Zur Geschichte des Community Organizing in Deutschland

Seite 5: Etablierung von FOCO in Deutschland

Im Jahr 2002 legte die »Fachgruppe Trainings« ein Arbeitspapier vor, in dem das FOCO-Selbstverständnis von CO als »professionelle Aktivierungs- und Organisierungsarbeit« nachdrücklich zum Ausdruck kam. »Es geht um praktikable Wege, wie erreicht werden kann, dass insbesondere gesellschaftlich benachteiligte Bürgerinnen und Bürger sich gemeinschaftlich für die Verbesserung ihrer Lebensumstände einsetzen, über den Aufbau von eigenen demokratischen Organisationen (Gegen-)Macht erlangen, Ohnmacht überwinden und auf benachteiligende Strukturen einwirken können. Community Organizing ist politische Bildung und politisches Handeln zugleich. Dabei setzt es an den unmittelbaren Eigeninteressen und der Problemsicht der Beteiligten an«. (28) Angeboten wurden vier verschiedene Arten von Trainings, das Grundtraining »Anleitung zum Mächtigsein«, ein »Aufbautraining«, ein »Training auf Anfrage« und Trainings für Studierende.

»Community Organizing – Impulse für Gemeinwesenarbeit und Soziale Bewegungen« lautete der Titel eines Fachgesprächs, zu dem die Stiftung Mitarbeit, das Bildungswerk Umbruch und FOCO im Mai 2003 nach Köln eingeladen hatten. Hier sollte mit Menschen, »die im Bereich der Sozialarbeit und Sozialwissenschaften forschen, lehren und in Gemeinwesenarbeit oder in sozialen Bewegungen praktisch tätig sind«, an konkreten Beispielen diskutiert werden, inwieweit »die Ideen und Konzepte, die Saul D. Alinsky unter dem Begriff ›Community Organizing‹ entwickelt hat, heute noch brauchbar (sind) für die Gemeinwesenarbeit und können sie neuen Sozialen Bewegungen Impulse geben?« (29) Trotz oder gerade wegen der in der Veranstaltung zu Tage getretenen programmatischen Unterschiede sowie auch inhaltlichen Differenzen, führte die zum Teil sehr kontrovers geführte Debatte im Ergebnis zu einem Nachdenken auf allen Seiten über den bislang eingeschlagenen Weg und die teilweise festgefahrenen Positionen.

Verbreitung von CO in Deutschland

Die Prinzipien von CO fanden in Deutschland jetzt immer weitere Verbreitung, insbesondere auch außerhalb der Sozialen Arbeit. Mit dem von Penta in Berlin gegründeten Verein Aufbruch – Broad Based Community Organizing e. V. gab es nun eine zweite Institution im Bereich CO, die ebenfalls Trainings anbot und mit ersten Aktivitäten in Berlin-Oberschöneweide sowie im Hamburger Stadtteil St. Georg in Erscheinung trat. Vom Bildungswerk Umbruch wurde in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mitarbeit die 2. Auflage der Broschüre »Die Organizer-Spirale« (30) (Erstauflage 1998) herausgegeben und ebenfalls bei der Stiftung Mitarbeit erschien das von FOCO-Mitglied Hille Richers gemeinsam mit Maria Lüttringhaus erstellte »Handbuch Aktivierende Befragung«. (31)

Eine zentrale Stellung nimmt in der Folgezeit bis zur Gegenwart die Zusammenarbeit mit Paul Cromwell ein, einem erfahrenen Organizer aus den USA. Cromwell war auf Einladung von FOCO und finanziert über ein Stipendium der Evangelischen Kirche nach Deutschland gekommen und hatte intensiv den Kontakt mit örtlichen Akteuren im Umfeld von FOCO gesucht. Ziel der Zusammenarbeit war nicht die erneute Adaption der CO-Praxis in den USA, sondern vielmehr die Unterstützung durch Cromwell »als kritischer Beobachter, als Berater und Begleiter beim Aufspüren und Weiterentwicklung unserer eigenen Wege«. (32)

Durch sein Wirken primär auf der lokalen Ebene (zunächst in Saarbrücken, München, Stuttgart, Essen, Hamburg, Worms, Wetzlar, Delmenhorst, Nordenham; später dann auch in Oldenburg, Neuruppin, Leipzig, Offenbach, Wuppertal, Herford, Emden, Baesweiler und Uslar) lernten viele neue Menschen die Prinzipien des CO kennen. FOCO schuf zudem für diese neuen örtlichen Initiativen im Rahmen seiner Arbeitstagungen Raum für den kollegialen Erfahrungsaustausch und die gemeinsame Diskussion. Auch in die Leadershiptrainings wurden Aktive aus diesen Gruppen nun verstärkt einbezogen.

FOCO als Projektträger

Die lokalen Initiativen, die von FOCO in Zusammenarbeit mit Cromwell beraten wurden, konnten einige Erfolge erzielen. Ein Beispiel ist die Bereitstellung von 1,1 Mio. € durch den Saarbrücker Stadtrat zum Neubau einer Fußgängerbrücke im Stadtteil Malstatt. (33) Ein anderes Beispiel ist die Aktion der Uslarer Gruppe zum Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung. (34)
Auf der Suche nach einer dauerhaften finanziellen Absicherung der Arbeit von Cromwell wurde FOCO selbst in diesen Jahren erstmals zum Träger eigener Projekte. Gefördert durch Mittel der Glücksspirale und in Kooperation mit der Diakonie im Oldenburger Land führte der Verein in den Jahren 2007 und 2008 das Projekt »Vom Fall zum Feld« durch, mit kontinuierlichen Beratungsangeboten von FOCO an den Standorten Saarbrücken, Worms, Nordenham, München, Wetzlar und Essen. »Durch Community Organizing Strategien wird die Beteiligung der Menschen in der Nachbarschaft und in der Kirchengemeinde verbessert und Probleme werden gelöst« (35), lautete das Fazit der zweijährigen Projektarbeit.