Community Organizing in Deutschland

Zur Rezeption von CO in Deutschland

Anders als in den USA wurde in Deutschland CO zunächst ausschließlich innerhalb der Sozialen Arbeit rezipiert. Ölschlägel weist darauf hin, dass der Begriff »Community Organizing« in Deutschland erstmals 1910 auftaucht, wobei der Begriff Community nicht als lokale Einheit verstanden, sondern eher im Sinne von Gemeinschaft gebraucht wurde. (1) In dieser frühen Phase hatte CO einen eher appellativen Charakter und meinte Strategien zur demokratischen Änderung der »als unzulänglich empfundenen Ordnung menschlichen Zusammenlebens« (2), was immer das auch sein mochte.

Entwicklungen zur Demokratisierung und Partizipation innerhalb der Sozialen Arbeit sowie Bewegungen zu einer stärkeren Beteiligung benachteiligter Bevölkerungsschichten (Arbeiterbewegung) nahmen ein jähes Ende durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Im völlig zerstörten und von den Alliierten besetzten Deutschland nach 1945 wurde versucht, an die Fürsorgestrukturen vor 1933 anzuknüpfen, um das Elend und die Not der Bevölkerung zu lindern. Die in den USA weiterentwickelten Methoden der Case Work und Group Work wurden als Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit nach 1945 in die Praxis der Sozialen Arbeit des westlichen Deutschlands eingeführt. Dabei fanden die gesellschaftlichen und strukturellen Unterschiede der beiden Länder wenig Beachtung. Es handelte sich eher um eine oberflächliche Aneignung handlungsbezogener Kenntnisse, ohne sich mit den sozialwissenschaftlichen Grundlagen und Hintergründen auseinanderzusetzen. (3)

Einflüsse aus den USA auf die Soziale Arbeit in Deutschland bestimmten auch die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit. Unter der Überschrift »Amerikanische Methoden der Gemeinschaftshilfe« veröffentlichte Hertha Kraus im Jahr 1951 einen Aufsatz über Community Organizing (4). Der Aufsatz gab die Fachdiskussion des Ansatzes des CO innerhalb der Sozialen Arbeit in den USA wieder.

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Ehrenamtliche und Sozialarbeiter/innen sollten mit Hilfe der »Gemeinschaftshilfe« das Gemeinwesen beobachten und die Schwachstellen und Brennpunkte erkennen. Es sei wichtig, die Zusammenschlüsse der Menschen, die bereit seien, an der Behebung von Missständen zu arbeiten, zu fördern und mögliche Abhilfen zu planen sowie kapitalkräftige Spender zu fördern. (5)

Dieser Aufsatz sowie die 1955 von Herbert Lattke verfasste ausführlichere Beschreibung des CO als »eine der grundlegenden Methoden« US-amerikanischer Sozialer Arbeit fanden in der Fachwelt allerdings kaum Beachtung, denn »die deutsche Sozialarbeit war noch hinlänglich mit Einzelhilfe und Gruppenarbeit und der Rezeption beschäftigt und konnte mit diesen Gedanken zu CO wenig anfangen« (6).

Die Artikel von Walter Friedländer und L. Mayer-Kuhlenkampff, die nach der »International Conference of Social Work« (1962) veröffentlicht wurden, stellten lediglich eine Beschreibung der Praxis des CO in den USA dar, ohne Vorschläge für eine praktische Umsetzung in Deutschland zu geben. (7) Seit diesem Zeitpunkt wurden CO und Community Development in Deutschland als »Gemeinwesenarbeit« bezeichnet. Gemeinwesenarbeit erhielt als dritte Methode Einzug in die Rahmenlehrpläne der Ausbildungsstätten für Sozialarbeiter/innen. (8) Ölschlägel sieht diese Phase als erste Rezeptionswelle des CO in Deutschland, die sich rein literarisch ausdrückte und in der kaum Anregungen für und Umsetzungen in die Praxis zu finden war. (9)

