Fundraising und Community Organizing

Seite 4: Die Fundraisingstrategie

Fundraising wirkt hinein in die inneren Strukturen der Zusammenarbeit in der Bürgerorganisation

Damit Personen/Mitglieder gegenüber Außenstehenden vertreten können, dass man z. B. Mitgliedsbeiträge oder Spenden benötigt, muss im Innenverhältnis der Organisation sichergestellt sein, dass es eine sinnvolle, transparente, demokratische Organisationsstruktur gibt, von der die Menschen auch überzeugt sind. Sie müssen sich selber und anderen darüber Auskunft geben können:

  • Wer ist verantwortlich für was?
  • Wie ist sichergestellt, dass mit den eingenommenen Geldern auch verantwortlich gewirtschaftet wird?
  • Wo wird darüber entschieden?
  • Wo ist der Ort für Entscheidungen? Wer darf mitentscheiden?

Larry B. Mc Neil beschreibt in seinem Artikel »The Soft Arts of Organizing« die Wirkungen zwischen äußerer Organisation und dem Innenleben der Organisation:

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

»[M]ir scheint, dass der beste Weg zur Lösung einiger der harten Seiten von Organisationsproblemen – die Akquise von Geld und Mitgliedern, deren Aktivierung (...) über die sanfte Seite führt. Wenn man mehr Mitglieder in seiner Organisation haben möchte, sollte man sich die Frage stellen: Wie behandeln wir Mitglieder, die wir schon haben? Bewegen wir uns im Mittelpunkt ihrer Interessen? Helfen wir ihnen, eine Beziehungskultur aufzubauen? (...) Wenn man mehr Geld möchte, sollte man sich fragen: Kennen wir die Geschichten unserer Mitglieder? Für wie viele Menschen hängt die eigene Geschichte von unserer gemeinsamen Strategie ab? Wie viele Menschen waren an der Diskussion um Geld beteiligt?« (18)

Dies macht deutlich: Fundraising ist nur möglich, wenn die in der Organisation tätigen Freiwilligen/Schlüsselpersonen/»Leaders« selber von der Organisation überzeugt sind, denn der Fundraising-Erfolg einer Organisation kommt immer von innen. (19)

Eigenes Geld macht unabhängig und selbstbewusst – auch gegenüber dem/der Organizer/in oder Berater/in

Eine Organisation, die über eigenes Geld verfügt, wird auch selbstbewusster. So hat es sich z. B. bewährt, dass Bürgerorganisationen, die von Gemeinwesenarbeiter/innen beraten bzw. organisiert werden, die über öffentliche Gelder finanziert werden, einen »Beratungskontrakt« schließen, über dessen Fortsetzung regelmäßig (z. B. bei der Mitgliederversammlung) neu beschlossen wird. So wird der Auftrag an den/die Berater/in/Organizer/in immer wieder überprüft und erneuert und schafft damit die Grundlage für eine Beziehung »auf Augenhöhe«. In den USA ist es vielfach üblich, dass eine Community Organization »ihren« Organizer direkt oder über ihr CO-Netzwerk anstellt. Darüber haben die betroffenen, engagierten Bürger/innen Einfluss auf den Auftrag/die Arbeitsschwerpunkte des/r Organizers/in. Dies ist zwar auch nicht immer unproblematisch, aber es schafft eine völlig andere Beziehungskultur als es sonst häufig in der Sozialen Arbeit üblich ist.

Das Ziel muss sein: Die Finanzierung auf ein breites Fundament zu stellen

Nur eine breite Finanzierung aus verschiedenen Quellen macht unabhängig. Deshalb sollte man, selbst dann, wenn es sich um eine Organisation in einem benachteiligten Stadtquartier handelt, nicht darauf verzichten, auch Beiträge von Einzelnen/Familien zu erheben. Er kann von symbolischer Höhe sein (z. B. 12,00 Euro pro Jahr), aber er erfordert eine bewusste Entscheidung und fördert damit die Zugehörigkeit. Daneben ist es natürlich wichtig, andere Quellen zu erschließen. Das können weitere private Spender/innen, Stiftungen und Spenden aus der lokalen Wirtschaft sein. Die Anzahl der privaten, fördernden Stiftungen steigt ständig und damit auch die (theoretische) Möglichkeit von Förderungen. Aber im Gegensatz zu den USA, wo es mittlerweile eine ganze Reihe von Stiftungen gibt, die sich ausdrücklich für die Förderung von CO engagieren und ganze Netzwerke finanzieren, ist dies in Deutschland bisher noch nicht der Fall. Es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, dass nicht nur »Community Development/Gemeinwesenentwicklung« förderungswürdig ist, sondern gerade auch CO Arbeit wichtig für eine lebendige Demokratie ist. Damit das verwirklicht werden kann, was in vielen Hochglanzbroschüren über Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement zum Ziel erklärt, aber so selten wirklich umgesetzt wird. Gerade auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen können für demokratische Prozesse und Engagement gewonnen und aktiviert werden und es kann gelingen, dass die Lebensverhältnisse vor Ort mit den Bewohner/innen und nicht für sie nachhaltig wirksam verbessert werden.