Was bringt die Zukunft?

Seite 5: Gemeinwesenarbeit versus CO

Trennung von GWA und CO

Diese dritte Welle der Rezeption unterscheidet sich wesentlich von ihren Vorgängerinnen: Sie ist nicht nur rein literarisch, sondern sie ist eine ganz praktische Rezeption, wie die letzten 20 Jahre gezeigt haben. Und sie hat CO in Deutschland von der GWA gelöst und das eigene Profil wiedergefunden.

Zu Beginn – in der ersten Hälfte der 1990er Jahre – wurden die Diskussion um CO in der GWA sehr heftig geführt nach einem Argumentationsmuster, das zunächst das Bestehende kräftig abqualifiziert (27), um dann das eigene Konzept um so strahlender aufsteigen zu lassen. »Die jungen Hüpfer wollten es den alten Hasen mal zeigen – und die keilten zurück«. (28) Sie wehrten sich vehement gegen Theorie zugunsten der »Einübung eines spezifischen Sets an Techniken und Methoden von CO«. Sie wehrten sich auch gegen eine Verknüpfung von CO mit der Sozialarbeit, wobei sie nicht zu Unrecht die GWA in Deutschland als Teil der Sozialarbeit sahen.

Heute gilt, was ich schon 1999 im Nachwort zu den Alinsky-Schriften schrieb: »CO ist nicht Sozialarbeit. CO hat als organisierende Kraft die größere Wirksamkeit außerhalb der Sozialarbeit«. (29)

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Aber wir sollten nicht vergessen, was uns die Geschichte gezeigt hat, dass es immer die beiden Stränge von CO gab: der eine, der sich an der Sozialarbeit orientierte und der andere, der politische, der die Selbstorganisation der Menschen zum Prinzip machte und die Machtfrage ansprach.

Folgerichtig hat auch die GWA immer diese zwei Gesichter. Oder anders gesagt: GWA bildete immer ein Kontinuum, an dessen einem Ende ein systemkritischer, konfliktorientierter, zu Zeiten auch sozialrevolutionärer Ansatz steht und an dem anderen Ende ein staatstragender, harmonischer bzw. pragmatisch-managerieller Ansatz. »Während die eine (idealtypische) Position zentrale Aspekte wie Autonomie, Selbstorganisation und Handlungsfähigkeit unauflösbar mit den strukturellen Voraussetzungen verbindet, blendet die andere Position ökonomische und sozialstrukturelle Zwänge im Wesentlichen aus und/oder rückt die soziale Ebene, insbesondere die (moralische) Disposition der Akteur/innen in den Focus des Nahraumdiskurses«. (30)

In einer Zeit der Krise der GWA haben die Vertreter von CO die GWA nachdrücklich daran erinnert, dass zu ihren Grundprinzipien das Vertrauen in die Betroffenen gehört, dieses »verbietet es vor allem den professionellen Helfern, für Menschen zu tun, was sie für sich selbst tun können, aber (es) … legt ihnen die Verpflichtung auf, alles zu tun, um das gemeinsame Handeln zu stiften und zu begleiten« (31). Andererseits zeigen die Erfahrungen in den USA und unsere in Deutschland: Verhältnisse, in denen sich individuelle und soziale Diskriminierung verbinden, sind nicht mit Strategien der Aktivierung und Mobilisierung allein zu beeinflussen. Hier hat GWA als Arbeitsprinzip, das verschiedene strategische Ansätze der Erweiterung von Handlungsspielräumen den Menschen anbietet, einen Platz.