Entwicklungen in den 60er Jahren

Die ökonomische Krise um 1966/1967 bildete den Anlass für eine zweite Rezeptionswelle des Community Organizing. (10) Erstmals wurde Bezug genommen auf Alinskys Schriften. (11) Durch die Zunahme sozialer Probleme, verursacht durch das stagnierende Wirtschaftswachstum, wurden die etablierten Konzepte der Einzelhilfe und Gruppenarbeit als unzureichend empfunden. Die Gemeinwesenarbeit wurde nun vermehrt als Chance zur Überwindung struktureller Ursachen sozialer Probleme gesehen. Vermehrt wurde über praktische Umsetzungsmöglichkeiten in der Bundesrepublik nachgedacht, eine eigene deutsche Theoriebildung begann sich abzuzeichnen.

Allerdings wurden weiterhin Konzepte von CO aus anderen Ländern rezipiert. Ende der 1960er Jahre wurden Schriften von Murray G. Ross aus den USA und Jo Boer aus den Niederlanden als Lehrbücher für die deutsche Gemeinwesenarbeit übersetzt. (12) Die von diesen Autoren vertretenen Konzepte der Gemeinwesenarbeit wurden als wohlfahrtsstaatlich-integrativ bezeichnet und teilweise hart kritisiert. Müller z. B. nennt zwar das Werk von Ross als das beste dieser Zeit, kritisiert es aber als zu harmonieorientiert. (13)

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Ölschlägel weist darauf hin, dass die Übersetzung des Buchtitels von Ross »Community Organization – Theory and Principles« mit »Gemeinwesenarbeit – Theorie, Prinzipien, Praxis« das Missverständnis der Gleichsetzung von CO und Gemeinwesenarbeit begründet, ohne die unterschiedlichen Entwicklungsstränge in den USA zu betrachten. (14)

Während sich in den USA verschiedene Ansätze des CO innerhalb und außerhalb Sozialer Arbeit unabhängig voneinander entwickelten, wurden sie in Deutschland immer im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit rezipiert. Die Ausnahme bildete 1966 das Buch von Vogel und Oel mit dem Titel »Gemeinde und Gemeinschaftshandeln«, in dem die Autoren versuchten, die bislang einseitige Rezeption des CO zu durchbrechen. Das CO außerhalb Sozialer Arbeit wurde einer kritischen Betrachtung unterzogen. Nach Vogel/Oel ist dieser Ansatz keine spezifische Methode Sozialer Arbeit, sondern eher eine amerikanische Bürgerschaftsaktivität. In Deutschland sei auf Grund unterschiedlicher gesellschaftlicher Verhältnisse und des hohen staatlichen Verwaltungsanspruchs Partizipation nur begrenzt möglich. Die Autoren betonen, dass CO die Chance zur Beteiligung der Bevölkerung an sozialpolitischen Aktivitäten biete. Es blieb offen, wie dieses Ziel erreicht werden könne. Auch diese Auseinandersetzung mit CO fand kaum Beachtung in der Fachwelt. (15)

Entwicklungen in den 70er Jahren

Neben dem staatstragenden Ansatz der wohlfahrtsstaatlich-integrativen Gemeinwesenarbeit entwickelte sich in den 1970er Jahren eine aggressive Theorierichtung der Gemeinwesenarbeit. Müller und Nimmermann nahmen in ihrer Textsammlung »Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit« Bezug auf das CO außerhalb der Sozialen Arbeit. Sie veröffentlichten Auszüge der Schriften von Saul Alinsky und Harry Specht mit seinem Konzept einer »disruptiven Sozialen Arbeit« und betrachteten diese Ansätze als fortschrittlich und der Gemeinwesenarbeit förderlich. (16)
Nach Mohrlock et al. in Anlehnung an Lange sah man in der Gemeinwesenarbeit nun eine »Strategie sozialer Arbeit, die die strukturellen und materiellen Lebensverhältnisse der Benachteiligten tatsächlich verändern konnte« (17). Vertreter der nach Müller sogenannten »aggressiven Gemeinwesenarbeit« sahen in den konfliktorientierten Konzepten ganz im Sinne der marxistischen Gesellschaftskritik eine reale Möglichkeit, gesellschaftliche Probleme anzugehen, die sich nicht durch Kompromiss und Kooperation lösen lassen. Dahinter stand die Überzeugung, dass auf diesem Weg eine Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse und eine gerechtere Verteilung der Macht erreicht werden könne. (18)

