Soziale Arbeit

Seite 2: Impulse des CO auf Soziale Arbeit

CO bildete – neben marxistischen Gesellschaftstheorien – einen zentralen Referenzpunkt für die in den 1960er und 1970er Jahren aufblühenden Entwürfe einer gesellschaftskritischen GWA in Deutschland. Deren Ausgangspunkt war eine Kritik an der Individualisierung gesellschaftlicher Problemlagen und an einer expertendominierten Entmündigung der Adressaten durch den Sozialstaat. »Der Begriff des Gemeinwesens gewann in dem Moment an sozialpädagogischer Bedeutung, in dem klar wurde, dass eine ausschließliche Betrachtung von ›sozialpädagogischen‹ Einzelfällen oder ›Klientengruppen‹ fachlich unzureichend ist, es also methodischer Erweiterungen der sozialpädagogischen Per-spektive bedurfte, die die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen für individuelle Ausgrenzungsprozesse reflektierte und versuchte, dort an gesellschaftlichen Strukturen anzusetzen, wo dies sozialpädagogisch möglich ist: im unmittelbaren Umfeld der Adressat/innen, im ›Gemeinwesen‹«. (11) Die stark durch das CO beeinflusste GWA war somit auch Ausdruck einer Kritik an der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit selbst, indem die GWA über einen stärkeren Umfeldbezug eine Überwindung individualisierender Methoden in der Sozialen Arbeit einforderte.

Mitte der 1990er Jahre erfolgte dann erneut eine verstärkte Rezeption des CO in der Sozialen Arbeit in Deutschland, ausgelöst durch eine Diplomarbeit von Marion Mohrlok u. a., in der ein systematischer Vergleich der deutschen Gemeinwesenarbeit mit dem nordamerikanischen CO vorgenommen wurde. (12) Die darin formulierten Kritiken an der Praxis der deutschen GWA führten zu zum Teil heftigen Kontroversen zwischen vermeintlichen »alten Hasen« und »jungen Hüpfern« der deutschen Gemeinwesenarbeitsszene. (13)

Während der Einfluss von Alinskys Werk für die Entwicklung der bundesdeutschen GWA wegweisend war (14) und einige Maximen, wie z. B. die Orientierung am Eigeninteresse und die Verschiebung von der Defizit- zur Stärkenperspektive, Eingang in viele Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit genommen haben, ist eine konsequent auf den Organisationsaufbau von Bürgerforen und Bürgerplattformen abzielende Praxis der Profession Soziale Arbeit bis auf wenige Ausnahmen (15) nicht in Sicht. Rudolph Bauer und Peter Szynka beschreiben den deutschen Umgang mit CO und Alinskys Schriften als Nicht-Rezeption und kritisieren, dass der Ansatz »in der Sozialen Arbeit hierzulande keine theoretisch-konzeptionelle und praktisch-richtungsweisende Resonanz gefunden hat«. (16) Die Bezugnahme auf CO in der Theoriebildung und der Praxis der deutschen Sozialarbeit bleibt eher die Ausnahme als die Regel.

Impulse des Community Organizing für die Soziale Arbeit

Mit Bezugnahme auf CO lassen sich zentrale Begrifflichkeiten Sozialer Arbeit präzisieren:

Beteiligung findet nicht nachgeordnet-informierend statt, sondern meint im CO die Beteiligung von Bürger/innen an der Aufstellung eines gemeinsamen Aktionsprogramms und an möglichst machtvollen Aktionen zur Umsetzung dieses Programms. Mit der radikalen Orientierung am Eigeninteresse der Menschen lässt sich auch der Aktivierungsbegriff in der Sozialen Arbeit schärfen: Aktivierung bedeutet nicht extrinsische Motivation, sondern die Erkundung vorhandener Aktivitätsbereitschaft und Erforschung der Eigeninteressen der Menschen. (17)

Insbesondere für die Entwicklung einer bürgergesellschaftlichen Perspektive Sozialer Arbeit hält CO wertvolle Hinwei-se bereit. CO betont die Bedeutung organisierter zivilgesellschaftlicher Formationen nahe an der Lebenswelt der Menschen in ihren Stadtteilen für eine korrigierende Beeinflussung der Akteure in Staat und Wirtschaft. (18) CO beruht »auf einer dauerhaften, vielfältigen Allianz zivilgesellschaftlicher Institutionen, die an bestimmten Orten arbeitet, um soziale und ökonomische Veränderungen zu bewirken und während dieses Prozesses Bewohner zu Bürgern macht«. (19)