Soziale Arbeit

Seite 6: Möglichkeiten der Sozialen Arbeit

Mit diesen Positionen sind die unterschiedlichen Ausgangspositionen von CO und Sozialer Arbeit in Bezug auf Wohlfahrtsstaatlichkeit und kommunalpolitische Wirksamkeit gut markiert. CO steht dafür, aus einer staatsunabhängigen Position heraus die permanente Anpassung von Institutionen (des Wohlfahrtsstaats) an die Bedarfe der Bürger/innen einzufordern. Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit erreicht CO hingegen den schwerfälligen »Tanker« der Sozialbürokratie zu wenig, weil es nicht im System der kommunalen Hilfen verankert ist – dort aber liegt das Geld.

Alinskys kompromisslose Parteilichkeit für die Benachteiligten folgt einer »dichotomischen Logik eines ›Ausbeuter-Ausgebeuteten-Verhältnisses‹«. (36) Die Grundkontroverse der Sozialen Arbeit, also die Frage nach sozialer Veränderung im Lebensinteresse der Menschen oder soziale Reform im Interesse des Systemerhalts in die eine oder andere Richtungen aufzulösen, wäre jedoch ein naives Unterlaufen des Stands der Theoriebildung der letzten Jahrzehnte. Die Frage bleibt konstitutiver Bestandteil der Sozialen Arbeit.

Die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, den Widerstand der »Entrechteten« gegen das System zu organisieren, dürften aufgrund ihrer eigenen Abhängigkeitsverhältnisse zum Staat und ihrer mit dem doppelten Mandat verbundenen ambivalenten Funktion allerdings begrenzt sein. Denn Sozialer Arbeit ist es als Bestandteil staatlicher Wohlfahrt strukturell unmöglich, jener staatsunabhängige gesellschaftliche Ort zu sein, den das professionelle CO zwingend als Voraussetzung angibt. Durch die grundsätzliche Opposition zu staatlichen und institutionellen Organisationsformen bietet CO der Sozialen Arbeit keine systematische Perspektive darauf, welche unterstützende Funktion sie als institutionelle Absicherung des Zusammenspiels von informell gebildeter öffentlicher Meinung durch CO und institutionalisierten Beratungen in der Wohlfahrtsbürokratie einnehmen könnte.

Fazit

Das CO in der Tradition Alinskys sollte in Anerkennung der Ausgangsbedingung der staatlichen Unabhängigkeit der Bürgerorganisationen nicht der Profession Soziale Arbeit zugerechnet werden. Soziale Arbeit kann bestenfalls Elemente des CO in ihr professionelles Handeln übernehmen. Entsprechend hat es Dieter Oelschlägel auf den Punkt gebracht: »Klar ist: CO ist nicht Sozialarbeit. CO hat als organisierende Kraft die größere Wirksamkeit außerhalb der Sozialen Arbeit«. (37)

Die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit CO kann der Sozialen Arbeit allerdings wichtige Impulse liefern, für die Entwicklung einer lebensweltorientierten professionellen Praxis, die über die bloße Affirmation bestehender Verhältnisse hinausgeht. Hans Thiersch hat darauf hingewiesen, dass die Soziale Arbeit als Organ einer tendenziell auf soziale Demokratie hin orientierten Gesellschaft eine normative, demokratietheoretische Verortung benötigt: »Soziale Arbeit ist gesellschaftlich verwurzelt in einer auf Veränderung und auf ihr protestatives Potenzial hin ausgelegten Demokratietheorie«. (38) Für diese Verortung von Funktion und Selbstverständnis der Sozialen Arbeit als ein demokratieförderndes Organ der Gesellschaft hält das CO markante Wegweiser bereit.

Neben der für Soziale Arbeit generell geltenden Anforderung zur Adressatenpartizipation fordert CO die Soziale Arbeit auf, z. B. den potenziellen Entmündigungscharakter sozialarbeiterischer Intervention, kritisch zu hinterfragen. Gerade für die aktuellen Fachdiskussionen der Sozialen Arbeit über Entwicklungen im Bereich der GWA und der Sozialraum-orientierung zwischen Tendenzen harmonistischer Systemaffirmation durch das Erzeugen lokaler Gemeinschaftlichkeit versus einer auch an widerständigen Interessen orientierten Gestaltung von Lebenswelten, insbesondere auch mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen, bildet das CO eine wichtige kritische Analysefolie.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Mit der aus dem CO abgeleiteten Zielperspektive einer Befähigung zur Bürger/in oder zum Bürger/in-Sein kann es gelingen, den in der Sozialen Arbeit dominierenden problemzentriert-fürsorgerischen Sichtweisen eine zivilgesellschaftlich fundierte Entwicklungsperspektive hinzuzufügen: die Ermöglichung von machtvoller Teilhabe bei der Gestaltung von Lebenswelten durch professionelle Soziale Arbeit.