Die sich mehrenden sozialen Probleme und die auch mit der Student/innenbewegung einhergehende Sensibilisierung für Randgruppen und Klassenunterschiede führten zu einer Politisierung, die sich auf die Entwicklung der Sozialen Arbeit und insbesondere der Gemeinwesenarbeit auswirkte. Nach Ölschlägel ist es daher nicht verwunderlich, dass gerade Vertreter einer aggressiven und konfliktorientierten Arbeit das Verständnis von CO rezipierten, das Alinsky vertrat. Allerdings sei schwer auszumachen, welche Bedeutung Alinskys Schriften in der Bundesrepublik gehabt haben. (19) Nach Mohrlock et al. zeigte sich, dass die konfliktorientierten Methoden weder von den Betroffenen selbst noch von den professionellen Sozialarbeiter/innen auf Dauer durchgehalten werden konnte.

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Die Ziele waren politisch zu hochgesteckt, sie gingen häufig an den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei. Auch war versäumt worden, handlungsleitende Techniken zu entwickeln, die eine Umsetzung der Theorie in die Praxis erlaubten. Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften und Kirchengemeinden waren auf Dauer nicht bereit, Projekte zu finanzieren, die sich gegen sie als Vertreter des Systems richteten.

Aus dem konfliktorientierten Ansatz ergab sich ebenfalls »ein Dilemma für die Loyalität der Gemeinwesenarbeiterinnen zu den Anstellungsträgern einerseits und den Betroffenen andererseits, ein Dilemma, das bis zum heutigen Tag auch in der Theoriebildung nicht geklärt ist.« (20)
Ab Mitte der 1970er Jahre nahm die Reformfreudigkeit der Verwaltung ab. Durch den Radikalenerlass wurden viele Berufsverbote erteilt. Massive Sparmaßnahmen auf Grund der Ölkrise 1973/1974 führten dazu, dass viele Projekte nicht mehr finanziert wurden, und das Interesse an einer konfliktorientierten Gemeinwesenarbeit zurückging. (21) Nach Hinte bot die Gemeinwesenarbeit in dieser Zeit ein ziemlich desolates Bild, da sie über keine ausreichende Lobby auf Funktionärsebene und in der Stadtentwicklung verfügte und letztendlich im Alternativmilieu und in den Hochschulen verblieb. (22)

Entwicklungen in den 80er Jahren

In den frühen 1980er Jahren kam der ursprünglich »politische Impetus« der Gemeinwesenarbeit abhanden. Unter dem Druck der »neuen Armut« wurden mehr Dienstleistungen, wie Beratung, Mittagstisch, Organisation sozialer Netze im Stadtteil, angeboten. »Es wurde nun mehr für die Bewohner getan als mit ihnen« (23). Die Gemeinwesenarbeit entwickelte sich in der Folge von der dritten Methode der Sozialarbeit zum Arbeitsprinzip, das sich in den unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit wiederfand wie in der Gemeindepsychiatrie und Jugendhilfe. (24)

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Die dritte Rezeptionswelle des CO von Alinsky wurde Ende der 1990er Jahre durch die Veröffentlichung des Buches »Let’s Organize« von Mohrlock et al. 1993 ausgelöst. Dieses war das zweite Buch über CO nach der Veröffentlichung des Buches von Vogel und Oel, eine Diplomarbeit von vier Student/innen der Sozialen Arbeit, die das amerikanische CO mit der Gemeinwesenarbeit in Deutschland verglichen.

