Fundraising und Community Organizing

Seite 1: Bürgerorganisationen

Fundraising stärkt die Selbstorganisation

In der Geschichte von CO war die Sicherung einer möglichst unabhängigen Finanzierung schon immer von zentraler Bedeutung. Ausgehend von den Erfahrungen der Gewerkschaften gehörte es für Saul Alinsky ganz selbstverständlich zu den Prinzipien von CO, dass die »Bewohner/innen ihre eigene Organisation finanziell unterstützen« (1). Alinsky schildert aber auch in einem Interview (2), dass ihm allein die Spende eines Millionärs damals den Aufbau der Industrial Areas Foundation (IAF) in Chicago ermöglicht hatte. Auch Marion Mohrlock u. a. beschreiben in ihrer vergleichenden Untersuchung der Rahmenbedingungen für »Gemeinwesenarbeit und Community Organizations« die Bedeutung einer breit aufgestellten Finanzierung aus möglichst verschiedenen Quellen, als wichtige und günstige Voraussetzung für CO in den USA. (3)

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Bürgerorganisationen (Community Organizations) sind allein den gemeinsamen Interessen und vereinbarten Zielen der in ihr organisierten Menschen und Organisationen verpflichtet mit dem Ziel, größtmögliche Verhandlungsmacht zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu erreichen. Ein wesentlicher Garant für ihre Unabhängigkeit im Handeln ist ihre finanzielle Unabhängigkeit. Dazu gehört im Besonderen auch die Finanzierung der sie beratenden/organisierenden Profis/»Organizer«. Diese Profis müssen wirklich frei von »heimlichen« Aufträgen ihrer Finanzgeber handeln können. Schließlich ist es ihre Aufgabe, die Bürgerorganisation bei der Umsetzung ihrer Ziele praktisch, strategisch, taktisch und kreativ zu beraten, ohne Angst vor Auseinandersetzungen mit dem Gegenüber – egal ob es sich um die kommunale Verwaltung, gewählte politische Verantwortliche, Vertreter/innen politischer Parteien, Eigentümer/innen oder sonstiger Wirtschaftsvertreter/innen handelt.

Verschiedene Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

  • Der Aufbau von Bürgerplattformen (Broad Based Organizing/Organisation von Organisationen) nach dem Vorgehen des DICO (Deutsches Institut für Community Organizing) ist vergleichbar mit dem der Industrial Areas Foundation in den USA. Es beginnt i.d.R. erst dann, wenn im Vorfeld durch einen Gründungskreis ein Förderfonds geschaffen ist (»Seedmoney – Saatgeld«), der die Arbeit der neuen Organisation in den ersten drei Jahren vorfinanziert. (4) Dazu hat das DICO in den vergangenen Jahren eine weitreichende Zusammenarbeit mit verschiedenen Stiftungen sowie Wohlfahrtsverbänden, Kirchen ebenso wie mit lokaler Wirtschaft aufgebaut. Außerdem ist immer von vornherein klar, dass alle Organisationen, die bei der Bürgerplattform mitmachen wollen, sich auch mit einem eigenen finanziellen Beitrag beteiligen müssen. Immer wieder wird betont, dass im Interesse einer Unabhängigkeit von der Regierung »Staatsgelder nicht in Anspruch genommen werden« (5): »Um unabhängig von staatlichem Geld und Einfluss zu sein«, wenden sie sich lieber an die lokale Wirtschaft. (6)
  • Das Forum Community Organizing e. V. (FOCO) ist eine unabhängige Mitgliederorganisation, die Praktiker/innen beim Aufbau von Bürgerorganisationen und bei der Nutzung von CO-Elementen in ihrer Praxis unterstützt und berät, Trainings anbietet und dafür aus eigenen Mitteln auch Förderungen/Zuschüsse ermöglicht. Vergleichbar mit den CO-Netzwerken in den USA sind die Organisationen, die von FOCO beraten werden oder FOCO nahe stehen, für ihre Finanzierung jedoch allein verantwortlich und haben je nach den örtlichen Gegebenheiten immer wieder sehr verschiedene Finanzierungsformen genutzt und entwickelt. So wurden z. B. unabhängige Bürgerorganisationen/Stadtteilvertretungen (Beispiel Düren) aufgebaut, die durch Mitgliedsbeiträge und Fundraising über eigene Mittel verfügen. Sie werden durch kirchliche Gemeinwesenarbeiter/innen beraten/organisiert, die zwar durch Fördertöpfe der öffentlichen Hand (kommunale Mittel »Bund Länder Programm Soziale Stadt«) finanziert werden, aber weitreichende Handlungsspielräume aushandeln und professionell und selbstbewusst gestalten.
  • Und es gibt Sozialarbeitende sowie Gemeinwesenarbeiter/innen, die für Wohlfahrtsverbände oder Kommunen arbeiten und die es über Neu-/Umformulierung von Arbeitsaufträgen oder die Veränderung von Schwerpunkten geschafft haben, Bürgerorganisationen aufzubauen oder CO-Elemente in ihre Arbeit zu integrieren, um die Selbstorganisation von Betroffenen zu fördern. Schließlich sind die Aktivierung der Bewohnerschaft und die Förderung von Selbstorganisation Bestandteile der Stellenbeschreibung vieler Sozial- bzw. Gemeinwesenarbeitenden.
Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Die Stärke von Bürgerorganisationen (Community Organizations) liegt in ihrer Unabhängigkeit.

Zum Glück gibt es in Deutschland im Vergleich zu den USA (noch) erheblich mehr öffentliche Fördermöglichkeiten. Deshalb muss es keine Grundsatzfrage sein, ob man staatliches Geld annimmt oder sich nur von der Wirtschaft oder von Stiftungen finanzieren lässt. Ob und wie es gelingen kann, dass handlungsfähige, mächtige Bürgerorganisationen tatsächlich entstehen, hängt vor allem an vier Faktoren:

  1. ob die Professionellen ein fachliches »CO-Know-how« sowie eine klare, ständig reflektierte, innere »CO-Haltung« haben, mit der sie ihre Aufgabe gestalten,
  2. ob der Anstellungsträger konzeptionell offen ist für die Entwicklung von Selbstorganisation,
  3. ob die Bürgerorganisation, die geschaffen wurde, sich zumindest teilweise eine eigenständige Finanzierung erarbeitet hat,
  4. ob die »Organizer« und die Organisation eingebunden sind in ein CO-Netzwerk zur fachlichen Reflexion und Anleitung, zu Training und kollegialem Austausch sowohl für die Profis als auch für die aktiven Bürger/innen und Freiwilligen.