Deshalb ist es gut, dass es heute nicht mehr um Abgrenzungsbemühungen geht, sondern um Zusammenarbeit. In gewisser Hinsicht gleicht die heutige Situation der Lage der 1960er Jahre. Wie damals häufen sich die Zeichen für einen gesellschaftlichen Aufbruch. Die Entwicklungen, die heute unter dem Begriff »Postdemokratie« gefasst werden – Konzentration einer ungeheuren Machtfülle bei internationalen Konzernen und Finanzunternehmen, Kontrolle der öffentlichen politischen Diskussion, ja Übernahmeversuche des politischen Willensbildungsprozesses durch die Medien und die Phänomene, die ich eingangs schon nannte – haben über Jahre hinweg einen starken Veränderungsdruck aufgebaut. Proteste und Bürgerinitiativen sind zu einem Bestandteil unseres politischen Lebens geworden und nicht mehr wegzudenken. Das müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen.

Aber diese Sozialen Bewegungen seit den 1990er Jahren sind gekennzeichnet durch ein partielles Ausfransen, durch Mobilisierungsschwächen (32), durch nachlassenden Schwung. Aber vor allem sind sie stärker fragmentiert. Das zeigt sich auch bei GWA und CO. GWA kommt heute als Milieuarbeit, Gemeinwesendiakonie, Fachkonzept Sozialraumorientierung, aber auch als Quartiermanagement verkleidet daher, und CO hat eine Bandbreite, die vom Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin über die Gewerkschaften bis hin zur »revolutionären Realpolitik« der Rosa-Luxemburg-Stiftung reicht.

Was sollen wir tun?

Ich habe ein Stück der gemeinsamen Geschichte von CO und GWA mit erlebt und glaube, auch nach diesen historischen Überlegungen, dass CO und GWA noch viel intensiver zusammenarbeiten sollten: Austausch, Unterstützung, gemeinsame Vorhaben – allerdings unter zwei Prämissen: Parteilichkeit und Solidarität.
Parteilichkeit ist ein Reizwort in der GWA seit den 1970er Jahren, das immer den Schwefelgeruch von Klassenkampf mit sich trägt. Sicher haben wir den Begriff auch im Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie nachgelesen, aber er ist viel älter. Parteilichkeit hieß schon im 15. Jahrhundert »sich an jemandes Seite stellen«.

Das Postulat der Parteilichkeit ist begründet im Anspruch von CO und der GWA, soziale Gerechtigkeit in den Verhältnissen zu realisieren. Parteilichkeit ist eine professionelle Haltung, die engagiert an den Problemen ist, die die Menschen haben und nicht an den Problemen, die die Gesellschaft mit ihnen hat. Hans-Uwe Otto hält in seinen Überlegungen zur Professionalisierung Sozialer Arbeit Parteilichkeit für unverzichtbar im Sinne einer grundlegenden situations- und (ich übertrage seinen Begriff »klientenbezogen«), gemeinwesenbezogenen Begründungskompetenz. (33)

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Parteilichkeit ist also nicht eine Sache des wilden Fahnenschwingens, sondern der klaren Analyse, nämlich der Frage, wo Entwicklungsmöglichkeiten, Handlungsspielräume von Menschen eingeschränkt werden – und nicht nur von oben nach unten, sondern auch vertikal in den Konflikten zwischen den Bewohner/innen des Stadtteils selbst oder auch durch die »fürsorgliche Belagerung« durch die Soziale Arbeit.

Solidarität steht auch im Leitbild von FOCO. (34) Es ist meines Erachtens Aufgabe von GWA und FOCO »Bedingungen von Alltagssolidarität zu schaffen, die sich offensichtlich in modernen Gesellschaften nicht ohne weiteres ergeben«. (35) Zu diesen Bedingungen gehört u. a. der Aufbau von Unterstützungsnetzen, das Zurverfügungstellen von sanktionsfreien Räumen als Gelegenheit für Austausch, Kommunikation und Information, als Basis für gemeinsame Aktivitäten und schließlich auch das Bereitstellen von persönlichen Ressourcen. Solidarität kann aber erst dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie »auf die Herstellung einer gemeinsamen Machtbasis, einer Gegenmacht gegen Dritte gerichtet« (36) ist.