Aus dem Kreis der Autor/innen gründete sich das Forum für Community Organizing (FOCO) als offener Zusammenschluss bundesdeutscher Gemeinwesenarbeiter/innen, die an der Rezeption und Weiterentwicklung des CO durch Austausch und Fortbildungen arbeiten. Ölschlägel weist darauf hin, dass neben der vorher rein literarischen erstmals eine praktische Rezeption von CO in Deutschland stattfand. Diese Praxis geschieht unter anderem durch »die Förderung von Organisationen und ihrer Vernetzung, Trainings und Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit, die Verbindung von Forschung und Lehre, insbesondere in der Gemeinwesenarbeit und Sozialen Arbeit« und »die Kooperation mit gesellschaftlichen Kooperationen« (25).

Enwicklungen in den 90er Jahren

1996 kam der US-amerikanische Organizer Leo Penta nach Deutschland. Zunächst arbeitete Penta eng mit den Begründer/innen des FOCO zusammen, trennte sich aber von ihnen auf Grund unterschiedlicher Auffassung von CO. Sein Ziel ist es, Bürgerplattformen nach dem Prinzip des Broad-based Community Organizing aufzubauen, das Organisieren einer breiten Basis. Es gibt zwar Schnittmengen mit der Sozialen Arbeit, aber der Ansatz geht über diese hinaus. Seit dem Jahr 2004 arbeitet FOCO mit dem US-amerikanischen Organizer Paul Cromwell zusammen, der die Praxis des Forums unterstützt. Mit seiner Unterstützung beziehen mittlerweile mehrere Projekte den Ansatz des CO mit in ihre Arbeit ein. Nach Huber in Anlehnung an Rotschuh hat das FOCO einen offenen Ansatz des Community Organizing, in dem es unterschiedliche Ansätze würdigt. Es forciert die Übernahme von Methoden des CO vor allem in bereits bestehenden Projekten der Gemeinwesenarbeit. (26)

Broad-based Community Organizing in Deutschland

Die erste Community Organization nach dem Prinzip des Broad-based Community Organizing wurde im Jahr 2000 in Berlin-Schöneweide offiziell gegründet. Die Beteiligten gaben ihr den Namen »Menschen verändern ihren Kiez/Organizing Schöneweide«. Entstanden war die Bürgerplattform durch die Arbeit von Penta, der in Rahmen seiner Lehrtätigkeit als Professor für Gemeinwesenarbeit an der Katholischen Hochschule Berlin mit Studierenden ab 1999 erste Sondierungsgespräche im Stadtteil Schöneweide führte.

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Diese Plattform war die erste, die völlig unabhängig von staatlichen Mitteln einen professionellen Organizer (Gunther Jancke) einstellte. Durch die Akquise von Penta und Mitgliedern des Gründungskreises war es hier erstmalig gelungen, ortsansässige Wirtschaftsunternehmen zu motivieren, eine Bürgerplattform finanziell zu unterstützen, wobei ein Teil der Finanzierung durch die Mitgliedsbeiträge der 23 Mitgliedsgruppen aus Nieder- und Oberschöneweide getragen wurden.

Die Plattform verbuchte nach einer langen Aktionskampagne ihren ersten Erfolg. Im Jahr 2004 fiel die immer wieder herausgeschobene Entscheidung des Landes Berlin, die Standortkonzentration der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW, damals FHTW) in Schöneweide zu verwirklichen. Nach dem Mauerfall war der Stadtteil durch die Stilllegung der örtlichen Industrieunternehmen mehr und mehr verödet, die Ansiedlung der HTW versprach zu einer Wiederbelebung des Stadtteils zu führen. (27) Das Vorhaben wurde im Jahr 2009 verwirklicht und bedeutete eine öffentliche Investition von etwa 110 Millionen Euro in den Stadtteil und Arbeitsplätze für mehr als 7.000 Hochschulangehörige. Kurz darauf startete die Bürgerplattform eine weitere Kampagne, um Arbeitsplätze durch die Ansiedlung von neuen Unternehmen zu schaffen. Diese Kampagne mündete in die Etablierung eines von Land und Bezirk eingesetzten professionellen Regionalmanagements, das im September 2011 seine Arbeit aufnahm.

