Gewerkschaften

Seite 4: Campaigning & Gewerkschaften

Diese Tendenz verstärkte sich, als ab 2009/10 die Gewerkschaft IG-Metall, die der Organizing-Debatte bis dahin eher reserviert gegenüber gestanden hatte, das Konzept mit großer Energie aufgriff. So wurden die bisherigen Erfahrun-gen, unter anderem von ver.di und von US-amerikanischen Gewerkschaften, aufgearbeitet. Eine eigene Abteilung mit mehr als einem Dutzend hauptamtlicher Organizer wurde aufgebaut. Diese Abteilung widmet sich in ihrem Schwerpunkt seitdem dem Thema Organizing mit entsprechenden betrieblichen Projekten. Zugleich erschienen Publikationen, die die Gedanken von Alinsky in der Organisation weiter verbreiten sollten. So etwa eine Broschüre der IG Metall-Jugend »Die Zukunft gehört uns«, die ein ganzes Kapitel Alinsky widmet. Das Buch »Anleitung zum Mächtigsein« (3) wurde von der IG-Metall neu auflegt. Bislang ist noch nicht auszumachen, wer hier wen verändert: Die neuen Ideen die Organisation oder die Organisation den neuen Arbeitsansatz.

Für Gewerkschaften ist es verführerisch, Organizing auf Organisierung, also Mitgliedergewinnung, zu reduzieren. Sie können sehr schnell und vergleichsweise effektiv neue Mitgliederbereiche erschließen und den Mitgliederschwund stoppen. Wer Gewerkschaften nur kurzfristig auf Mitglieder hin orientiert, verfehlt jedoch weitergehende Ziele einer Gewerkschaft. Mittelfristig wird die Energie der Mitglieder fehlen, diese Großorganisationen inhaltlich und auf der Basis gemeinsamer politischer Ziele zu entwickeln. Organizing ist keine Mitgliedergewinnung, es ist sehr viel mehr! Dafür steht nicht zuletzt der Name Alinsky.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Dort wo Organizing nachhaltig wirkt, gelingt dies, wenn neben neuen Mitgliedern auch ein neues Selbstverständnis als Gewerkschaft bei den Hauptamtlichen, den Aktiven und in den Belegschaften verankert wird: Gewerkschaften als demokratische und beteiligungsorientierte Organisationen.

Justice for Janitors – Maßstab, aber nicht Vorbild

Ein exemplarisches Beispiel für erfolgreiches gewerkschaftliches CO stellt in jüngerer Zeit die Kampagne »Justice for Janitors« (Gerechtigkeit für Gebäudereiniger) der US-amerikanischen Dienstleistungsgewerkschaft SEIU dar. Der Regisseur Ken Loach hat diese Kampagne mit dem Film »Bread and Roses« einem breiten Publikum bekannt ge-macht. Hier finden sich alle Elemente wieder, wie sie Alinsky formuliert hat: Gewerkschaft als soziale Bewegung, Auf-bau von Gegenmacht, kontinuierliche Entwicklung von Strukturen, beharrliche Gewinnung neuer Mitglieder, unmittel-bare Ansprache der Beschäftigten, freche Aktionsformen, die den Gegner in seinem sozialen Umfeld treffen sowie basisdemokratische Mobilisierungsformen. So weit, so hilfreich. Bedauerlicherweise wurde die Kampagne, wie sie der Film zeigt, oft zum generellen Maßstab für Kampagnenplanungen in Deutschland erklärt.

Die Kampagne ist jedoch von einer Komplexität, wie sie bei gewerkschaftlichen Kampagnen in Deutschland bislang kaum erreicht wurde. Auch in den USA stellt sie eher die Ausnahme als die Regel dar. Darum ist es schwierig, sie als Vorbildkampagne zu begreifen. US-amerikanische Gewerkschaften besitzen jahrzehntelange Erfahrungen, Gewerkschaft als soziale Bewegung zu organisieren. Sie haben entsprechende Planungs- und Recherchekapazitäten, sie verfügen über ausgebildete Campaigner/innen und Organizer/innen. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung hingegen befindet sich mit dieser Art von Kampagnen noch in einer Suchbewegung. Die »Justice for Janitors«-Kampagne zum Maßstab zu nehmen, kann deshalb Aktive auch lähmen. Das Alltagsgeschäft in Deutschland ist zumeist viel prosaischer und bescheidener, jedoch für kleine gewerkschaftliche Organisationseinheiten mit begrenzten Ressourcen zugleich eher praktikabel.