Susanne Sander

»Broad-based Community Organizing ist für mich ein stimmiges Instrument«

Wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit Community Organizing?

2004 nahm ich mit zwei weiteren Berlinerinnen über ein Stipendium der Checkpoint Charly Stiftung an einem 10-Day Training der Industrial Areas Foundation (IAF) in Houston, Texas, teil. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts über CO. Den Stapel an Literatur, den wir zur Vorbereitung erhalten hatten, hatte ich nicht gelesen. Ich war angenehm überrascht wie interessant das Seminar und vor allem auch die Teilnehmer waren. In den Pausen führten wir alle Einzelgespräche (1:1) und kamen uns darüber sehr schnell sehr nahe. Ich traf Menschen aus allen möglichen Ecken der USA, darunter viele Einwanderer aus Südamerika. Sie entsprachen gar nicht meinem Klischee der Amerikaner. Mich verblüfften auch die vielen Parallelen zwischen deren Leben und deren Sorgen und meinem Leben in Berlin sowie dem, was ich aus den Gesprächen mit Menschen in Berlin Moabit gehört hatte. Hier wie dort sorgten sich die Menschen um gute und erschwingliche Wohnungen, gute Bildung für die eigenen Kinder und vernünftige Jobs. Mit ihnen gemeinsam zu lernen, wie man sich mit Hilfe von CO organisieren kann, fand ich sehr bereichernd. Was ich dann praktisch bei einer öffentlichen Aktion der dortigen Bürgerplattform erlebte, bei der die Wohnbedingungen mit den verantwortlichen Entscheidungsträgern verhandelt wurden, machte Sinn für mich und zeigte mir neue Wege auf zu meiner eigenen Arbeit als Quartiersmanagerin.

In Houston traf ich auch meinen späteren Kollegen Gunther Jancke, über den ich erfuhr, dass es bereits eine Bürgerplattform in Berlin-Schöneweide gab, die er als hauptamtlicher Organizer begleitete. Als wir zurückkehrten, schloss ich mich ihm und dem Kreis um Leo Penta an und besuchte die öffentlichen Aktionen von Organizing Schöneweide. Ich wollte mir erst einmal einen Eindruck verschaffen, ob ich mir vorstellen könnte, mit den dortigen Kollegen zusammenzuarbeiten. Ich konnte. Nach zwei Jahren ergab sich die Möglichkeit eine zweite Bürgerplattform in Berlin-Wedding aufzubauen. Das habe ich dann übernommen.

Wie haben Sie die Umsetzung von CO in Deutschland erlebt?

An der Umsetzung von CO in Deutschland war ich beteiligt. Als ich einstieg, gab es nur die eine Bürgerplattform in Deutschland, im Berliner Stadtteil Schöneweide, einem ehemaligen Ostteil der Stadt. Da Bürgerplattformen immer ein Querschnitt der Bevölkerung vor Ort darstellen, war Organizing Schöneweide sehr deutsch geprägt. In Hamburg war ein weiterer Kollege mit dem Aufbau einer Bürgerplattform in Hamm und Horn beschäftigt. Auch dort beteiligte sich nur eine türkische Frauengruppe einer Moschee. Ganz anders in Wedding und Moabit. Als sich nach zwei Jahren Aufbauprozess Wir sind da! Bürgerplattform Wedding/Moabit mit fast 40 Gruppen aus afrikanischen, asiatischen, arabischen, türkischen und deutschen Gruppen gründete, war das der Moment, in dem Broad Based Community Organizing endgültig in Deutschland angekommen war. Die Gründungsveranstaltung, bei der mehr als 1100 sehr unterschiedliche Menschen Seite an Seite vereint saßen, war ein sehr bewegender Moment.

Worin liegt für Sie die Bedeutung von CO in Deutschland?

CO ist für mich ein sehr stimmiges Instrument, wie Menschen in Gruppen unabhängig von ihrem Bildungshintergrund, ihrem sozialen Status etc. wieder gemeinsam handlungsfähig werden. Ich freue mich, wenn in Verhandlungsteams die unterschiedlichsten Menschen zusammentreffen und sich gemeinsam unterstützen, um das bestmögliche Ergebnis für alle mit Entscheidungsträgern auszuhandeln. Das fordert die engagierten Gruppenvertreter ebenso wie die Verhandlungspartner auf der anderen Seite, bietet aber unglaubliches Lern- und Entwicklungspotenzial und bringt auch noch konkrete Verbesserungen für viele Menschen in den Stadtteilen.