Soziale Arbeit

Seite 4: Raumbezüge

CO verflüssigt nicht nur Raumgrenzen, sondern auch disziplinäre Trennlinien. Es überschreitet die Grenzen zwischen Sozialer Arbeit, Erwachsenenbildung, partizipativer Stadtplanung, Engagementförderung sowie gewerkschaftlicher Organisation und Bürgerbewegung. Es geht in seinen Themen deutlich über das Soziale hinaus und bearbeitet z. B. auch Fragen der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Entwicklung von Stadtteilen und Kommunen. Damit rückt es in den Blick, dass die Gestaltung von Lebenswelten aufeinander abgestimmte Aktivitäten in ganz verschiedenen Handlungsfeldern benötigt. Das erfordert von einer Sozialen Arbeit, die die Gestaltung von Lebenswelten als fachliche Perspektive ernst nimmt, eine eindeutigere Bereitschaft zu interdisziplinärem Planen und Handeln, wie es beispielsweise im Kontext der integrierten Stadtteilentwicklung erprobt wird.

Neben dieser Flexibilisierung des Raumbezugs und des thematischen Bezugs liegt ein weiterer wichtiger Hinweis für die Raumbezüge Sozialer Arbeit im Begriff Community selbst. Denn die in der deutschen Alltagssprache wenig verwurzelten und damit unklaren Begriffe Gemeinwesen und in den letzten Jahren vermehrt der Sozialraum haben in der Sozialen Arbeit neben einer als »Territorialisierung des Sozialen« (25) kritisierten territorialen Engführung auch eine lebensweltliche, Institutionen ausklammernde Engführung des Raumbezugs Sozialer Arbeit begünstigt. Damit aber droht eine Verkürzung der sozialpädagogischen Aktivierung auf eine Bürger/innenaktivierung ohne Institutionenaktivierung.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Unter Rückgriff auf den Begriff Community der Chicago School of Sociology lässt sich für die Soziale Arbeit ein umfassenderer Sozialraumbezug erhalten, der den Raum immer als Ansammlung sowohl von Menschen aber eben auch von Institutionen begreift, und der gleichzeitig sowohl eine administrativ-formelle wie lebensweltlich-informelle Bedeutung aufweist. (26)

Auch für den institutionellen Rahmen der Sozialen Arbeit – die Wohlfahrtsverbände – lassen sich Hinweise aus dem CO gewinnen. Szynka hat in diesem Zusammenhang Vorschläge entwickelt, wie die Qualitätskriterien des CO auch hier fruchtbar gemacht werden können. Er ist überzeugt, dass der Schritt der Sozialen Arbeit von der Semi-Profession hin zur Profession dann vollzogen werden kann, wenn die Sozialarbeiter/innen im Sinne Alinskys mehr Führungskompetenzen ausbilden und einen stärkeren Führungsanspruch in den Wohlfahrtsorganisationen erheben. Daneben biete der Referenzpunkt CO den Wohlfahrtsverbänden als Trägern Sozialer Arbeit die Möglichkeit, sich stärker wieder an das zu erinnern, als was sie ursprünglich gestartet sind: eine mitgliederbasierte soziale Verbändebewegung. Darüber hinaus weist Szynka auf die Notwendigkeit einer klaren Sprache bei der sozialpolitischen Einmischung der Verbände hin, die die Machtverhältnisse der Gesellschaft nicht verschleiert, sondern zugänglich macht. (27)

Ist Community Organizing Soziale Arbeit?

Die Frage, ob überhaupt und wenn ja, unter welchen Umständen die Praxis des CO integraler Bestandteil der Probleme, Haltungen, Ziele, Techniken und Verfahren dessen sein kann, was als die generelle Praxis Sozialer Arbeit charakterisiert wird, ist keineswegs neu und wurde z. B. von Kenneth Pray schon im Jahr 1948 erörtert. (28) Im Folgenden werden Divergenzen zwischen dem CO in der Tradition Alinskys und der Profession Soziale Arbeit diskutiert, und Ursachenforschung für die insgesamt geringe Resonanz des CO in der Sozialen Arbeit betrieben.

CO liegt in mehrfacher Hinsicht quer zur Verfasstheit deutscher Wohlfahrtsstaatlichkeit. Speziell die von Alinsky geprägte Vorgehensweise des CO ist von ihrem Selbstverständnis her ausdrücklich nicht dem sozialstaatlichen Arran-gement zuzuordnen. Vielmehr resultiert Alinskys Methode aus einer grundsätzlichen Kritik an staatlicher Wohlfahrt, der er Wohlfahrtskolonialismus vorwirft. Dieser Kolonialismus äußere sich darin, »einer definierten Zielgruppe Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Existenz von außen überzustülpen«. (29) In bewusster Abgrenzung zur Sozialen Arbeit hat er daher einen eigenständigen Ansatz entwickelt, der nicht bei der Entwicklung sozialer Angebote und Dienstleistungen in benachteiligten Stadtteilen stehenbleiben will, sondern darauf angelegt ist, weitreichende positive Veränderungen in den Lebensverhältnissen der Menschen zu erreichen: »… die Beseitigung kollektiver sozialer Probleme in der Wohn- und Arbeitswelt der Menschen«. (30)