Soziale Bewegung

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Soziale Bewegungen in Deutschland haben sich häufig von Swarts Typ A zum Typ B entwickelt und mit einer höheren Professionalität, verbindlicherer Organisation, mehr Kontinuität sowie besserer Finanzausstattung mehr konkrete Erfolge erreicht. Vom Typ B zu daraus erwachsenden Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) gibt es fließende Übergänge; Beispiele dafür sind der Bund für Umwelt- und Naturschutz (B.U.N.D.), Greenpeace und ATTAC.
Seit den 1970er Jahren sind vielerorts aus Sozialen Bewegungen themenübergreifende Bündelungen entstanden, die sich in lokaler Kultur, einer Alternativpresse und auch Lokalradios manifestierten. (39) Z. B. in Bunten Listen und später in der Partei Bündnis 90/Die Grünen oder auch Die Linke erlangten führende Mitglieder der Sozialen Bewegungen politische Mandate in kommunalen Parlamenten, in Landesparlamenten, im Bundestag und in Regierungen. (40)

Diese Entwicklung (Soziale Bewegung Typ A → Soziale Bewegung Typ B → NGO/Partei) führt oft zu höherer medialer Anerkennung, zur Durchsetzung von konkreten Zielen sowie Einfluss im politischen und administrativen System. Zugleich können sich die Entscheidungen auf die Zentralen verlagern und sich zunehmend in Form und Inhalt an das diese umgebende System anpassen. Neu entstehende Soziale Bewegungen, die eher dem Typ A entsprechen und sich nicht vermeintlichen Sachzwängen beugen, wie z. B. Autonome Bewegungen, werden dann ggf. auch von den Trägern der älteren Bewegungen als vermeintlich nicht verhandlungsfähig ausgegrenzt.

Perspektiven für Community Organizing im Kontext der Sozialen Bewegungen

Bei einer Tagung der Rosa Luxemburg Stiftung im September 2011 (41) haben sich Mitglieder des Hamburger Netzwerks »Recht auf Stadt« (RaS) vorgestellt. RaS ist im Dezember 2009 mit einer großen Parade von über 100 Initiativen und ca. 4.000 Menschen an die Öffentlichkeit getreten. RaS versteht sich als nicht-hierarchisches Netzwerk mit jetzt etwa 50 sehr unterschiedlichen Initiativen aus vielen Stadtteilen und als Anfang einer neuen städtischen Bewegung. »Dies ist der Anfang vom Ende der wachsenden Stadt. Seien wir weiter realistisch und fordern das Unmögliche. Wir bleiben unkalkulierbar – und unplanbar!«, heißt es auf der Website. (42) Konkrete Themen sind Abriss- und Neubauplanungen, Gentrifizierung, ökologische Eingriffe, der ausgrenzende Umgang von Verwaltungen mit Obdachlosen, aber auch Solidarisierung mit anderen städtischen Bewegungen, wie z. B. in Istanbul.

RaS wie die Bürgerplattformen sind vernetzende Organisationen von sehr unterschiedlichen Mitgliedsorganisationen, beide arbeiten themenübergreifend, in beiden geht es um die wechselseitige Unterstützung der Mitglieder bei der Verbesserung der Lebenslagen. Auch die konkreten Themen, wie z. B. schlechte Zustände in Wohnungen und Schulen oder Armut und Ausgrenzung, sind durchaus vergleichbar. Dennoch erscheinen sie von ihrer Mitgliedschaft, ihrer Arbeitsweise, ihrem Auftreten, ihrem Milieu und ihren formulierten Zielen als unüberbrückbar konträr.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Es zeigt sich: Der Dialog über CO in Deutschland muss im praktischen und wissenschaftlichen Kommunikationszusammenhang der Sozialen Bewegungen geführt werden. Denn CO gibt es, wo Menschen sich zusammenschließen, um die Lebensverhältnisse und Machtverhältnisse in ihrem Umfeld und ggf. darüber hinaus zu verändern. Und die engagierten Menschen müssen herausfinden, was dafür am besten geeignet ist. CO ist nicht eine amerikanische Idee, die neu in ein Niemandsland eingeflogen wird, sondern das Spektrum des CO erweitert sich durch das amerikanische CO um ergänzende, korrigierende und widersprechende Erfahrungen und Settings.

Der Dialog lohnt sich: Die Bewegungsforschung gewinnt durch die Einbeziehung von CO den mikro- und mesoskopischen Blick auf die Motive der Menschen sowie die lokalen Gruppen und Organisationen. Sie erweitert ihr Repertoire um die Untersuchung von jeweils unterschiedlichen und zugleich entwicklungsfähigen Mobilisierungskulturen, die nicht nur für den Aufbau, sondern auch die lebendige Weiterentwicklung von Handlungszusammenhängen der Menschen von entscheidender Bedeutung sind.
CO gewinnt durch einen wissenschaftlichen und praktischen Kontext zu den Sozialen Bewegungen an Selbstreflexion, Methodenvielfalt und Flexibilität sowie an Handlungsfähigkeit auf den überregionalen Ebenen, auf denen mehr und mehr über die Bedingungen von lokalen Entwicklungen entschieden wird.
Der spezifische Beitrag von CO zu einem »Change«, der von vielen Sozialen Bewegungen angestrebt wird, bleibt:

  • CO verbindet die Mikro-Ebene der Menschen mit ihren scheinbar privaten Sorgen, ihren Emotionen und Lebensvorstellungen mit der Meso-Ebene der sozialen Beziehungen und der gemeinschaftlichen Themen sowie mit der Makro-Ebene der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirklichkeit.
  • CO kann ein Weg sein, für das Sich-Einmischen von Menschen und Gruppen, die sonst kaum etwas zu sagen haben:

(a) auf der Grundlage der Eigeninteressen der Menschen- und Sozialrechte

(b) durch ein Netz von sozialen Beziehungen

(c) in der Erringung von konkreten, fühlbaren Erfolgen

(d) zu Themen, die die Menschen bewegen

(e) als ein Weg aus der empfundenen Ohnmacht.