Zur Geschichte des Community Organizing in Deutschland

Seite 3: Kooperation von FOCO & IAF

Institutionalisierung von Community Organizing in Deutschland

Auf seinem Gründungstreffen im Mai 1993 hatte sich das Forum für Community Organizing (FOCO) gegen eine institutionalisierte Form der Zusammenarbeit ausgesprochen. Finanzierungsfragen lösten eine Debatte über einen verbindlicheren Rahmen der zukünftigen bundesweiten Zusammenarbeit aus. Nach ausführlicher Diskussion wurde die Gründung eines Vereins beschlossen. Beim Gründungstreffen im Mai 1995 wurde festgehalten, dass die Mitarbeit im zukünftigen Forum für Community Organizing e. V. in keinerlei Hinsicht an die formale Mitgliedschaft im Verein gebunden ist. An diesem grundlegenden Prinzip hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert.
In diese Zeit fiel auch der erste persönliche Kontakt zu Leo Penta, der im Namen der von Alinsky 1940 gegründeten Industrial Areas Foundation (IAF) nach Möglichkeiten der Implementierung des IAF-Modells in Deutschland suchte. Ein erstes Treffen hierzu fand im Februar 1996 in Saarbrücken statt, auf dem Penta ausführlich über die Vorgehensweise der IAF im Rahmen des »Broad Based Organizing« und die hierfür erforderlichen, auch finanziellen Voraussetzungen informierte. (20) Die Diskussion darüber, inwieweit FOCO den Aufbau eines eigenständigen CO-Projekts nach dem IAF-Modell aktiv betreiben sollte, wurde zusammen mit Penta auf der Arbeitstagung im August des Jahres in Frankfurt/Main fortgesetzt, zumal dort ohnehin die Diskussion um CO und die konkreten Perspektiven für Deutschland vertieft werden sollte.

In dieser Diskussion prallten dann die unterschiedlichen Vorstellungen zu Community Organizing – Broad Based vs. Grassroot Organizing, kategorialer vs. territorialer Zugang – aufeinander und gewisse gegenseitige Vorbehalte wurden deutlich. Während die Einen eine zu starke Bindung an die IAF befürchteten, glaubten Andere gerade dadurch CO auch in Deutschland zu einem größeren Renommee zu verhelfen.

Auf der FOCO-Mitgliederversammlung wurde eine »Fachgruppe Organizing« eingerichtet, die eine vertragliche Zusammenarbeit beider Organisationen klären sollte. Darüber hinaus wurde betont, dass sich FOCO nicht allein auf das Modell von »Broad Based Organizing« konzentrieren solle. (21)

Kooperation mit der IAF

Anfang November 1996 war es dann soweit, die Zusammenarbeit von IAF und FOCO wurde vertraglich besiegelt. Das Forum Community Organizing e. V. lädt »die IAF nach Deutschland ein und erklärt sich bereit, auf das Ziel eines unabhängigen Sponsoring-Komitees für Community Organizing auf breiter Basis (Broad Based Organizing) in Deutschland hinzuarbeiten« (22). Konkret vereinbart wurden monatliche Trainings- und Beratungsleistungen im Umfang von 1,5 Tagen durch Penta, zwei fünftägige Aufenthalte des IAF-Direktors, Chambers (»or a senior IAF staff member«), zu gleichen Zwecken in Deutschland sowie die kostenlose Teilnahme von FOCO in Absprache mit der IAF entsandten Personen an den IAF-Trainings in den USA. Zur Einhaltung der mit dem Vertragsabschluss eingegangenen Verbindlichkeiten, einschließlich der finanziellen Konditionen, verpflichteten sich zwölf Personen der auf der Tagung in Frankfurt/Main im Sommer eingesetzten »Fachgruppe Organizing«, sodass der Verein als solcher lediglich als eine Art Ausfallbürge bei Nichteinhaltung dieser Selbstverpflichtung fungierte. Auch bedeutete der Abschluss des Kooperationsvertrages nicht, dass sich FOCO damit einseitig auf das IAF-Modell festgelegt hatte, sondern die Vielfalt der unterschiedlichen Ansätze im CO fand nach wie vor hier ihren Platz.

Die vertraglich vereinbarte Zusammenarbeit mit der IAF stellte eine neue Entwicklungsstufe für CO in Deutschland und auch für FOCO dar. Während es bislang um die Implementierung von Methoden und Prinzipien von CO in bestehende Projekte, vornehmlich im Rahmen der Gemeinwesenarbeit, ging, sollte nun der Aufbau eines eigenständigen CO-Projekts hierzulande vorangetrieben werden. Als mögliche Orte hierfür kristallisierten sich in der Folgezeit Berlin, Saarbrücken und insbesondere Osnabrück heraus, wo sehr bald auch bereits erste Gespräche auf lokaler Ebene geführt wurden. Im Oktober 1997 konstituierte sich ein sog. Gründungskreis, bestehend aus Vertreter/innen von acht Institutionen, die sich verpflichteten, Geld und Zeit für den Aufbau einer Bürgerorganisation zu investieren, d.h. im Wesentlichen selbst Einzelgespräche zu führen und einen finanziellen Beitrag zu leisten. (23) Bei der Suche nach überregionalen Sponsoren für das zu initiierende eigenständige CO-Projekt wurden in den Jahren 1997/1998 Gespräche mit verschiedenen bundesweit aktiven Stiftungen, vorwiegend aus dem sozialen Umfeld, geführt.

Standortsuche

Nach zwei Jahren Aufbauarbeit zeichnete sich an den drei potenziellen Standorten für ein eigenständiges CO-Projekt im Februar 1999 schließlich folgendes Bild: Wegen nicht erfolgversprechenden Finanzierungsverhandlungen mit den Kirchen hatte der Gründungskreis in Osnabrück beschlossen, »die Aufbauarbeit für eine Bürgerorganisation nicht weiter fortzuführen« (24). In Saarbrücken wurde nach einer längeren Sondierungsphase keine Möglichkeit gesehen, »›klassisch‹ nach dem IAF-Modell vorzugehen«, und in Berlin waren relevante FOCO-Akteure aus persönlichen Gründen aus dem Projekt ausgestiegen. »Wir kommen zum Ergebnis, dass es angesichts der genannten Perspektiven keinen Sinn macht, sich weiter in dieser ›Fachgruppe Organizing‹ zu treffen. ... Wir beschließen den Vertrag mit IAF zu kündigen. Ein großer Dank an Leo Penta und die Industrial Areas Foundation für die bisherige und hoffentlich weitere Unterstützung« (25), lautete das Fazit aus dieser Sachlage. Trotz des Scheiterns des Projekts wurde dafür plädiert, die Kontakte »in irgendeiner Form« (26) aufrecht zu erhalten und die Zusammenarbeit mit Penta auf bilateraler Ebene fortzuführen. Das aus der Vereinbarung mit der IAF noch vorhandene Geld sollte weiterhin der ursprünglichen Bestimmung gemäß zum Aufbau von »Broad Based Community Organizing« genutzt werden. Penta erhielt hierzu von FOCO den entsprechenden Arbeitsauftrag. Halbjährlich sollte dieser zukünftig über den aktuellen Entwicklungsstand seiner Bemühungen dem FOCO berichten.