Zur Geschichte des Community Organizing in Deutschland

Seite 2: Die Gründung von FOCO

1. eine unterschiedliche Auftragslage (Bürger/innen vs. Wohlfahrtsinstitution/Staat: »das ›doppelte Mandat‹ von Hilfe und Kontrolle wird durch das eindeutige Mandat der organisierten Mitglieder ersetzt«),

2. »Zielstrebigkeit und Klarheit, mit der der Aufbau einer einflussreichen mächtigen Organisation zu einem inhaltlich gleichrangigen Ziel erklärt wird ... als ebenso wichtige Aufgabe wie die Bearbeitung von Mißständen und die Durchsetzung von Interessen und Anliegen der Bürger/innen« (Organisationsarbeit vs. Arbeit für das Klientel) und schließlich

3. die unterschiedliche Arbeitsbeziehung und Rollendefinition der am Prozess Beteiligten (leadership und Begleitung/Unterstützung vs. Klientelisierung und fürsorgliche Hilfe). (12)

Die Gründung des FOCO

Im Mai 1993 findet in Köln das 1. Treffen der »Community Organizers in Germany« statt, bei dem »Allgemeine Ziele« der Arbeit vereinbart werden: »1. Verbreitung von CO in der BRD/Begeisterung von ›Begeisterungsfähigen‹! 2. Schaffung eines gegenseitigen Unterstützungsnetzwerkes der Begeisterten, 3. Entwicklung von CO als eigenständiges Berufsfeld«. Als »Unterziele« der künftigen Arbeit werden genannt: die Durchführung von regelmäßigen Trainings für Fortgeschrittene und »Newcomers«, die Erarbeitung eines Trainingsprogramms, der Aufbau von Regionalgruppen als Unterstützungsnetzwerke (Praxis, Theorie, CO-Sprache), die Durchführung eines überregionalen Workshops als Unterstützungsnetzwerk mit inhaltlichen Schwerpunkten, die Herausgabe eines »Rundbriefes« als Verbindungsglied zwischen den Projekten und engagierten Personen, der Praxisaustausch mit/in den USA (Praktika, Studienreisen), die Entwicklung einer deutschen CO-Sprache, die Erarbeitung einer Materialsammlung für den Eigenbedarf und zum Verleih (Videos, Texte, Seminarvorlagen, Berichte) sowie »Impulse geben für die Aus- und Fortbildung«. (13) Es blieb jedoch nicht allein bei der Auflistung dieser zukünftigen Arbeitsvorhaben, sondern für jede einzelne Aufgabe wurden personelle Verantwortlichkeiten festgelegt, bei größeren Vorhaben auch entsprechende Arbeitsgruppen gegründet.

Auch die konkrete Form der zukünftigen Organisation der Arbeit wird beim 1. Treffen der »Community Organizers in Germany« diskutiert. Im Ergebnis wurden die Aufgaben dezentral verteilt, wichtige logistische und auch finanzielle Unterstützung, z. B. Übernahme von Druck- und Portokosten, übernahmen in dieser ersten Phase der bundesweiten Zusammenarbeit das Burckhardthaus Gelnhausen und der Verband für sozial-kulturelle Arbeit. Als Name der neuen Organisation einigte man sich auf »FOCO – Forum für Community Organizing«.

Bereits bei diesem ersten Treffen waren damit die Grundzüge und inhaltlichen Arbeitsschwerpunkte der gemeinsamen bundesweiten Zusammenarbeit bis zum heutigen Tag festgelegt:

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

FOCO ist ein Forum, in dem die unterschiedlichen Umsetzungsformen und Herangehensweisen des CO ihren Platz finden, ein Zusammenschluss von CO-begeisterten Menschen (nicht nur aus der Sozialen Arbeit), eine Plattform zur Initiierung von Trainings in CO und ein Forum des Erfahrungsaustauschs mit den USA (neuerdings verstärkt auch mit den Staaten Mittel- und Osteuropas) und der kollegialen Beratung.

Nach außen hin sichtbar wurde der neue bundesweite Zusammenschluss in der Folgezeit durch vielfältige gemeinsame Aktivitäten. Zu nennen sind beispielsweise zwei weitere Trainings (Einsteiger, Fortgeschrittene) mit Ed Shurna und Don Elmer im August 1994 (das Einsteigertraining wurde in einer Reihe von sechs Themenvideos dokumentiert, die nachfolgend zusammen mit einem Begleitheft bundesweit vertrieben wurden), eine 14-tägige Studienreise »Forward to the roots ...« zu den Wurzeln des CO nach Chicago im Oktober 1995 (14) sowie die kontinuierliche Herausgabe des FOCO-Rundbriefs mit zunächst vier Ausgaben pro Jahr. Der Rundbrief entwickelte sich rasch zu einer Plattform der inhaltlichen, sowohl praktischen als auch theoretischen, Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Facetten des CO. (15) Neben organisatorischen Belangen und Berichten erschienen in dem Rundbrief Beiträge aus Fachzeitschriften und aus den USA.

Ein letzter Aspekt aus dieser Zeit der Konstituierung von CO in Deutschland soll an dieser Stelle noch genannt werden: Die Auseinandersetzung mit Wolfgang Hinte, der als Leiter des Essener Instituts für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB) das Konzept »GWA als intermediäre Instanz« mit allem Nachdruck verfolgt. In einem polemischen Artikel kritisierte Hinte die »Community-Organisation-Hysterie« (16) und bestritt den Neuheitsgehalt sowie die Übertragbarkeit von CO auf deutsche Verhältnisse. Statt auf »Macht« setze seiner Meinung nach die GWA auf »Einfluss«. (17) Daran entbrannte eine heftige Auseinandersetzung, welche vor allem in der Fachzeitschrift SOZIAL EXTRA und in FOCO-Rundbriefen ausgetragen wurde. (18) Ausführlich setzte sich auch Wilfried Nodes mit Hintes Position auseinander und kam dabei zu dem Schluss, »CO wird also immer nur dort möglich sein, wo die vorliegenden Strukturen einen Erfolg möglich machen«. (19) Aber eben genau diese Strukturen sind mit Hilfe von CO durchaus gestaltbar und keineswegs für immer und ewig von fremder Hand (Macht) vorgegeben.