Dieter Schöffmann

»Über den Zusammenhang von »Geld und Organisieren« habe ich von Cesar Chavez gelernt«

Wie hat Deine Auseinandersetzung mit CO begonnen?

Meine erste Begegnung mit diesem Thema hatte ich ca. 1975, als im Versöhnungsbund eine Debatte angestoßen wurde, dass es bezahlte Basisarbeiter geben müsse für die Friedens- und Umweltbewegung. Prof. Theodor Ebert vertrat damals die Position, dass dies ausgebildet Politologen z. B. sein sollten, die ca. nach BAT III bezahlt werden sollten. Sie könnten sich dann auch in Konfliktfällen, etwa bei der Bauplatzbesetzung für das damals geplante AKW Wyhl, in die erste Reihe stellen und dann ggf. auch die drohenden Gefängnisstrafen auf sich nehmen, von denen so die einfachen beteiligten Bürgerinnen und Bürger verschont blieben.

Die Gegenposition vertraten ehemalige Freiwillige von Aktion Sühnezeichen, die ihren Freiwilligendienst bei der Farmarbeitergewerkschaft United Farm Workers geleistet hatten. Diese war in den 60er-/70er-Jahren mit Community Organizing – unter Beratung von der Industrial Areas Foundation – zu einer schlagkräftigen Gewerkschaft aufgebaut worden. Nach harten gewaltfreien Kämpfen bis in die 70er Jahre (bei gewaltsamer Gegenwehr des Establishments) hatten sie ordentlich bezahlte Tarifverträge für die Landarbeiter erstritten. Die Gewerkschaftsorganizer erhielten pro Woche 5 Dollar Entlohnung und bei Bedarf noch mal 5 Dollar für die Unterkunft. Wer von den Organizern – als die Gewerkschaft die Tarifverträge errungen hatte – eine höhere Bezahlung haben wollte, wurde darauf verwiesen, dass er oder sie gutes Geld in den Feldern verdienen könne, dies aber nicht vom Gewerkschaftsorganizing verlangen könne.

In diesem Zusammenhang wurde in der Zeitschrift gewaltfreie Aktion ein Vortrag vom damaligen UFW-Präsidenten Cesar Chavez veröffentlicht unter dem Titel »Über Geld und Organisieren«. Dies war meine erste und für mich und meine Haltung zum Organisieren und zum Fundraising prägende Begegnung mit dem Thema Community Organizing.

Wie hast Du Elemente von CO in Deiner bürgerschaftlichen Arbeit genutzt?

Zu Zeiten der Friedensbewegung hat sich dies sicher am ehesten niedergeschlagen in der Orientierung auf die gewaltfreie direkte Aktion, auf Handlungen des Zivilen Ungehorsams u. Ä., mit denen politische Fragen in kreativen Aktionen thematisiert und dramatisiert wurden. Und es hat sich schon früh bei mir die Erkenntnis festgesetzt, dass Erfolge nicht vom Himmel fallen, sondern auch des Organisierens und des Aufbaus von Strukturen bedürfen.

Diese erlebte Notwendigkeit und auch Möglichkeit des Organisierens von Erfolg war für mich und weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter (Ulla Eberhard, Monika Jostes, Milan, Peter Wattler-Kugler und zeitweise weitere) mit ähnlichen Erfahrungen ein wesentliches Motiv, in den 90er Jahren ein Organizertraining zu konzipieren und über mehrere Jahre zu veranstalten. Diese zehntägigen Trainings richteten sich jeweils an Aktive aus gesellschaftspolitischen Initiativen und sollten ihnen das wesentliche Rüstzeug für’s Organisieren vermitteln. In diese Trainings flossen einerseits unsere jeweiligen Bewegungs- und Organisationserfahrungen ein sowie unsere zwischenzeitliche berufliche Erfahrung in Feldern wie Organisationsentwicklung, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit u. a. m. Schließlich haben wir die für die Trainings entwickelten Konzepte und Materialien aufbereitet und in einer Broschüre mit dem – an Saul Alinsky angelehnten – Titel »Die Organizer-Spirale. Eine Anleitung zum Mächtig-Werden für Kampagnen, Initiativen, Projekte« bei der Stiftung Mitarbeit veröffentlicht.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Bis heute nutze ich den Ansatz des Community Organizing wohl eher implizit, da er für mich immer noch die wesentliche Methodik ist, um Selbstermächtigung und auch Nachhaltigkeit in der gesellschaftspolitischen Wirkung zu erreichen: So war und ist es mir immer wichtig, dass die Betroffenen und die Nutznießer einer Aktion oder einer Initiative auch die Verantwortung und Gestaltungsmacht übernehmen und dass sie, wenn es z. B. um die Finanzierung geht, bei sich anfangen und nicht erst mal an den Staat, an Stiftungen, an Unternehmen oder sonst wen eine Zuschussbitte richten.

Ich habe immer wieder in Fundraisingseminaren mit Hauptamtlichen aus Sozialorganisationen den Text von Cesar Chavez verwendet, um damit zu thematisieren, dass sie diejenigen Menschen, für die sie tätig sind oder sein wollen, verantwortlich mit einbeziehen sollten – bis hin zur Finanzierung.

Wo siehst Du Chancen für die Nutzung von CO in Deutschland in der Zukunft?

Die aktuellen Diskussionen um Bürgerbeteiligung, Wutbürger, Grenzen der Politik hinsichtlich der Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft und demografischen Wandel sind aus meiner Sicht eine Einladung, sich konzeptionell und methodisch intensiver mit dem Ansatz und den Erfahrungen des Community Organizing zu befassen und dazu beizutragen, dass dies Alltag wird.

Dass Nichtwählerinnen und -wähler nicht mit einer »Partei der Nichtwähler« (wie in Köln vor einigen Jahren geschehen) erfolglos angesprochen werden, sondern dass sie ermutigt werden, selbstermächtigt in die öffentliche Debatte einzutreten und Verantwortung für das Gemeinwesen mit zu übernehmen.

Dass dem Reflex, bei jeder Benennung eines gravierenden Problems (z. B. Bildung, gutes Leben im Alter) sofort nach der scheinbar einzigen Lösung gerufen wird: Mehr Geld für mehr Personalstellen, die dann mehr machen können, aber nicht unbedingt mehr bewirken oder die Probleme lösen. Es sollte hier ein neuer Reflex entwickelt werden: Was können die Betroffenen, was können die interessierten Bürgerinnen und Bürger – auch ohne spezielle Hochschulqualifikation – mit ihrer Sensibilität, mit ihren Erfahrungen, Kompetenzen und Ressourcen, mit ihrem Gestaltungswillen zur Problemlösung, zur notwendigen Öffnung oder Änderung von Institutionen und Machtverhältnissen beitragen. Oder auch: Wo können sie nicht nur beitragen, sondern vorrangig die Verantwortung und die erforderliche Leistung übernehmen.