Tilo Klöck

»Community Organizing könnte zur ›Befreiung‹ der Bürgerbeteiligung aus der Umklammerung von Expert/innen und Institutionen beitragen«

Wie hat Deine Auseinandersetzung mit CO begonnen?

Als junger Mann habe ich Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit im modernen Antiquariat auf offener Straße in Stuttgart gefunden und vermutet, dass ich damit zu tun bekommen könnte. In den bewegten Zeiten der 70er Jahre: Neue soziale Bewegungen nannten das manche. Heroische Phasen des Aufbruchs in die Selbstorganisation. Die AG SPAK (Arbeitsgemeinschaft sozialpolitische Arbeitskreise) vereinte viele Ansätze für Kollektive Identitätsarbeit. Wir standen zusammen für Paulo Freire und die Alternativökonomie, Education Popular und die Obdachlosen- und Stadtteilarbeit, Gemeinwesenarbeit, für die Antipsychiatrie und die Auflösung totaler Institutionen. Die Regionalisierung der Netzwerk Selbsthilfe als Fonds und Forum für Alternative Projekte und die Gründung eigener soziokultureller Projekte, die es immer noch gibt, führte während und nach dem Studium in die Innovations- und Praxisforschung an der Uni Tübingen mit Hans Thiersch und Maria Bitzan. Neue Wege in der Kinder- und Jugendhilfe sollten wir mit Gemeinwesenorientierung erproben. Ohne eine Kooperations- und Konfliktforschung auch im Nahbereich und im Geschlechterverhältnis ging das nicht. Dafür forschten, entwickelten und lehrten wir. Walter Schönfelder und Marion Mohrlock vom Quartett der Diplomanden aus Freiburg, welche die hiesige Gemeinwesenarbeit mit CO verglichen, holten sich unsere Expertise über Interviews dazu. Mit unserem AG SPAK-Verlag konnten wir ihnen die Publikation »Let's Organize« ermöglichen.

Wie setzt Du Elemente des Community Organizing um? Nutzt Du solche Elemente in Deinen Kontexten?

Die Kontroversen um die ungleichen Auffassungen und Traditionslinien in der Gemeinwesenarbeit bündelten wir bei den GWA Werkstätten im Burkhardthaus, dessen Dozent ich neben Susanne Elsen wurde. Mit dem Freiburger Quartett haben wir in »unserem« Burckhardthaus, in dessen Verlag die Arbeiten von Saul Alinsky auf Deutsch veröffentlicht wurden, das erste CO-Training mit Ed Shurna und Don Elmer aus Chicago und San Francisco zustande gebracht. Für weitere Trainingszwecke wurde ein Film darüber gemacht.

Als Herausgeber des GWA Jahrbuch habe ich versucht, den Transfer und den Diskurs zur Verankerung der aufgefrischten Ideen und Impulse für mehr Bürgerorganisation zu forcieren. Die Soziale Arbeit war im Kontrastbild als ein Teil des Problems deutlicher wahrnehmbar geworden und nicht (mehr) nur als Teil der Lösung zu verstehen. Viele hörten das nicht gerne. In unseren GWA-Zusatzausbildungen konnten wir die Praxisanalysen verstärken. Ein Trio aus Düren, welches damals für das Satellitenviertel tätig war, Hille Richers gehörte dazu, betonte CO stark und hat wertvolle Vergleichsaspekte für andere ebenfalls hervorragende GWA-Projekte z. B. aus Bremen und deren Protagonistinnen ermöglicht. Zwei Studierende der Uni Tübingen drehten gleichzeitig einen Film über CO in San Francisco für Ausbildungszwecke.

Seit 1995 bin ich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in München. Als Professor für Organisations- und Gemeinwesenentwicklung kümmere ich mich in unseren Praxisforschungs- und Entwicklungsprojekten auch um die Perspektiven von Community Organizing für Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip und integrierte Handlungskonzepte. Das geht nicht ohne eine Kritik an der Verwaltungspraxis und an den Professionen, welche die Selbstorganisation von Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und Herkunft kaum wertschätzen, nachrangig und distanziert behandeln und marginalisieren. Die Differenz und Dominanz, Verdrängungen und Verdeckungen werden kaum zum Thema gemacht. Anwaltschaftlichkeit und Parteilichkeit führen Professionelle nicht selbstverständlich zu Aktivierung und Bürgerorganisation. Exklusives Expertenhandeln tendiert zu einem Übergehen oder Übersehen von bürgerschaftlichen Bestrebungen. Das passierte sogar ganz erfahrenen Fachkräften aus der GWA. Ungleiche Milieuzugehörigkeiten, (Arbeits-)Routinen und Handlungsmuster erschweren das offenbar. Für das Handbuch Aktivierende Befragungen haben wir z. B. eigene Erfahrungen aus Einwanderungsgebieten beigetragen: Ein individualisierendes Vorgehen verfremdet, übersieht und ignoriert »kollektivistische« Deutungsweisen von Communities fast unmerklich und sammelt höfliche Bemerkungen. Der Beobachter verändert den Beobachtungsgegenstand. Verstehendes Einlassen wäre anders und käme zu anderen Ergebnissen. Die »Cultural Studies«, die ich als Qualifizierungsbereich verantworte, leisten Beiträge dafür. Aus den milieuspezifischen Unterschieden sollten auch methodologische Konsequenzen gezogen werden. Das ist eine transdisziplinäre Aufgabe, der wir uns mit unserem berufsbegleitenden Masterstudiengang MACD Gemeinwesenentwicklung, Quartiersmanagement und Lokale Ökonomie widmen. Darin spielen CO (mit Paul Cromwell), Macht und Gegenmacht, Empowerment und Einmischung, sowie die Kraftfeld-, Kooperations- und Konfliktorientierung sowohl in den Analysen als auch in den Handlungsstrategien eine wichtige Rolle.

