Soziale Arbeit

Seite 3: Community Organizing & Soziale Arbeit
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Mit der Orientierung am CO bietet sich der Sozialen Arbeit die Möglichkeit, die Erkenntnis in professionelles Handeln zu übersetzen, dass die Substanz der Bürgergesellschaft nicht in Selbsthilfe, sondern in Selbstorganisation liegt. (20)

Denn der nebulöse Begriff der Selbstorganisation wird im CO konsequent verstanden als Aufbau von lebensweltlich basierten bürgergesellschaftlichen Zusammenschlüssen. Mit CO liegt ein elaborierter Ansatz zur Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationsbildung vor. Daraus können für die Soziale Arbeit Orientierungsmarken entwickelt werden für die Unterstützung kollektiven Bürgerhandelns in Form von nahräumlich basierten zivilgesellschaftlichen Vereinigungen. Diese sind für die Zivilgesellschaft zentral, weil nur darüber gewährleistet werden kann, dass die Bürger/innen nicht als Einzelne in ihrem bürgergesellschaftlichen Engagement angesprochen werden, sondern als kollek-tive Akteure. Durch die regelmäßigen Schulungen der aktiven Bürger/innen und das Handeln als Bürger/in werden im CO die individuellen und assoziativen zivilgesellschaftlichen Kompetenzen systematisch erweitert.

Damit konkretisiert das CO die sozialpädagogische Suchbewegung vom Klienten zum Bürger und bietet auch Hinweise für die Gewinnung eines sozialpädagogischen Bildungsbegriffs: Soziale Arbeit als Befähigung zur/m Bürger/in. Denn auch Alinsky begreift die Funktion der Bürgerorganisationen letztlich als umfassenden Bildungsprozess: »Im Grunde ist das Ziel, das jede demokratische Bewegung anstreben muß, das Endziel der Demokratie schlechthin: Volksbildung. … Der eigentliche Zweck und Charakter einer Bürgerorganisation ist erzieherischer Natur«. (21)

So lässt sich aus dem CO heraus ein umfassender bürgergesellschaftlicher Befähigungs- und Ermöglichungsauftrag Sozialer Arbeit entwickeln, der zwei Aktivierungsrichtungen beinhaltet:

  • Befähigung von Menschen als Bürger/innen zu handeln: Aufgabe Sozialer Arbeit in diesem Zusammenhang ist es, demokratische Lern- und Bildungsprozesse der Bürger/innen zu initiieren, zu erproben und aufrechtzuerhalten: Das bedeutet eine Förderung der bürgerschaftlichen Kompetenzen von Individuen wie auch von zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen.
  • Verbesserung der zivilgesellschaftlichen Umfeldbedingungen: Die Teilhabechancen der Bürger/innen sind maßgeblich von der partizipativen Offenheit der Institutionen abhängig. Die Soziale Arbeit ist daher aufgefordert, auch die institutionellen Ermöglichungsräume für zivilgesellschaftliches Handeln auszudehnen. (22)

Darüber hinaus kann das CO ein wichtiges Korrektiv gerade für sozialraumorientierte Konzeptionen Sozialer Arbeit sein, weil es die hier gelegentlich erfolgenden thematischen und territorialen Verengungen verdeutlicht. CO steht für die Überwindung einer in der Sozialraumorientierung zum Teil anzutreffenden übertrieben unflexiblen Kleinräumigkeit und öffnet den Raumbezug vom Stadtteil hin zu einer kommunalen und regionalen Perspektive.

Der klassische Arbeiter/innenstadtteil als Wohnviertel von Menschen in gleicher Klassen- und Interessenlage ist Geschichte. Aufgrund sich immer weiter ausdifferenzierender Milieus und Lebenspraktiken kann auch im selben Stadtteil zunehmend weniger von gemeinsamen Problemlagen und daraus resultierenden ähnlichen Interessenlagen ausgegangen werden. Daher sind größere und fluidere Raumbezüge vorteilhaft, wie sie im CO unter der Chiffre Broad-based-Organizing verwendet werden. Edward Chambers, der Nachfolger Alinskys, begründet die Einführung des Begriffs Broad-based-Organizing in den 1980er Jahren damit, dass die nachbarschaftliche Community in der modernen Welt als Territorium für das Organizing zu eng geworden sei. (23) Broad-based-Organisationen arbeiten »meist stadtweit, manchmal sogar regional, niemals aber nur stadtteilweit«. (24)