Ende 2002 begann die Sondierungsphase im benachbarten Stadtteil Karlhorst. Die Plattform »WerkNetz Aktive Stadt Karlshorst« mit der Organizerin Gisela Renner gründete sich im November 2004. (28) Die 12 Organisationen dieser Plattform arbeiteten bis Februar 2007 an der Verkehrsthematik im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Parallel zu den Prozessen in Berlin lief unter Begleitung von Penta ebenfalls der Aufbau der Plattform »Kraftwerk Mitte« im Hamburger Stadtteil St. Georg von 2000–2002, deren Arbeit im Jahr 2004 endete. Der Stadtteil mit 10.000 Einwohner/innen erwies sich als zu klein. Dennoch konnte Kraftwerk Mitte in dieser Zeit Erfolge verbuchen. So wurde die Genehmigung eines seit Jahren anhängigen Bauantrags für die Erweiterung der Centrum Moschee erreicht. (29) Die Plattform »Kraftwerk Mitte« wurde für ihre Arbeit mit dem Usable-Preis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Nach 2004 begann die Kerngruppe des alten »Kraftwerk Mitte« mit Einzelgesprächen in den Stadtteilen Hamm und Horn (30), im Jahr 2007 wurde die Plattform »ImPuls-Mitte« mit insgesamt 17 Gruppen gegründet. (31) Als erster Erfolg der Arbeit konnte hier erreicht werden, dass eine barrierefreie Rampe für einen U-Bahn-Zugang gebaut wurde, der bislang nur mit einer Treppe begehbar war. Außerdem wurde ein Bildungsprojekt für Kinder aus Migrantenfamilien im Stadtteil Horn gestartet. (32)

Das Deutsche Institut für Community Organizing - DICO

Zur Unterstützung der Arbeit in den Plattformen wurde 2006 das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) eingerichtet, das sich als »Kompetenzzentrum für Community Organizing in Deutschland« versteht.

Es fungiert als »Kristallisationspunkt für die Entwicklung von unabhängigen Bürgerplattformen auf breiter gesellschaftlicher Basis nach dem Modell von Community Organizing und als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis zwecks Forschung auf diesem und benachbarten Gebieten«. (33)

Dieses geschieht durch die Unterstützung der Akteure in den Plattformen als auch durch die Ausbildung von Professionellen. (34) Vermehrte Anfragen zur Unterstützung und Beratung an das Institut zeigen, dass die jetzt fast zehnjährige Arbeit der Vertreter/innen des Broad-based Community Organizing in Deutschland Früchte zu tragen beginnt. Das Institut steht in ständigem inhaltlichen Austausch mit der Industrial Areas Foundation USA, insbesondere Metro IAF (35) und den Citizens UK. (36) Dieser Austausch beinhaltet unter anderem, dass Schlüsselpersonen der deutschen Bürgerplattformen Seminare von IAF und Citizens UK besuchen und dass gemeinsam internationale Konferenzen zu unterschiedlichen Themen veranstaltet werden, z. B. eine Konferenz mit Muslimen aus den genannten Organisationen in Berlin. Zudem waren »Leaders« der deutschen Bürgerplattformen zu Studienaufenthalten in London und Tom Lenz, Lead Organizer von United Power in Chicago, war mehrere Male in Deutschland.

