Gewerkschaften

Seite 3: Revitalisierung von Gewerkschaften

Campaigning – Ansätze zur Revitalisierung von Gewerkschaften

Das Neue an dieser Art von Arbeitskampf war die Öffnung der Gewerkschaft in Richtung auf zivilgesellschaftliche Gruppen, dem »Organisieren von Organisationen«. Neu war auch, dass die strategische Federführung dieser Kam-pagnen zwar bei der Gewerkschaft lag, aber alle beteiligten Organisationen gleichberechtigt miteinander arbeiteten. Das führte zu kreativen und auf das jeweilige soziale Milieu der Organisationen bezogenen Aktionsformen. So konnten Aktionen bei diesen Druckkampagnen zum Teil weit über das hinausgehen, was für die Gewerkschaft alleine möglich gewesen wäre: Attac-Gruppen stiegen beispielsweise bei Lidl auf die Dächer, Kirchengemeinden machten politische Kreuzwegandachten, Friedensgruppen mobilisierten zum Boykott und Frauengruppen planten Sprühaktionen. Das alles sind Aktionsformen, die die Gewerkschaft damals nicht direkt hätte durchführen können oder wollen. Sie waren aber hilfreich, um ein buntes Bild in der Öffentlichkeit und vielfältige Druckpunkte auf den Konzern zu erzeugen.

Insgesamt war mit dieser Art von Druckkampagne die Zielsetzung verbunden, zur Revitalisierung der Gewerkschaften beizutragen. Revitalisierung bezog sich auf neue Arbeitskampfformen, neue kreative Aktionsformen, gleichberechtigte Bündnisarbeit und auf die Art und Weise, in Kampagnen zu arbeiten als Ergänzung zu den klassischen Streiks. Viele dieser Ansätze wurden Ende 2005 auf einer Tagung mit dem programmatischen Titel: »Kampagnen – Eine Kampfform der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen« zusammengetragen.

Organizing – Erweiterung und Begrenzung

Ebenfalls 2005 begann, ausgelöst durch die Tagung »Never work alone«, in der Gewerkschaft ver.di eine breite Diskussion über sogenannte Organizing-Ansätze. (2) Lag der Schwerpunkt bislang auf dem Thema Kampagnen, wurde jetzt verstärkt der Aspekt des Organizing, also der Organisierung, hervorgehoben. Dabei wurde auch hier von Anfang an auf Alinsky zurückgegriffen. Alinsky wurde nun weniger als Campaigner sondern mehr als Organizer – so der deutsche Sprachgebrauch – wahrgenommen. Wobei unter Organizing vorrangig spezifische Techniken der Mitgliedergewinnung, Aktivierung und Entwicklung verstanden wurden.

Viele der aktiven Kollegen und Kolleginnen verbanden mit den Diskussionen und den daraus folgenden Projekten die Idee, die Gewerkschaftsbewegung zu revitalisieren und die Gewerkschaft als eine soziale Bewegung zu reorganisieren. Angesichts anhaltender Mitglieder- und Bedeutungsverluste war dies für Gewerkschaften ein existenzielles Thema. Dabei wurde übersehen, dass von dem Konzept Alinskys, das mittlerweile unter dem Label Community Organizing in Deutschland bekannt war, im gewerkschaftlichen Konzept nunmehr überwiegend das Organizing im Mittelpunkt stand – eine Verkürzung des umfassenderen Ansatzes von Alinsky.

Die »Community«, die städtischen Gemeinschaften oder auch die Zivilgesellschaft tauchten bei vielen der folgenden Projekte eher am Rande auf. Wenn überhaupt, waren nun mit Community betriebliche Belegschaften gemeint. Von Anfang an bewegten sich die Organizer im Zwiespalt zwischen der Hoffnung, mittels neuer Formen betrieblicher Mobilisierung insgesamt die Gewerkschaftsarbeit neu ausrichten zu können, und dem von oben kommenden Druck, pragmatisch Mitglieder zu machen. Es stand zu befürchten, dass aus dem radikaldemokratischen und breit angelegten Konzept von Alinsky ein reduziertes Konzept zur bloßen Mitgliedergewinnung werden würde.