Sabine Stövesand

»... wir brauchen konkrete Utopien als Inspiration für Veränderungshandeln«

Wie waren Deine ersten Erfahrungen mit Community Organizing?

Ich arbeitete noch nicht so lange bei der GWA St. Pauli als ich von einem CO Training im Burckhardthaus in Gelnhausen erfuhr (1994). Ohne viel darüber zu wissen, meldete ich mich an. Der Kurs wurde von zwei US-amerikanischen Organizern geleitet, Ed Shurna und Don Elmer. Ich war von der ersten Minute an begeistert. Die Idee, Machtverhältnisse mit basisdemokratischen Mitteln zu Gunsten der »Have-nots« bzw. »Have a little« zu verändern, die menschenfreundliche, (nicht naiv) optimistische Haltung, die klar formulierten Prinzipien und die differenzierten Methoden gefielen mir sofort. Die langjährige Erfahrung der Trainer und ihre zahlreichen, anschaulichen Beispiele taten ihr Übriges, um mich von dem Ansatz zu überzeugen. Ohne rezeptologisch zu sein, wirkten die Methoden anwendbar und waren gut erlernbar. Neu für mich war die selbstverständliche Rede von »Visions«, d.h. konkreten Utopien als Inspiration für Veränderungshandeln. Meines Erachtens braucht es solche Vorstellungen, zusätzlich zu konkretem Eigeninteresse, um aktiv zu werden, zielgerichtet handeln zu können und das Engagement aufrechtzuerhalten. Auch, dass »Spaß haben« als ein wichtiges Kriterium im CO vermittelt wurde, sowie die nachdrückliche Aufforderung, Erfolge zu feiern, war für meine Erfahrung mit der stark am Problem und von der Haltung her eher protestantisch sich gebärdenden deutschen Sozialen Arbeit ungewohnt – und beglückend. Unvergessen die rauschende Abschlussparty, die bewies: Organizers can dance!

Wie hast Du (Elemente von) Community Organizing in deiner Arbeit in Deutschland umgesetzt?

Nach dem Training habe ich sofort mit »one on ones« im Stadtteil begonnen und so Beziehungen aufgebaut, zum Pastor, zur Schulleiterin und anderen. Das war u. a. hilfreich bei der Aufgabe eine Stadtteil-Initiative zu unterstützen, die sich zum Ziel gesetzt hatte, statt der weiteren Bebauung des Elbufers in St. Pauli, einen von den Bewohner/innen selbst geplanten Park durch- und umzusetzen. In diese Arbeit flossen meine CO-Kenntnisse unmittelbar ein, von der Leitlinie »Tue nichts für andere, was sie selbst tun können« über die Durchführung von hunderten von door-knocking Gesprächen in der Nachbarinnenschaft bis zur systematischen Inszenierung einer Bewohner/innenversammlung mit verantwortlichen Politikern – komplett mit abgesprochener Rollenverteilung zwischen den Aktiven aus dem Stadtteil, zu wenig statt zu vielen Stühlen, Ja/Nein Fragen und dramaturgischem Höhepunkt. Es hat mehrere Jahre gedauert, aber »Park Fiction« wurde schließlich auf der Grundlage der Ideen und Wünsche der Nachbarinnenschaft gebaut. Die künstlichen Palmen, der »fliegende Teppich«, die pudelförmige Buchsbaumhecke und der mit Tulpen bedruckte Schwingboden werden von vielen Menschen intensiv genutzt.

Mein aktuelles Projekt ist – neben der Beteiligung an »St. Pauli selber machen« – »StoP: Stadtteile ohne Partnergewalt«. Mithilfe der Identifikation von Schlüsselpersonen und aktivierender Befragung werden in einer Hamburger Großwohnsiedlung nachbarschaftliche Gruppen aufgebaut, die sich gegen häusliche Gewalt engagieren. Es ist gelungen, Frauen und Männer aus unterschiedlichen ethnischen Communites in Steilshoop zu aktivieren, die mit persönlicher Ansprache, Veranstaltungen und kreativen Plakataktionen das Thema aus der Tabu-Ecke holen und sich gegenseitig sowie andere beim couragierten Handeln gegen Partnergewalt unterstützen. Seit längerer Zeit gibt es auch eine Jugendgruppe, die Videofilme, Plakate und Aktionen entwirft. Zurzeit bilden wir Ehrenamtliche und Sozialarbeitende fort, die diese Arbeit in andere Stadtteile tragen möchten. Und last, but not least: als Professorin lehre ich CO und erfahre immer wieder, dass es die Studierenden sehr inspiriert.

Wo siehst Du Chancen für die Nutzung von CO in Deutschland in der Zukunft?

Ich hoffe, dass die Gewerkschaften bei ihrem Versuch, Organizing als basisorientierte Ermächtigungs- und Revitalisierungsstrategie einzuführen, nicht auf halber Strecke stecken bleiben, sondern dieses Potenzial mutiger und ernsthafter nutzen als bisher.

Generell finde ich CO, gerade in Zeiten einer immer stärker nur noch rein formalen Demokratie, die von einigen ja schon als Post-Demokratie bezeichnet wird, ungeheuer wichtig. Ein zentraler Bereich ist nach wie vor die Stadtteilarbeit, z. B. im Rahmen der Kampagnen für ein »Recht auf Stadt«, gegen den Trend, dass Stadt immer mehr als Unternehmen, denn als Gemeinwesen begriffen und Wohnen zur Ware wird.

Ich hoffe, dass CO die Idee der Veränderung von Machtverhältnissen nicht aufgibt bzw. weiter weichspült, und sich nicht als Lückenbüßer gegen die sozialen Bürgerrechte und die Verantwortung des Staates für sozial gerechte Verhältnisse zu sorgen, z. B. durch Steuern und Solidarsysteme für gerechte Verteilung des Reichtums, ausspielen lässt.