Die bislang größte und heterogenste Plattform mit rund 40 Gruppen verschiedener Religionen, Kulturen und Generationen feierte ihre Gründung Ende 2008. Mehr als 1.150 Menschen kamen zur Gründungsveranstaltung in die Universal Hall in Berlin-Moabit. Die Plattform »Wir sind da« in Wedding und Moabit (Organizerin: Susanne Sander, ab 2012 Christiane Schraml) erreichte ihren ersten Erfolg zum Thema JobCenter der Agentur für Arbeit. (37) »Kunden« des JobCenters Mitte können nun mehr Dinge telefonisch über das ServiceCenter (die Hotline) klären, statt lange Wartezeiten teilweise draußen vor dem Gebäude in Kauf nehmen zu müssen. Zudem wurden vom JobCenter mehr Mitarbeiter/innen eingestellt und im Umgang mit Migrant/innen geschult. Die Bürgerplattform beschäftigt sich außerdem mit dem teilweise katastrophalen Zustand des Öffentlichen Raums und mit dem Thema Bildung. (38) Um sich der massiven Bildungsungerechtigkeit im Stadtteil entgegenzustellen, startete die Plattform im November 2012 eine groß angelegte und medial viel beachtete Kampagne zur Gründung einer freien Bürgerschule in Wedding. (39)

Im September 2010 wurde in Zusammenarbeit mit dem DICO das erste Fördernetzwerk für Community Organizing in Deutschland gegründet. Beteiligt sind die Körber-Stiftung, der Generali Zukunftsfonds und die BMW Stiftung. Die ZEIT-Stiftung schloss sich dem Netzwerk im Jahr 2011 an.

Seit dem Jahr 2010 besteht eine Kooperation zwischen der Stiftung Bethel und dem DICO. Fachkräfte aus dem Umkreis von Bethel werden zum »community networker« fortgebildet. In den beiden bisherigen Lehrgängen sind etwa 40 Assistenzgeber/innen zertifiziert worden.
Im Januar 2012 wurde die Plattform »WIN – Wir in Neukölln« mit der Organizerin Monika Götz gegründet. Die über 30 Mitgliedergruppen arbeiten an den Themen Arbeitsplatzqualifizierung für junge Erwachsene, öffentlicher Raum und öffentliche Sicherheit. (40) Die Plattform in Schöneweide gründete sich im Mai 2012 neu (Organizerin: Agnes Streich). Sie gab sich den Namen »SO! Mit uns«, weitere Organisationen aus dem Süd-Osten Berlins schlossen sich der Plattform an. Die Plattform nahm sich neuer Themen an, ein Beispiel ist die Kampagne für eine bedarfsgerechte Ärzteansiedlung und -verteilung im Bezirk. Dabei kooperiert sie eng mit der Bürgerplattform WIN.
Die drei Berliner Plattformen arbeiten zudem bei lokal übergreifenden Themen zusammen, z. B. veranstalteten sie Kandidaten-Befragungen zur Wahl des Berliner Bürgermeisters im Jahr 2011. Insgesamt bringen die drei Plattformen fast 100 zivilgesellschaftliche Gruppierungen in Berlin zusammen.
Seit Februar 2012 arbeitet Gunther Jancke als ständiger Vertreter des DICO in Nordhein-Westfalen, um dort den Aufbau von Bürgerplattformen vorzubereiten. Zudem gibt es erste Schritte, um eine Plattform in Nürnberg aufzubauen. Grundsätzlich ist es das Bestreben des DICO, unabhängige Bürgerplattformen in verschiedenen städtischen Milieus Deutschlands anzuregen und zu begleiten.

Anmerkungen

(1) Vgl. Oelschlägel, Dieter (1999): Bürgerengagement, Gemeinwesenarbeit, Community Organizing. Göttingen, S. 178.

(2) Ebd.

(3) Mohrlock, Marion/Neubauer Michaela/Neubauer Rainer/Schönfelder Walter (1993/2002): Let’s organize. Gemeinwesenarbeit und Community Organization im Vergleich. München, S. 40 f.

