Hester Butterfield

»Erfahrung von Macht durch Vernetzung und Koalitionsbildung«

Wie waren deine ersten Erfahrungen mit Community Organizing?

Als die Makler in meiner Kleinstadt Cleveland Heights, Ohio mit warnendem Ton Haus¬eigentümern sagten: »Wenn Ihr nicht schnell verkauft, überrollen Euch die Schwarzen und Eure Häuser sind nix mehr wert«, ging ich zum Heights Community Congress (HCC) und fragte, »Können wir was tun? Meine Familie ist halb schwarz und halb weiß. Es ekelt uns an, wie sie von uns sprechen. Wenn unsere Nachbarn aus Angst ihre Häuser verkaufen, verdienen die Makler immer und immer wieder neue Provisionen.« Die HCC kämpfte erfolgreich für Gemeindegesetze, die Maklern verbieten, angstmachende Flyer und Postkarten zu verteilen oder Schilder im Vorgarten verkaufter Häuser aufzustellen. Meine Familie blieb in Cleveland Heights und ich lernte Clevelands Nachbarschaftsorganisationen und die Senior Citizens Coalition (SCC) kennen. Diese waren Teile des Netzwerks National Peoples Action (NPA). Als Vista Volunteer lernte ich bei der SCC mit einem Gehalt von ein paar Hundert Dollar im Monat, den Job einer Organizerin: Kontakte in Kirchen und Alten- und Servicezentren aufzunehmen, zuzuhören, gemeinsame Themen zu erkennen, die in Organizing Kampagnen gewinnbare Ziele sein könnten und dabei Freiwillige kennenzulernen und sie als kritisch reflektierende Leaders auszubilden. Die Themen waren so verschieden wie Stoppschilder oder laut bellende Hunde sowie funktionierende öffentliche Verkehrsmittel und bezahlbare Krankenversicherung. Mich faszinierte, wie in den Machtanalysen, die NPA und die SCC – damals ohne Computer und Internet – aufstellten, zu erkennen war, wie Bankmanager und Firmenbosse sowie Politiker sich in Beiräten und auch Sportvereinen vernetzten und ich verstand, dass Nachbarschaften und Senior Citizens sich auch vernetzen müssten. In den 12 Jahren als Organizerin nahm ich an Trainings und bundesweiten Konferenzen und Aktionen von NPA teil. So lernte ich außerordentliche Menschen kennen und sah wie sie in direct action, in öffentlichen Veranstaltungen und bei Verhandlungen neue Herausforderungen immer wieder meisterten und dadurch an Würde gewannen.

Wie hast Du Community Organizing in deiner Arbeit in Deutschland umgesetzt?

Gerade diese Erfahrung von Macht durch Vernetzung und Koalitionsbildung prägte und prägt meine Arbeit in Deutschland. Als Fachdienstleitung des Flüchtlingssozialdienstes der Caritas München erlebte ich, dass Migrant/innen und Flüchtlinge, da sie kein Wahlrecht haben, auf innovative Wege angewiesen sind, um sich Gehör zu verschaffen und um sich für verbesserte Lebensqualität einzusetzen. Die Macht der Machtlosen, die Demonstrationen und Hungerstreiks initiieren müssen, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, wird durch Petitionen, Koalitionen und öffentliche Veranstaltungen verstärkt. Wirkungsvoll war es auch, eine solidarische Basis in der Nachbarschaft ringsum ein Flüchtlingslager aufzubauen: beispielsweise aus Kirchengemeinden, Bezirksausschuss, Fachgremien, Elternbeiräten, Arztpraxen bildeten wir ein Community Forum, die ein Selbstinteresse an gut funktionierenden Stadtteileinrichtungen hatten, wo Flüchtlinge und ihre Kinder beschult, gefördert und medizinisch behandelt wurden. Als Tausende vietnamesischer Flüchtlinge ohne Aufenthaltsrecht oder politische Teilhabe 1995 von Bayerischen Ausländerbehörden auf falscher Prämisse willkürlich illegalisiert wurden, war genau dieses Forum entscheidend, um bottom up die politischen Strukturen der Kommune, der Verwaltung und des Landtags zu erreichen und in die Pflicht zu nehmen. Diese Erfahrungen mit deutschen politischen und Machtstrukturen – wie funktioniert eine Bürgerversammlung, wer hat ein Mandat für was, wie lässt sich ein Antrag stellen und an wen – waren für mich eine weitere Lehre über Netzwerke, die ich aktuell in Community Organizing Initiativen umsetze.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Aus USA brachte ich auch die feste Überzeugung mit, dass Community Organizing seine Finanzierung durch eigenen Antrieb suchen kann und soll. Die Verbindungen, die im Laufe des Organizing wachsen, waren für uns damals und können auch in Deutschland eine starke Basis für Fundraising vor Ort sein, weil die Spender/innen den Nutzen sehen können.

Wie schaut die Zukunft von Organizing in Deutschland aus?

Erforderlich für den Ausbau von Organizing in Deutschland sind: erweitere Selbstständigkeit bei der Finanzierung, insbesondere von Organizer/innen; Austausch von Erfahrungen; professionelle Ausbildung zum Organizer samt Coaching und Training. Ganz wichtig ist die Verstärkung von Netzwerken und Koalitionen z. B. durch gemeinsames, bundesweites Erstreiten von Erfolgen und gegenseitige Unterstützung der Initiativen und Projekte mit ihren lokalen Themen.