. Er erkennt die Rolle von Bezugsgruppen (peer-groups) bei der Entstehung von Kriminalität, stellt aber auch immer wieder fest, dass die »charakterbildenden Maßnahmen« der traditionellen Sozialarbeit nicht ausreichen, um auf die beengten Wohnverhältnisse im Viertel oder die ökonomische Lage der Eltern zu reagieren. Er will im wörtlichen Sinne radikal sein und die Probleme bei der Wurzel fassen. Er beginnt daher, die Eltern zu organisieren.

»Soziologen mit der Lösung sozialer Probleme zu betrauen ist so, als würde man versuchen, Durchfall mit einem Einlauf zu kurieren.«

Dabei kommt es zum Bruch mit den Soziologen seiner Fakultät und zum Ende seiner Universitätskarriere. (8) Anstatt die Ursachen sozialer Phänomene zu erforschen und einen Beitrag zur Lösung der Probleme zu liefern, so Alinsky, ginge es dem Wissenschaftsbetrieb immer mehr nur darum, für bekannte Probleme neue Forschungsmittel zu akquirieren. Damit blieben die Soziologen an der Oberfläche und würden dieselben Phänomene immer nur neu interpretieren, anstatt sie zu verändern. Man wisse nun genug und müsse endlich etwas tun. Immerfort neue Projekttitel zu erfinden, helfe zwar den Forschern, nicht aber den Menschen, denen die Wissenschaft zu dienen hätte. Dies verhindere eine Systemanalyse, es gäbe keine gemeinsame Definition der Situation und kein anerkanntes Verständnis über Ursachen und Zusammenhänge.
Außerdem nehme die Evaluation von Interventionen und Programmen immer öfter die Form eines Taschenspielertricks an: »Kopf verliert und Zahl gewinnt«. Argumentiert werde nach folgendem Muster: Wenn die Zahl der Probleme zurückgeht, wird behauptet, das sei auf die Interventionen zurückzuführen. Wenn die Zahl der Probleme gleich bleibt, wird behauptet, sie wäre gestiegen, wenn die Intervention nicht durchgeführt worden wäre. Und wenn sie steigt, kann sogar behauptet werden, dass dies ohne Intervention in noch viel höherem Ausmaß der Fall gewesen wäre. (9) Es scheint also Gründe dafür zu geben, die es vorteilhaft erscheinen lassen, Probleme nicht zu lösen, sondern zu perpetuieren. Nicht so für Alinsky.