(4) Vgl. Kraus, Hertha (1951): Amerikanische Methoden der Gemeinschaftshilfe. In: Soziale Welt, Nr. 2, S. 184-192.

(5) Vgl. Müller, C. Wolfgang (1997): Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der Sozialarbeit 1883-1945. Weinheim, S. 100 f.

(6) Mohrlock et al. (2002), S. 41.

(7) Ebd. S. 41.

(8) Vgl. Ölschlägel (1999), S. 180; Vgl. Boer, Joe/Utermann, Kurt (1970): Gemeinwesenarbeit. Einführung in Theorie und Praxis. Stuttgart, S. 205. Vgl. Ölschlägel (1999), S. 180 f.

(9) Vgl. Müller, C. Wolfgang/Nimmermann, Peter (1971): Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit. München.

(10) Vgl. ebd.

(11) Vgl. Müller/Nimmermann (1971), S. 194 ff.

(12) Vgl. Mohrlock et al. (2002), S. 43.

(13) Vgl. Müller (1971), S. 232 f.

(14) Vgl. Ölschlägel (2010), S. 3.

(15) Vgl. Vogel/Oel (1966), S. 85 ff.; Mohrlock et al. (2002), S. 42.

(16) Vgl. Mohrlock et al. (2002), S. 45.

(17) Ebd.

(18) Vgl. ebd.; Vgl. Müller (1997), S. 108 f; Vgl. Ölschlägel 1999, S. 181.

(19) Ölschlägel, Dieter (2010): Sozialraumorientierung – Gemeinwesenarbeit. Eine Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit, Vortrag. www.fhv.at/media/pdf/veranstaltungen-vortraege/veranstaltungen-1/vortragsunterlagen/vortrag-gemeinwesenarbeit-7.-april-2010-oelschlaegel, S. 3.

(20) Vgl. Mohrlock et al. (2002), S. 46.

(21) Vgl. ebd., S. 46 ff.

(22) Vgl. Hinte (2005), S. 537 f.

(23) Ebd., S. 3.

(24) Vgl. Boulet, Jean Jaak/Krauss, Ernst Jürgen/Oelschlägel, Dieter (1980): Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip. Bielefeld; Vgl. Ölschlägel (2010); Vgl. Hinte, Wolfgang (2005): Von der Gemeinwesenarbeit über die Stadtteilarbeit zum Quartiersmanagement. In: Thole, Werner (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Wiesbaden, S. 535-547.

(25) Siehe www.fo-co.info.

(26) Vgl. Huber, Stefan (2010): Community Organizing in Deutschland. Eine »neue« Möglichkeit zur Vitalisierung Lokaler Demokratie? Potsdam, S. 71.

(27) Vgl. Vossel, Marcus (2007a): »Organizing Schöneweide« in Berlin. In: Penta, Leo J. (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 133 ff.

(28) Vgl. auch Vossel, Marcus (2007b): Das Berliner WerkNetz Karlshorst. In: Penta, Leo J. (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 146 ff.

(29) Vgl. Düchting, Frank (2007): Von »Kraftwerk Mitte« zu »Impuls Mitte« in Hamburg. In: Penta, Leo J. (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 121 ff.

(30) Vgl. ebd. S. 129.

(31) Siehe: www.impuls-mitte.de.

(32) Vgl. Hüsemann, Anita (2010): Die Bürgerplattform »ImPuls Mitte« Hamburg: Nicht mehr am Anfang, aber auch noch lange nicht am Ende! Community Organizing in Hamburg: ImPuls-Mitte. In: Baldas, Eugen (Hrsg.): Community Organizing. Menschen gestalten ihren Sozialraum. Freiburg i.Br., S. 141 ff.

(33) Siehe: www.dico-berlin.org.

(34) Siehe: www.metro-iaf.org.

(35) Siehe: www.citizensuk.org.

(36) Siehe: www.wirsindda.com.

