Soziale Bewegung

Seite 3: Mobilisierungskulturen des CO

Einfluss der Mobilisierungskultur auf die Ergebnisse des Community Organizing

In der Bewegungsforschung werden die lokalen Organisationen der Bewegungen kaum in den Fokus genommen. Swarts dagegen untersucht in ihrer empirischen Untersuchung zum CO die innere Entwicklung von jeweils zwei zum FBCO und zwei zu ACORN gehörenden örtlichen Organisationen. Sie unterscheidet zwischen zwei Ebenen, die in ihrer Interaktion die Ergebnisse bestimmen: die materiellen, personellen, strategischen und Vernetzungs-Ressourcen der Organisation sowie die Mobilisierungskulturen und -kapazitäten, die sich aus den jeweiligen lokalen Bedingungen, der Gruppenzusammensetzung und den unterschiedlichen Traditionen ergeben. (18)

Abbildung: »Relationship of organizational features to outcomes« (19)

Die Mobilisierungskultur umfasst die Ideen und Praktiken über angemessene Mobilisierungsziele und -taktiken und zeigt auf, was zu den konkret handelnden Gruppen passt. Die Mobilisierungskapazität ist die Fähigkeit, Mitglieder und Führungskräfte zu mobilisieren und mit Vorbehalten gegenüber Aktionsformen umzugehen, die z. B. durch Traditionen geprägt sind.

Swarts findet bei grundsätzlich ähnlichen Zielen von ACORN und FBCO sehr unterschiedliche Mobilisierungskulturen, die jeweils durchaus erfolgreich sind: ACORN hebt die Lebensbedingungen der Leute in ärmeren Quartieren als selbstevidente Motivation hervor, generiert als kollektive Emotion Wut und Ärger und sieht sich als Aktionsorganisation. Es gibt weniger Aufmerksamkeit auf den Prozess der Bildung von Solidarität als auf die unmittelbaren Kampagnen und Erfolge. (20) Beim FBCO dagegen, das sehr unterschiedliche Gemeinden, Stadtteile und Organisationen zusammenführt, ist eine elaborierte Organisations- und Mobilisierungskultur notwendig. So werden Leader sorgfältig ausgesucht und ausgebildet; das Konzept von Macht, Selbstinteresse und Wertebezogenheit ist deutlich ausgearbeitet, ausgefeilte Eins-zu-eins-Gespräche tragen zur Entwicklung öffentlicher Beziehungen bei. (21) Rituale, die oft aus dem religiösen Bereich kommen, prägen Aktionen und Treffen. So wird es möglich, Brücken zu schlagen und Solidarität aufzubauen über Bruchlinien zwischen Klassen, »Races«, Religionen sowie konservativen versus progressiven Ideologien. (22)

Community Organizing und Soziale Bewegungen in Deutschland

In Deutschland wird CO vor allem in die Geschichte der Gemeinwesenarbeit eingeordnet oder dem Feld der Bürgerbeteiligung zugeschrieben. CO wird mit wenigen Ausnahmen weder von den Selbstdarstellungen noch der Forschung den Sozialen Bewegungen zugeordnet. (23) Im Gegensatz zu den USA erscheint CO in Deutschland als eigentümlich isoliert und geschichtslos. Gelingt es nicht, CO in Bezug zu setzen zu dem, was die engagierten Gruppen in Deutschland selbst zur Veränderungen ihrer Umwelt und der Machtverhältnisse tun, so bleibt CO eine »Amerikanische Idee in Deutschland« (24).
Vier Kontexte des CO in Deutschland lassen sich feststellen: (a) CO als Empowerment in der Gemeinwesenarbeit, (b) CO als Konzept zur Vitalisierung von Parteien, (c) CO als Organisierung der Zivilgesellschaft und (d) CO als Teil der Sozialen Bewegungen.

CO als Empowerment in der Gemeinwesenarbeit

  • CO grenzt sich zwar kritisch von der Sozialen Arbeit ab, akademische Lehre zu CO sowie die Organizer sind aber überwiegend in der Sozialen Arbeit und Gemeinwesenarbeit verankert. (25) In der Gemeinwesenarbeit wurden auch schon seit den 1970er Jahren vereinzelt Methoden des CO angewendet. Seit der Gründung von FOCO (Forum Community Organizing) im Jahr 1993 geschieht dies systematischer. (26) CO wird häufiger als zusätzliche Methode verstanden, weniger als Instrument zum Aufbau von unabhängigen Bürgerorganisationen. (27) Oliver Fehren untersucht in seiner Arbeit »Zivilgesellschaftliche Perspektiven sozialer Arbeit« (28), wieweit CO eine intermediäre Instanz sein kann – damit schlägt er den Bogen von der Sozialen Arbeit zu dem unter (c) aufgeführten Kontext.

CO als Konzept zur Vitalisierung von Parteien

  • Der Wahlsieg von Obama, vermeintlich mit Methoden des CO, hat in vielen Ländern Parteien animiert, CO genauer in den Blick zu nehmen. In Deutschland interessieren sich insbesondere die Stiftungen der SPD (29), der Grünen (30), der Linken (31) und der CDU (32). für das Konzept. Geblickt wird dabei auf die Möglichkeiten und Grenzen von Organizing als Mobilisierung der eigenen Mitglieder wie auch die Mobilisierung von möglichen Wähler/innen.

CO als Organisierung der Zivilgesellschaft

  • Das mit dem IAF eng verbundene »Deutsche Institut für Community Organizing« (DICO) der Katholischen Hochschule Berlin initiiert Bürgerplattformen in verschiedenen Städten. CO wird, ausgehend von einem Drei-Säulen-Modell von Staat, Markt und Bürgergesellschaft (33), verstanden als Aufbau und Bündelung der örtlichen Zivilgesellschaft »von innen und von unten« (34). Bürgerplattformen schaffen Beziehungen zwischen Organisationen der Zivilgesellschaft, zu der Kirchen, Moscheen und Verbände gerechnet werden, und treten als Verhandlungspartner gegenüber Organisationen des Marktes und des Staates auf. CO in dieser Weise kann als eine spezifische Beteiligungsform angesehen werden, mit Stärkung der Governance durch Partizipation und Einbeziehung aller Betroffenen. Das Ziel ist eine ausbalancierte Gesellschaftsordnung zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Stefan Huber (35) untersucht CO insbesondere in Form der Berliner Bürgerplattformen als möglichen Beitrag zur lokalen Demokratie. Robert Maruschke setzt sich auf der Basis von Eric Manns Ansatz zum Transformative Organizing (36) kritisch mit dem Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) auseinander. (37)

CO als Teil der Sozialen Bewegungen

  • Community Organizations können sowohl als lokale Soziale Bewegungen verstanden werden als auch als Anstoß oder Kern überregionaler Bewegungen. Wirksame Community Organizations gibt es in Deutschland schon lange. Der Satz: »Behind every successful social movement is a community, or a network of communities.« (38), gilt in Deutschland für die Anti-Atom-Bewegung, Umwelt-, Schwulen- und Frauenbewegung und die städtischen Bewegungen im Westen sowie die Umwelt- und Friedensgruppen im Osten. Oft begannen lokale Gruppen mit einem Protest gegen Diskriminierung oder staatliche und kommerzielle Projekte, die ihre Lebenssituation verschlechtern würden, entwickelten dann aber immer mehr Alternativen in einem breiteren Themenspektrum, gingen Bündnisse ein und beeinflussten mit Aktionen öffentliches Bewusstsein, politische Entscheidungen und auch Gerichtsurteile.