Worin liegt für Dich die Bedeutung von CO in Deutschland/Europa?

Der Stellenwert von direkter Demokratie ist größer als das, was offiziell topdown als Bürgerbeteiligung bezeichnet wird. Die Steuerungs- und Subjektperspektiven sind ungleich. Es geht um Teilhabe, um mehr Handlungsfähigkeit in Machtkonstellationen und um Konfliktfähigkeit und zwar in einer anderen Qualität als das, was in Alltagsroutinen getan und wahrgenommen wird. Empowerment beinhaltet noch anderes wie eine »Hilfe zur Selbsthilfe«. Selbstorganisation und Solidarische Ökonomien sind Potenziale, die noch unterschätzt werden. Das hat mit der Deutungsmacht von Berufsgruppen und Institutionen zu tun. Sie stehen den erklärten Zielen oft selbst im Wege. Aber auch das wollen Viele gar nicht wissen.

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Das Wollen, Sollen und Können wäre gefragt, weil es um Teilhabe, positive Lebensbedingungen und um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit geht.

Solidarische Ökonomie und Empowerment haben auch eine transnationale Perspektive, die ich im gleichnamigen Band editiert habe. Allerdings haben die Nachfolgenden von Saul Alinsky und Paulo Freire kaum etwas gemeinsam unternommen. Wieso? Auf diese Frage bekomme ich meistens ein Lächeln und ein »Die einen sind für die anderen: Entweder nur die Gringos oder nur die Latinos« als Erklärungsansatz. Eine spannende Beobachtung am Rande: im Ringen um mehr Handlungsfähigkeit. Auch an den Wurzeln in Chicago der Leute um Jane Addams und der um Alinsky und deren Kritik an den Settlementhouses und Social Services hängt bis heute Relevanz: Für Lernende Organisationen und solche, die es werden wollen.

Und die Akteur/innen im Kraftfeld von Institutionen, Verwaltungsgliederungen, (kommunal-) politische (Entscheidungs-)Gremien, (Wohnungs-)Wirtschaft, (Wohlfahrts-)Verbänden mit ihren Geschäftsfeldern und Domänen würden eine suchende Haltung und besondere Kooperations- und Konfliktfähigkeit für mehr Empowerment, Einmischung und Selbstorganisation brauchen. Das Wollen ist dafür der Ausgangspunkt. Wenn ich mit einem Finger auf andere zeige, wenden sich drei Finger meiner Hand auf mich zurück. Die eigene Machtbiografie und die Frage, hast Du einmal ein berechtigtes Lebensinteresse auch gegen Widerstreben durchsetzen können? Und woher kam Deine Kraft dafür? Mit einer machtunterworfenen Figur wärst Du selbst ein problematischer Berater für Empowerment. Person und Profession hängen zusammen. Den Habitus zu klären, ist eine Aufgabe. Dafür kann CO Impulse geben und wird es auch selbst tun müssen. (Eigene) Loyalitäten, Notwendigkeiten und Legitimationsbedarfe transparent zu machen, gelingt nicht allen.

CO betont – wie gesagt und zu Recht – die Bedeutung von Teilhabe, direkter Demokratie und Bürgerbewegungen, die weit über das hinausgehen (können), was die Parole »Bürgerbeteiligung« – als Semantik von oben – im Schilde führt. Mit CO hinterfragen wir bewusst und lösungsorientiert: Wer beherrscht die Bürgerbeteiligung? CO könnte zu ihrer »Befreiung« aus der Umklammerung durch Expert/innen und Institutionen beitragen. Mit CO kann darüber mehr in Erfahrung gebracht und es könnten Perspektiven gestaltungskräftig entwickelt werden hierzulande und anderswo.