(37) Vgl. Winterberg, Sonya (2010): Die Bürgerplattform »WIR SIND DA!« Berlin-Moabit. Community Organizing: Alte Potenziale neu entdecken. In: Baldas, Eugen (Hrsg.): Community Organizing. Menschen gestalten ihren Sozialraum. Freiburg i.Br., S. 125 ff.

(39) Siehe: www.win-berlin.org.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Boer, Joe/Utermann, Kurt (1970): Gemeinwesenarbeit. Einführung in Theorie und Praxis. Stuttgart.

Boulet, Jean Jaak/Krauss, Ernst Jürgen/Oelschlägel, Dieter (1980): Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip. Bielefeld.

Düchting, Frank (2007): Von »Kraftwerk Mitte« zu »Impuls Mitte« in Hamburg. In: Penta, Leo J. (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 121-131.

Felber, Franziska (2012): Bildungsaufbruch im Wedding. www.tagesspiegel.de/berlin/schule/schulgruendung-geplant-bildungsaufbruch-in-wedding/7440202.html (letzter Aufruf 17.09.2012).

Hinte, Wolfgang (2005): Von der Gemeinwesenarbeit über die Stadtteilarbeit zum Quartiersmanagement. In: Thole, Werner (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Wiesbaden, S. 535-547.

Huber, Stefan (2010): Community Organizing in Deutschland. Eine »neue« Möglichkeit zur Vitalisierung Lokaler Demokratie? Potsdam.

Hüsemann, Anita (2010): Die Bürgerplattform »ImPuls Mitte« Hamburg: Nicht mehr am Anfang, aber auch noch lange nicht am Ende! Community Organizing in Hamburg: ImPuls-Mitte. In: Baldas, Eugen (Hrsg.): Community Organizing. Menschen gestalten ihren Sozialraum. Freiburg i.Br., S. 141-148.

Kraus, Hertha (1951): Amerikanische Methoden der Gemeinschaftshilfe. In: Soziale Welt, Nr. 2, S. 184-192.

Mohrlok, Marion/Neubauer, Michaela/Neubauer, Rainer/Schönfelder, Walter (1993/2002): Let’s organize. Gemeinwesenarbeit und Community Organization im Vergleich. München.

Müller, C. Wolfgang (1997): Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der Sozialarbeit 1883-1945. Weinheim.

Müller, C. Wolfgang/Nimmermann, Peter (1971): Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit. München

Oelschlägel, Dieter (1999): Bürgerengagement – Gemeinwesenarbeit – Community Organizing. Ein Nachwort. In: Alinksy, Saul: Anleitung zum Mächtigsein. Göttingen, S. 175-188.

Oelschlägel, Dieter (2010): Sozialraumorientierung – Gemeinwesenarbeit. Eine Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten für die soziale Arbeit, Vortrag. www.fhv.at/media/pdf/veranstaltungen-vortraege/veranstaltungen/vortragsunterlagen/vortrag-gemeinwesenarbeit-7.-april-2010-oelschlaegel (letzter Abruf 26.09.2013).

Penta, Leo J. (2007) (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg.

Vogel, Martin Rudolf/Oel, Peter (1966): Gemeinde und Gemeinschaftshandeln – zur Analyse der Begriffe Community Orginization und Community Development. Stuttgart.

Vossel, Marcus (2007a): »Organizing Schöneweide« in Berlin. In: Penta, Leo J. (Hrsg.) Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 133-145.

Vossel, Marcus (2007b): Das Berliner WerkNetz Karlshorst. In: Penta, Leo J. (Hrsg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Hamburg, S. 146-154.

Winterberg, Sonya (2010): Die Bürgerplattform »WIR SIND DA!« Berlin-Moabit. Community Organizing: Alte Potenziale neu entdecken. In: Baldas, Eugen (Hrsg.): Community Organizing. Menschen gestalten ihren Sozialraum. Freiburg i.Br., S. 125-128.