Soziale Arbeit

Seite 5: Ist CO Soziale Arbeit?

Für Alinsky ist staatlich organisierte Soziale Arbeit eher Teil des Problems als Teil der Lösung gesellschaftlicher Un-gleichheiten. Er grenzt seinen CO-Ansatz scharf von fürsorglich-affirmativen Praxen Sozialer Arbeit ab, wenn er Sozialarbeiter/innen vorwirft: »They organize to get rid of four-legged rats and stop there; we organize to get rid of four-legged rats so we can get on to removing two-legged rats«. (31)
Dieser distanzierten Haltung zur Sozialen Arbeit folgend gibt es auch in der deutschsprachigen Veröffentlichung zum CO »Forward to the roots« den Abschnitt »Abgrenzung zur sozialen Arbeit«. (32) Damit Bürger/innen die notwendige souveräne Macht erlangen können, um strukturelle Veränderungen ihrer Lebenssituation herbeizuführen, müssen sie sich dem staatlichen Paternalismus entziehen, indem sie sich selbst organisieren und ihre Organisation konsequent unabhängig machen von staatlicher Förderung.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

CO verortet sich bewusst außerhalb des wohlfahrtsstaatlichen Systems, allein den Mitgliedern der Bürgerorganisationen und ihren Zielen verpflichtet als unabhängige Gegenmacht.

Um der Vereinnahmung durch die Kontrolle Dritter zu entgehen, ist daher eine möglichst staatsunabhängige Finanzie-rung unverzichtbares Kriterium für Organisationen – und damit auch für die hauptamtlichen Organizer. (33) Die Entloh-nung der Organizer stützt sich auf die Beiträge der Mitglieder und Mitgliedsinstitutionen sowie Stiftungsmittel. Damit verlässt das CO den für Soziale Arbeit gewohnten Rahmen subsidiärer Finanzierung durch den Wohlfahrtsstaat. Dieser Rahmen besteht in dem für die Soziale Arbeit konstitutiven sozialrechtlichen Leistungsdreieck aus Leistungserbringer, Leistungsempfänger/in und Kostenträger der Leistungen: Jede Dienstleistung, die die Soziale Arbeit erbringt, kostet Geld und muss somit finanziert werden. In den meisten Fällen wird diese Leistung nicht direkt von den Bürger/innen als Leistungsempfänger/innen bezahlt, da diese häufig nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen. Vielmehr ist der Kostenträger das Versicherungssystem oder der (kommunale) Staat.

Das tiefe Misstrauen in der nordamerikanischen CO-Tradition gegenüber wohlfahrtsstaatlichem Handeln und wohlfahrtsstaatlicher Finanzierung ist durch die in den USA nur schwach ausgeprägte sozialstaatliche Absicherung von Lebensrisiken durchaus nachvollziehbar. Allerdings läuft man bei der Übertragung des CO nach Deutschland Gefahr, sich relativ unsensibel für die Errungenschaften der kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaatlichkeit zu zeigen. Mit der pauschalen Verortung der Sozialen Arbeit als verlängerter Arm einer alimentierenden, paternalistischen und kolonialisierenden staatlichen Wohlfahrtsbürokratie bekommt das CO die mit der Alltagswende in der Sozialen Arbeit verbundenen emanzipatorischen Entwicklungen nur schwerlich in den Blick. Wenngleich Soziale Arbeit strukturell dem Dilemma des doppelten Mandats aus Hilfe und Kontrolle unterworfen bleibt, wird dort keineswegs nur eine bewusstlose Affirmation der gesellschaftlichen Verhältnisse betrieben. Die sich zunehmend z. B. unter den Etiketten Lebensweltorientierung, Sozialraumorientierung und integrierter Stadtteilentwicklung kleinräumiger und lebensweltnäher organisierenden sozialen Dienste bieten hier auch aus der Perspektive des CO Andockstellen für die stärkere Betonung des Bürger/innenwillens.

Die ablehnende Haltung des CO gegenüber sozialstaatlicher Finanzierung bei einer gleichzeitigen Offenheit für finanzielle Unterstützung durch Unternehmensstiftungen weist zudem eine nicht unproblematische Nähe zur neoliberalen »Privat vor Staat-Rationalität« auf. Dass die Finanzierung von Bürgerorganisationen durch die finanziellen Mittel von Stiftungen profitorientierter Weltkonzerne automatisch höhere Autonomie mit sich bringt, darf zumindest bezweifelt werden. Eine weitere Problematik der latenten anti-wohlfahrtsstaatlichen Perspektive im CO wird von Sandra Land-häusser aufgezeigt. Sie kritisiert an Alinskys CO-Ansatz, dass er »die Verantwortung für gesellschaftliche Veränderung in die Hände der benachteiligten Personen selbst legt«. (34) Damit werde eine Responsibilisierung benachteilig-ter Akteure statt benachteiligender Situationen betrieben. Gegen die abhängig machenden Tendenzen des Sozialstaats setze das CO, so der Vorwurf, zu einseitig auf außerstaatliche Akteure und trage so dazu bei, den Staat aus seiner sozialstaatlichen Verantwortung zu entlassen. Carsten Müller und Peter Szynka sind gegensätzlicher Auffassung: »Eine mittels CO gebildete starke Bürger-Organisation nimmt die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft in die Pflicht«. (35)