Ulrich Wohland

»Was wir brauchen ist der ganze Alinsky: Radikalität und Alltagsverankerung, soziales Engagement und politische Ziele ...«

Wie hast Du CO kennengelernt und was hat Dich dabei fasziniert?

Das war im Jahr 1982. Der groß angekündigte »Heiße Herbst« war mal wieder ein laues Lüftchen. Am Horizont drohte die Apokalypse. Aber die meisten Menschen fuhren in Urlaub oder warteten, bis das Parlament der Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zugestimmt hatte. Als die Stationierung dann im Dezember 1983 nach mehr als drei Jahren Protest tatsächlich erfolgte, herrschte Ratlosigkeit im Kreis der Friedensbewegung: Bundesweit  gab es nur noch zurückhaltenden Widerstand und so begann bald die Suche nach neuen Möglichkeiten erfolgsorientierten Handelns. Wie eine kleine Offenbarung wurde das Büchlein »Anleitung zum Mächtigsein« aufgenommen. Darin fanden sich, herausgegeben vom Journalisten und Friedensaktivisten Karl-Klaus Rabe , eine Auswahl an Übersetzungen wichtiger Texte von Saul D. Alinsky.

Mit Alinskys Anregungen, so unsere  Hoffnung, ließe sich die Friedensbewegung neu aktivieren: Er gab uns Ideen für den Aufbau sozialer Bewegung, für kreative Aktionen und Überlegungen und Konzepte für erfolgreiche Kampagnenarbeit an die Hand. Außerdem versprach er, dass alles richtig viel Spaß machen würde.  Angesichts von gängigen Aktionsformen wie zum Beispiel dem »Fasten für den Frieden«, die auf uns rituell erstarrt wirkten, eröffneten sich plötzlich ganz neue, lustvolle und subversive Aktionsmöglichkeiten.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Besonders inspirierten uns folgende Gedanken: Alinsky verstand radikales Engagement nicht als kurzfristige Aktivität, sondern begriff Widerständigkeit als eine Lebenshaltung.

Theoretische Überlegungen waren bei ihm kein Selbstzweck, sondern dienten als Vorbereitung praktischer, konkreter Arbeit – etwas, was angesichts der oftmals theorielastigen linken Bewegung in Deutschland nicht selbstverständlich war und es auch weiterhin nicht ist.

Alinskys kreative und subversive Aktionsformen mobilisierten unsere soziale Phantasie. Das Büchlein forderte auf zu regelmäßigen Regelverletzungen mit zivilem Ungehorsam. Als Motor zur Mobilisierung der Menschen begriff Alinsky konkrete, im Alltag verankerte soziale Konflikte. Auch der direkte Gegnerbezug gefiel uns. Hier wurden die Gegner beim Namen genannt und wenn es sein musste genüsslich ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Angesichts oftmals abstrakter Gegner wie einer »Regierung« oder einem »Rüstungskonzern« oder gar »dem Kapital« empfanden wir es als befreiend, wie bei Alinsky die Verantwortlichen öffentlich bei ihrem bürgerlichen Namen genannt wurden. Begeistert nahmen wir diese Elemente in unsere Bewegungsarbeit auf.

Wie habt Ihr CO-Ideen in der Friedensbewegung umgesetzt?

Aktivitäten, wie sie Alinsky vorschlug, waren in der Lebenswelt der Menschen und im Stadtteil verankert. Angesichts eines grassierenden Demo-Tourismus war dies für uns Mitte der 80er Jahre eine wichtige Botschaft. Der Alltag, die Lebenswelt der Menschen und möglichst auch die konkrete Arbeitswelt sollten mit einbezogen werden. »Den Widerstand im Alltag verankern«, so die Parole. Wollten wir die Grundlagen einer friedlichen Welt aufbauen, genügte es nicht, zwei bis dreimal im Jahr auf Demonstrationen oder Blockaden zu fahren. Wir wollten unser Engagement im Alltag entfalten.

Anders als die top-down organisierten Prozesse, wie sie auch die Friedensbewegung kannte , die uns oft hilflos und ohnmächtig machten, wurde hier der Schwerpunkt auf Selbst- und Basisorganisation gelegt. So ist der Name Alinskys mit radikalen und basisdemokratischen Impulsen verbunden. Und last, not least wurde sein kampagnenorientiertes Arbeiten für uns richtungsgebend. Mit allen diesen Elementen lagen wir auch innerhalb der Friedensbewegung quer zum damaligen organisations-politischen Mainstream, der im Wesentlichen auf Großdemonstrationen setzte. Deren Hochzeit war aber mit dem »Heißen Herbst« zumindest vorläufig vorbei. Wollten wir in Zukunft erfolgreich sein, so unsere damalige Hoffnung, müssten wir in der von Alinsky vorgezeichneten Weise aktiv werden.

Ein erster wegweisender Erfolg in dieser Richtung war der vier Jahre später erfolgende Abzug der 1983 stationierten Raketen in Mutlangen. Erreicht wurde er über vielfältige Aktionen und eine klug konzipierte regional verankerte Kampagne mit dem Namen »Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung«, die dem Abzug vorausging. Hier flossen Impulse von Mahatma Gandhi, Martin Luther King, der Graswurzelbewegung und eben auch von Alinsky zu einem erfolgreichen Kampagnenkonzept zusammen. »Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung« griff die günstige globalpolitische Wetterlage auf: das »Tauwetter« am Ende des Kalten Krieges. Perestroika und Kampagnen zusammen machten den Erfolg möglich. Wo damals Raketensilos drohten, weiden heute wieder Schafe.

Welche Relevanz hat die Auseinandersetzung mit CO heute (noch) in sozialen und politischen Bewegungen?

Nicht alle Blumen jener ersten Alinsky-Euphorie sind erblüht, aber viele seiner Gedanken wirken bis heute und befruchten die Aktivist/innen im sozialen Widerstand. Alinskys Texte wurden in den Jahren nach den Mutlangen-Protesten innerhalb der Bewegung breit gelesen und verknüpften sich in den frühen 90er Jahren mit Konzepten, die etwa Bill Moyer zum Thema Soziale Bewegungen  entwickelte. Das alles wurde kombiniert mit Vorstellungen zur Kampagnentheorie und -praxis, wie wir sie bei M. Gandhi und M. L. King finden. Bis zum heutigen Tag gibt es eine kleine aber rege Szene, die sich immer wieder neu mit Kampagnenkonzepten beschäftigt und dabei immer auch auf Alinsky zurückgreift. In jüngerer Zeit geschieht dies auch bei gewerkschaftlichen Arbeitskämpfen und in der betrieblichen Mobilisierungsarbeit.

Die breite Verankerung im Alltag der Menschen blieb bisher jedoch aus. Mobilisierungsfähig ist die Friedensbewegung im großen Umfang immer wieder nur angesichts drohender Kriege.  In den Alltag sickern zwar viele Ideen ein, wie sie ursprünglich im Kontext friedensbewegter Aktivitäten aufgegriffen wurden, etwa die gewaltfreie Erziehung, das Mediationsverfahren sowie die gewaltfreie Kommunikation. Doch ein durchgehender Alltagsbezug im Sinne Alinskys steht noch aus. Ein wichtiger Schritt, denn dieser Bezug würde die Bewegung entscheidend stärken und breiter in der Gesellschaft verankern. Hier gilt es, sich auf Alinsky zurückzubesinnen, denn was wir brauchen, ist der ganze Alinsky: Radikalität und Alltagsverankerung, soziales Engagement und politische Ziele, Pragmatismus und der Kampf für eine Demokratie als wirklicher Herrschaft des Volkes.