Zur Geschichte des Community Organizing in Deutschland

Seite 4: Das Leitbild von FOCO

Auf diese seitens FOCO eher passive Weise hatte die Zusammenarbeit mit der IAF formal zwar noch bis zum Jahresende 2002 Bestand, der persönliche inhaltliche Austausch über Erfolge und Schwierigkeiten bei der Umsetzung des IAF-Modells in Deutschland ging mit der Zeit jedoch mehr und mehr verloren. Neben dem Verein Aufbruch Broad Based Community Organizing e. V. gründete Penta dann schließlich im Juli 2006 an der Katholischen Hochschule in Berlin, wo er seit seiner Übersiedlung nach Deutschland als Professor tätig ist, das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO). Seitdem bestehen in Deutschland zwei Organisationen, die sich der Verbreitung von CO verschrieben haben.

Die beiden Jahre der aktiven Zusammenarbeit mit der IAF hatten nachhaltige Auswirkungen auf Arbeit und interne Strukturen von FOCO. Inhaltlich verstärkte sich die Debatte, ob CO inner- oder aber außerhalb der Sozialen Arbeit anzusiedeln sei und damit auch die Diskussion um den adäquaten Ausbildungsort von Organizern. Während die einen nach wie vor die besondere Nähe von CO zur Gemeinwesenarbeit (und damit auch zur Sozialen Arbeit) hervorhoben, favorisierten andere stärker eine Verortung von CO im weiten Spektrum der sozialen Bewegungen. Faktisch jedoch konzentrierten sich die Aktivitäten von FOCO weiterhin primär auf die Gemeinwesenarbeit (Werkstatt Gemeinwesenarbeit, Forum GemeinWesenArbeit Saar, AG SPAK, diverse Fachhochschulen, Trainings für Bewohnergruppen aus GWA-Projekten).

Ein wichtiger Meilenstein der weiteren Arbeit war im April 1998 die Entwicklung eines eigenen Leitbilds:

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

»FOCO ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Menschen, die gesellschaftliche Veränderungen über direktes und eigenverantwortliches Handeln fördern wollen. FOCO ist parteipolitisch, religiös und weltanschaulich unabhängig. Ziel des ›Forum Community Organizing (FOCO)‹ ist es, Prinzipien und Methoden von Community Organizing in Deutschland zu verwurzeln und weiter zu entwickeln. Dies geschieht durch die Förderung von Organisationen und ihrer Vernetzung, Trainings und Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit, die Verbindung zur Forschung und Lehre insbesondere der Gemeinwesenarbeit und Sozialen Arbeit sowie die Kooperation mit gesellschaftlichen Organisationen.« (27)

In seinen wesentlichen Zügen bestimmt dieses Leitbild das Handeln von FOCO bis in die Gegenwart. Mit diesem neuen Verständnis der eigenen Organisation öffnete sich FOCO verstärkt auch einem neuen Mitgliederkreis außerhalb der Sozialen Arbeit.

Profilierung von Community Organizing in Deutschland

Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte sich CO in Deutschland zunehmend etabliert. FOCO selbst konnte auf eine gefestigte Vereinsstruktur, auf zahlreiche Veranstaltungen in der Fort- und Weiterbildung (nicht nur im Bereich der Sozialen Arbeit), auf mehrere Leadershiptrainings mit Aktiven in den Stadtteilen, auf die eingehende Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis unterschiedlicher CO-Ansätze in den USA und auf reichhaltige Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit der IAF zurückblicken. In der Bundesrepublik verstärkte sich zur gleichen Zeit die öffentliche Diskussion um Bürgerengagement und Zivilgesellschaft, in der Stadtentwicklung wurde das Quartier(s)-management als neue Herangehensweise zur Aufwertung benachteiligter Stadtteile eingeführt. Mit dem Bund-Länder-Programm »Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt« war die Bürgerbeteiligung erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik zu einem maßgeblichen Förderkriterium erhoben worden.

  • Der FOCO-Rundbrief reflektierte diese Entwicklung mit zahlreichen Beiträgen ganz unterschiedlicher Positionierung. Inhaltlich ging es u. a. um das Verhältnis von CO und sozialen und politischen Bewegungen oder die Verortung von CO im Wissenschaftsbetrieb. Die drei Ausgaben des FOCO-Rundbriefs des Jahres 2002 griffen jeweils eigene inhaltliche Schwerpunkthemen auf: »Community Organizing in den USA«, »Soziale Stadt und Bewohner/innenbeteiligung« sowie »Selbstorganisation und Macht« – zudem wurde auszugsweise eine Übersetzung aus »The Citizen’s Handbook« (eine Art »Do-it-yourself-organizing« Anleitung) des Vancouver Citizens Committee abgedruckt.
  • Auf institutioneller Ebene beteiligte sich FOCO aktiv am bundesweiten Netzwerk »Gemeinwesenarbeit und Soziale Stadt«, aus dem sich im November 2002 die »Bundesarbeitsgemeinschaft Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit« als Verein konstituierte. FOCO gehörte zu den Gründungsmitgliedern.
  • Bei den FOCO-Bundestreffen wurde nun verstärkt der Kontakt zu den Akteuren vor Ort gesucht. Einen besonderen Höhepunkt bildete das »Forum Community Organizing meets Forum Wilhelmsburg« Ende 2001 in Hamburg-Wilhelmsburg. Der gemeinsame Austausch sowie die kollegiale Beratung mit der seit vielen Jahren in diesem Hamburger Stadtteil äußerst aktiven Bewohnerinitiative standen im Mittelpunkt des Treffens. Für FOCO war dieses Treffen ein wichtiger weiterer Entwicklungsschritt. Das Prinzip der Einbindung lokaler Akteure in die Arbeitstagungen des Vereins hatte sich damit für die Zukunft etabliert.