Fundraising und Community Organizing

Seite 3: Die Fundraisingstrategie

Potenziale für die Selbstorganisation

Fundraising fördert die Selbstorganisation, weil im Fundraising den engagierten Freiwilligen, Bürger/innen, »Leaders« und ehrenamtlichen Vorständen selber eine bedeutsame Aufgabe zufällt. (14) Es ist ein großer Unterschied, ob man Leute »organisieren« will oder ob man ihnen nur helfen oder sie beschützen will. (15) Eine mächtige Bürgerorganisation kann man nur aufbauen, wenn die Menschen davon überzeugt sind, dass sie die neue Organisation wirklich wollen, brauchen und ihnen klar ist, dass sie dafür auch selber Verantwortung übernehmen und ihren eigenen Beitrag leisten müssen.
Damit die Engagierten aktiv werden können, um z. B. andere Menschen oder Organisationen von der Bedeutung einer Mitgliedschaft überzeugen zu können, müssen sie selber den Sinn der eigenen Organisation kommunizieren können und z. B. stimmige Antworten auf folgende Fragen geben können:

  • Warum ist es wichtig, dass wir eine starke Organisation sind?
  • Was wollen wir mit unserer Organisation erreichen?
  • Wofür brauchen wir Geld/Mitgliedsbeiträge?
  • Warum ist es wichtig, finanziell unabhängig zu sein?
  • Warum bin ich selber dabei? Warum bin ich persönlich davon überzeugt, dass wir diese Organisation brauchen?

All diese grundsätzlichen Fragen müssten nicht geklärt werden, wenn es z. B. um die Mitarbeit in einem von einer/m Sozialarbeiter/in angeleiteten Arbeitskreis ginge, der sich z. B. für eine Verbesserung der Spielmöglichkeiten im Viertel einsetzen würde. Ein solcher »Arbeitskreis« könnte den Menschen dabei helfen, besser zusammen zu arbeiten und Verbesserungen für das Wohnviertel anzuregen. Aber er könnte niemals eine eigenständige, unabhängige Handlungs-Macht entwickeln, so wie es selbständige Bürgerorganisationen können, wo Vertreter/innen der Bewohner/innen öffentlich in der »ersten Reihe« stehen und auf Augenhöhe mit Verantwortlichen verhandeln. Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen »helfen« und »organisieren«.

Fundraising aktiviert und stärkt die Zugehörigkeit

Am Beginn der Entwicklung einer Fundraisingstrategie steht immer der analytische Blick auf die eigene Organisation:

  • Wie viel Geld/Welche Ressourcen brauchen wir, um unsere kurz-, mittel-, und langfristigen Ziele zu erreichen (je konkreter, desto besser)?
  • Wo liegen die Stärken und Schwächen unserer Organisation?
  • Was können wir besonders gut und wer sympathisiert (schon jetzt) mit uns?
  • Wen wollen wir (sonst noch) erreichen? Wer unterstützt unsere Ziele und Ideen?

Das »Einwerben« von Mitteln aus (Mitglieds-)Beiträgen oder Spenden erfordert es, dass viele persönliche Gespräche geführt werden, weil Menschen erst einmal persönlich von der Notwendigkeit überzeugt werden müssen. Dies sieht zunächst nach einer lästigen Aufgabe aus. In der Realität zeigt sich jedoch, dass gerade die persönliche Ansprache und das direkte Gespräch über den Sinn und die Notwendigkeit der unabhängigen Bürgerorganisation den inneren Zusammenhalt und das Zugehörigkeitsgefühl der Beteiligten stärken. Es wirkt wie eine interne Aktivierung der (potenziellen) Mitglieder.
Dies ist sicher nicht einfach, aber es lässt sich trainieren und einüben. Wichtig ist, dass die Mitglieder in der Lage sind, kurz und prägnant ihre eigene Geschichte mit dieser Organisation zu formulieren. Kerninhalt des Gesprächs wird die Beantwortung dieser Fragen sein:

  • Warum engagiere ich mich?
  • Warum »wir« (Du und ich in dieser Organisation)?
  • Warum jetzt?

Diese persönliche Geschichte bietet dem Gegenüber Identifikationspunkte und beantwortet folgende Fragen: Worum geht es überhaupt? Warum soll ich eigentlich etwas machen? Warum soll ich ausgerechnet jetzt handeln? Und wer ist schon alles dabei? (16)

  • So sollte konkret abgesprochen werden, wer mit wem spricht. Dabei ist darauf zu achten, dass an bestehende Kontakte angeknüpft wird und auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird (kein Betteln!).
  • Die Leute, die andere fragen, sollten selber Mitglied sein oder gespendet haben, sonst sind sie in ihrem Auftreten nicht glaubwürdig.
  • Menschen, die z. B. über Aktivitäten »dazugestoßen« sind, werden persönlich gefragt, ob sie Mitglied werden und/oder spenden wollen.
  • Bei diesen persönlichen Gesprächen kommen auch sonstige Interessen, Fähigkeiten, Talente und vor allem weitere Kontakte zur Sprache. Die Beteiligten lernen sich untereinander besser kennen und bauen eine Kultur der öffentlichen-persönlichen Beziehungen auf. (17) Dabei wird möglicherweise auch deutlich, wo sich das neue Mitglied darüber hinaus engagieren kann und will.
  • Wer gegenüber einem Dritten (einem Gewerbetreibenden, einem Serviceclub-Mitglied) erklären kann, warum die Organisation eigenes Geld benötigt, hat diese Überzeugung auch für sich selber verinnerlicht.
  • Jedes selbständige Vertreten der Organisation gegenüber Dritten stärkt die Identifikation mit der eigenen Organisation.