Gewerkschaften

Seite 2: Alinsky in der Gewerkschaftsarbeit

OrKa (Organisierung & Kampagnen)

Ab Mitte der 1990er Jahre trafen sich Aktive aus der Gewerkschaftsbewegung, um Gedanken von Alinsky – verbunden mit den Kampagnenkonzepten von Martin Luther King, der Bürgerrechtsbewegung und von Bill Moyer sowie aktuellen Impulsen aus amerikanischen und bundesdeutschen Arbeitskämpfen – verstärkt in die deutsche Gewerk-schafts- und Arbeiterbewegung hineinzutragen. Die hieraus hervorgegangene Gruppe mit dem Namen OrKa (Organisierung & Kampagnen) hat als ein Ziel, gewerkschaftliche Auseinandersetzungen als soziale Bewegung aufzubauen und zugleich die Gewerkschaftsbewegung mit den sozialen Bewegungen stärker zu verknüpfen. Die Stärken der alten Arbeiterbewegung und der neuen sozialen Bewegungen sollten so miteinander verbunden werden: auf der einen Seite die Erfahrungen beim systematischen Organisieren großer Proteste in der Arbeitswelt, auf der anderen Seite die Spontaneität kreativer und radikaler Aktionen von Gruppen der Zivilgesellschaft.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Die Arbeit von OrKa knüpfte an eine erfolgreich verlaufene Gewerkschaftskampagne an: die Schlecker-Kampagne von 1994/95. Hier fand Gewerkschaft als soziale Bewegung statt.

Der Organisationsgrad unter den Beschäftigten bei der Drogeriekette Schlecker war zunächst sehr gering. Deshalb mussten neue Arbeitskampfformen praktiziert werden, die nicht vorrangig auf einer betrieblichen Verankerung aufbau-ten. Die Kampagne hatte vielfältige Bezüge in die Zivilgesellschaft hinein, wie zum Beispiel zu Kirchen, Frauen- und Friedensgruppen, Künstler/innen und Parteien. Über das Thema Konsumverhalten bezog sie die Kunden und Kundinnen mit ein. Und das mit großem Erfolg. Gegenüber der massiven Front von Medien, Politik, Justiz, Gewerkschaft und dem Verhalten der Kunden und Kundinnen musste sich Anton Schlecker, der Chef des Konzerns, geschlagen geben und die Gründung von Betriebsräten zulassen. Das Unternehmen stellte außerdem die Schikanen gegenüber den Beschäftigten zumindest teilweise ein.

Diese Art von Kampagne, die wir später ›Druckkampagne‹ nannten, wurde in den nächsten Jahren in den Gewerkschaften immer wieder praktiziert. Bei Kampagnen zur City Bank, beim Versandhaus Quelle/Schöpflin, bei Nanz, Mediamarkt, Hertie und Edeka, bei den Kämpfen gegen Privatisierung zum Beispiel von Krankenhäusern, in jüngerer Zeit auch gegen Bofrost und Ikea oder auch beim Streikrecht in kirchlichen Einrichtungen. Größere öffentliche Aufmerk-samkeit erzielte dabei die Lidl-Kampagne. Sie führte zu einem großen öffentlichen Echo über die Beschäftigungs-Praktiken bei Discountern allgemein und zu einem positiven Renommee der Gewerkschaft ver.di.