Was bringt die Zukunft?

Seite 2: Geschichtliche Voraussetzungen

Wichtige Entwicklungslinien des CO in den USA

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entstanden in den USA eine Vielzahl von Aktivitäten, Einrichtungen und Verbänden, die zur Lösung der gemeinschaftlichen Probleme beitragen sollten, sich aber sehr oft gegenseitig behinderten. CO sollte – so die relevanten Autoren – ein reibungsloses, harmonisches Zusammenleben ermöglichen. In dieser Phase verbindet sich in den USA die Entwicklung von CO mit der der Sozialarbeit und wird als Koordination gemeinschaftlicher Hilfsmittel zur Lösung gemeinschaftlicher Probleme und als – in heutiger Begrifflichkeit – Vernetzung der örtlichen Vereinigungen und Einrichtungen zu Finanz- und Planungsgemeinschaften einerseits und Gemeinschaftszentren andererseits verstanden. Diese Entwicklungslinien kann man durchziehen bis in die Gegenwart. So erschien 1955 das Buch von Murray G. Ross »Community Organization – Theory and Principles«, das in Amerika große Beachtung fand und seit den 1960er Jahren in Deutschland auch das Lehrbuch für GWA wurde. Hier steht die berühmte Definition, die für GWA von Generationen von Student/innen übernommen (und auch gebührend kritisiert) wurde und in der CO definiert wird als ein »Prozess, in dessen Verlauf ein Gemeinwesen seine Bedürfnisse und Ziele feststellt, sie ordnet oder in eine Rangfolge bringt, Vertrauen und den Willen entwickelt, etwas dafür zu tun, innere und äußere Quellen mobilisiert, um die Bedürfnisse zu befriedigen, dass es also in dieser Richtung aktiv wird und dadurch die Haltungen von Kooperation und Zusammenarbeit und ihr tätiges Praktizieren fördert«. (5) Und 1995 – 40 Jahre später – ist bei Robert Fisher zu lesen, »dass die Community als sozialer Organismus verstanden wird, in der Bedürfnisse koordiniert werden müssen; die Aufgabe der Organizer liegt darin, ein Gefühl für die Community zu schaffen, die Sozialen Dienste zusammen zu führen und als Lobby für benötigte soziale Ressourcen tätig zu sein. Als Problem in der Nachbarschaft wird die soziale Desorganisation in der Community angesehen. Der Organizer hat die Rolle des Befähigers oder Advokats«. (6) Dies war eine Entwicklungslinie.

Peter Szynka beschreibt am Beispiel Chicago die Probleme der USA-Großstädte am Ausgang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts: eine enorm expandierende Wirtschaft und eine explosiv wachsende Bevölkerung, aus allen Gegenden der Welt kommend, schafft soziale Probleme einer zunehmenden Arbeiter- und Armutsbevölkerung, Wohnungselend, Integrationsprobleme, steigende Kriminalität. (7) Die Weltwirtschaftskrise von 1929 verschärft die sozialen Probleme. Das soziale Programm Roosevelts, der New Deal, sollte die schlimmsten Folgen der Krise wenigstens abfedern. In dieser Situation mussten den Gewerkschaften Rechte zugestanden werden. Sie verzeichneten große Erfolge. Der Organisationsgrad der Kohle- und Stahlarbeiter stieg von 8,5 auf 36,6 Prozent, insbesondere durch die Arbeit des C.I.O. (Congress of Industrial Organizations).

Die Gewerkschaften, aber auch die kommunistische Partei der USA entwickelten Programme zur politischen Mobilisierung der Arbeiter/innen, vor allem mit Hilfe von Community Organizing. CO war politisch geworden. Saul Alinsky, dessen politischer Mentor John Lewis ein Gewerkschaftsführer der C.I.O. war, unternahm den Versuch, »die erfolgreiche gewerkschaftliche Organisationsarbeit des C.I.O. vom Produktionsbereich auf den Reproduktionsbereich zu übertragen. Die Organisationsmethoden aus der Welt der Arbeit sollten in den Wohnvierteln, in der Welt der Vereine, Kirchengemeinden und der ethnischen Communities nutzbar gemacht werden«. (8) Alinsky sagt selbst: »Was ich versuchen wollte war, die Organisationstechniken, die ich bei der C.I.O. kennengelernt hatte, in den schlimmsten Slums und Ghettos anzuwenden, damit die am stärksten unterdrückten und ausgebeuteten Menschen im Land die Kontrolle über ihre eigenen Communities übernehmen und selbstbestimmt leben können« (9).

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Diese Form von CO war nicht auf die formal-technische Effektivierung sozialer Angebote und Dienste beschränkt, sondern wollte weitreichende Veränderungen in den Lebensbedingungen der Menschen erreichen durch die Aktivität und den Einsatz der Menschen selbst. Auch dieser Entwicklungsstrang zieht sich bis heute durch. (10)

Nachdem es in der Nachkriegszeit etwas stiller um die politische CO geworden war, ist in den 1960er und 1970er Jahren aufgrund des Rassismus im Alltag und der verschärften sozialen Ungleichheiten der Widerstand in Amerika gewachsen, besonders in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und durch die Aufstände in den städtischen Slums. In diesem Zusammenhang wurde die traditionelle Methode des Organizing zum Aufbau Sozialer Bewegungen genutzt. Daraus entstand das transformative Organizing, das die Methoden des CO mit radikalen Forderungen verbindet. Es ist stärker auf systemoppositionelle Perspektiven ausgerichtet und hat seinen Schwerpunkt im Aufbau basisdemokratischer Organisationen, die reale Verbesserungen in den Lebensverhältnissen der Menschen erkämpfen. In Deutschland beginnt gerade eine Rezeption dieser Form des Organizing, vor allem durch die Heinrich-Böll-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Es wäre sicher auch für FOCO interessant, sich damit auseinanderzusetzen.