Soziale Bewegung

Seite 2: CO & Soziale Bewegungen in den USA

CO und Soziale Bewegungen in den USA

Der Terminus Community Organizer ist in den 1930er Jahren von Alinsky direkt vom Labor Organizer der Gewerkschaften übernommen worden. (7) Das Vorbild für CO war zunächst die Gewerkschaftsbewegung, in der es ebenso wie beim CO darum geht, der Macht des Geldes und etablierten Institutionen die Macht der Vielen entgegen zu setzen, um Verhandlungen auf Augenhöhe zu erreichen.
Alinskys Frustration gegenüber den gegenkulturellen studentischen Bewegungen der 1960er Jahre führte zu der im »Faith-Based Community Organizing« (FBCO) (8) weit verbreiteten Abgrenzung gegenüber den Sozialen Bewegungen. (9) Ed Chambers, Alinskys Nachfolger in der Leitung der Industrial Areas Foundation (IAF), begründete diese Ablehnung mit zentralen Schwächen aller Bewegungen: Abhängigkeit von charismatischen Führungspersonen, keine Entwicklung von kollektiver Führung, fehlende Unabhängigkeit ohne eine solide Beitragsbasis, Tendenzen zu ungezielten und unverantwortlichen Aktionen und Entfremdung gegenüber Moderaten und Konservativen. (10) Offenbar sieht er in den Sozialen Bewegungen vor allem Swarts Idealtyp A.

Von den meisten Autoren wird CO in eine Geschichte der Bewegungen eingeordnet, die mit der Amerikanischen Revolution oder gar mit dem biblischen Mose beginnt. Bei Schutz/Sandy reicht diese von der Arbeiterbewegung über die Settlement-Bewegung, Frauenbewegung, Civil-Right-Bewegung, das Black-Power-Movement, die Studenten/innenbewegung, Umweltbewegung, Friedensbewegung, Welfare-Rights-Bewegung bis zur Gay-Rights-Bewegung. (11)

Das Feld des CO hat sich im 21. Jahrhundert verändert:

Mit Obamas Wahlkampagne 2007/08 unter Einbeziehung von Methoden des CO wurde CO nicht nur in den USA zu einem politischen Thema – unabhängig davon, inwieweit die Organisationen sich selbst als politisch handelnd verstehen. Massive Angriffe des rechten politischen Lagers gegen CO-Organisationen und subtile Einflussnahme auf die finanzierenden Institutionen stehen nebeneinander.

Seit Obamas Regierungsantritt ist CO auch ein Instrument der Regierungstätigkeit. (12) In seiner zweiten Amtszeit versucht die von der demokratischen Partei formal unabhängige »Organizing for Action« (13) eine Bewegung zu schaffen, die Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus für das Regierungsprogramm sichern soll. Mittel sind sowohl örtliche als auch internetgestützte Kampagnen z. B. zur Waffenkontrolle, zum Immigrationsrecht, zur Gesundheitsreform und für den Klimaschutz.

Die größte und zentral geführte Organisation »Association of Community Organizations for Reform Now« (ACORN) mit zuletzt 400.000 Beitrag zahlenden Mitgliedern, die mit ihrem politischen Einsatz zum Wahlsieg Obamas beigetragen hat, hat 2010 nach heftigen Angriffen des rechten politischen Lagers ihre Fördermittel verloren und ist aufgelöst worden. (14) Über die oft kämpferischen lokalen Nachfolgeorganisationen lässt sich noch kein klares Bild gewinnen.

FBCO ist von 1999 bis 2011 gewachsen, es gibt nun ca. 190 aktive Organisationen mit über 4.000 Mitgliedsorganisationen überwiegend aus dem religiösen Bereich. Bei der Finanzierung ist der Anteil der Mitgliedsbeiträge wie auch der religiösen Stiftungen erheblich zurückgegangen, der Beitrag von Unternehmen und säkularen Stiftungen hat zugenommen. Man arbeitet vor allem auf der nationalen Ebene mit anderen Organisationen zusammen und zunehmend auch mit politischen Mandatsträgern. Geprägt ist das FBCO stärker durch »soft power«, z. B. die Kultivierung von Beziehungen mit politischen Offiziellen, als durch »hard power« mit konfrontativen Aktionen. (15)

Beginnend mit den Kampagnen vieler CO-Gruppen zum Living Wage nähern sich CO und Union Organizing einander an. Insbesondere die »Service Employees International Union« (SEIU) hat sich dem CO zugewandt, mit Finanzierung von CO und beispielsweise mit der seit über 25 Jahren aktiven Kampagne zur Organisierung von Hausmeistern »Justice for Janitors«. (16)

Swarts (17) schließt aus den Entwicklungen des CO, dass man vier »heilige Kühe« verwerfen müsste:

  • »All organizing is local«: CO beginnt lokal, aber die Lösungen für Probleme liegen oft auf der nationalen Ebene und müssen auch dort angegangen werden.
  • »We don’t do electoral politics«: Faktisch mischen sich auch FBCO-Gruppen in die Mobilisierung von Wählern und Aufstellung von Kandidaten ein.
  • »My organization vs. your organization«: Vor allem für Gesetzgebungsakte sind breite Koalitionen notwendig.
  • »Organisation vs. Movement«: Swarts hält sogar ein nationales Organizing als nationale Bewegung für möglich.