Soziale Arbeit

Seite 1: Annäherung an ein ambivalentes Verhältnis

Community Organizing und Soziale Arbeit

Soziale Arbeit und Community Organizing (CO) stehen in einer spannungsreichen Korrespondenzbeziehung. (1) C. Wolfgang Müller hat in seinem Buch »Wie Helfen zum Beruf wurde« rekonstruiert, wie die Soziale Arbeit auf dem Weg zu ihrer Professionalisierung ihren handwerklichen Kern immer wieder aus der Praxis Sozialer Bewegungen entfaltet hat. Für eine Verhältnisbestimmung von CO und Gemeinwesenarbeit (GWA) lässt sich mit Müller festhalten, dass hier, wie in der Sozialen Arbeit insgesamt, die Methoden »im historischen Prozess weder von den Trägern Sozialer Arbeit verordnet noch von Ausbildungsstätten Sozialer Arbeit aus vorgefundenen Theorie-Konstrukten abgeleitet wurden, sondern das sie in der experimentellen Praxis sozialer Reformbewegungen erfunden und entwickelt worden sind«. (2) Die derart gewonnenen methodischen Leitlinien wurden dann »von der ›öffentlichen‹ Sozialen Arbeit gern, zögernd, manchmal auch widerstrebend integriert«. (3)

Das Verweisungsverhältnis zwischen CO und professioneller GWA steht damit beispielhaft für die bedeutenden Einflüsse von Basisbewegungen auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit hin zu einem Beruf, aber eben auch für die (gelegentlich schmerzende) Erkenntnis, dass die professionelle Soziale Arbeit selbst keine Soziale Bewegung ist. Dabei gibt es weder das CO noch die Soziale Arbeit, sondern in beiden Fällen eine Vielzahl von Konzeptionen und Einsatzfeldern. Die folgenden Ausführungen zur ambivalenten Beziehung von CO und Sozialer Arbeit erfolgen daher vereinfachend und holzschnittartig.

Zur Rezeption des Community Organizing in der Sozialen Arbeit in Deutschland

CO wurde, allerdings in einer unpolitischen Variante, in den USA nach dem Ersten Weltkrieg in den professionellen Bereich der Sozialen Arbeit aufgenommen und erlangte als dritte sozialarbeiterische Methode Bedeutung neben der Einzelfallhilfe und der Gruppenarbeit. (4) Dieses Trinitätsmodell Sozialer Arbeit übernahm man in Deutschland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere durch die Rezeption des 1955 erschienen Lehrbuchs von Murray G. Ross »Community Organization – Theory and principles« (5), wurde die GWA mit CO gleichgesetzt und als dritte Me-thode der Sozialen Arbeit eingeordnet. (6)

Im Zuge einer gerade durch die Einflüsse der Studenten/innenbewegung Ende der 1960er Jahre stärker politisierten Sozialen Arbeit wurden dann Adaptionen eines ganz anderen, aggressiveren CO-Verständnisses diskutiert, wie es maßgeblich von Saul D. Alinsky vertreten wird. 1971 erschien erstmals ein von Müller ins Deutsche übersetzter Auf-satz Alinskys »Die Rolle informeller Führer beim Aufbau von Volksorganisationen«. (7) Alinsky hatte in den 1940er Jahren ein differenziertes Set von Prinzipien, Regeln, Methoden und Strategien entwickelt, um die Bewohner benachteiligter Stadtteile als organisierte Bürger/innen zu ermächtigen. Dabei handelt es sich um ein aus der Tradition der Gewerkschafts- und Bürgerbewegungen der USA heraus entwickeltes Konzept, »welches soziale Bewegungen durch Herausstellen von Interessengegensätzen und durch erlaubtes Unrecht in Gang zu setzen« (8) versuchte. Kernintention des CO im Sinne Alinskys ist es, Menschen zu ermöglichen, »wirklichen Einfluss auf Entscheidungen und auf Strukturen, die die Menschen unmittelbar betreffen, zu nehmen«. (9)

Grundprinzipien:

  • Bemächtigung entmachteter oder ohnmächtiger Menschen und die Erlangung von Macht (Power),
  • Aufbau von Community-basierten Bürgerorganisationen als Machtbasis (Power Base) zur Durchsetzung von Interessen und
  • Veränderung benachteiligender Strukturen (Change). (10)