Was bringt die Zukunft?

Seite 4: Entwicklungen in Deutschland

Ende der 1960er Jahre – durch die Krisensituation bedingt – regten sich in Deutschland Soziale Bewegungen in Form der Außerparlamentarischen Opposition. Besonders die Student/innenbewegung mit ihren mancherlei Facetten (Politisierung der Wissenschaft, Kinderladenbewegung, Praxis- und Projektorientierung) hatte großen Einfluss auch auf die GWA. »Es ist kaum übertrieben festzustellen, dass die ganze zweite Phase der deutschen Gemeinwesenarbeit die siebziger Jahre hindurch von den Impulsen der Studentenbewegung bestimmt war, soziale Arbeit zur Gesellschaftsveränderung zu betreiben und dabei der Intention nach radikale Praktiken anzuwenden« (18), schreibt Wendt rückblickend auf diese Zeit.

In den frühen 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, die Wolfgang Hinte die »wilde Zeit« (19) der GWA nannte, entdeckten die Gemeinwesenarbeiter/innen die gesellschaftlichen Verursachungszusammenhänge sozialer Not: »Durch die laufend veränderten widersprüchlichen Auswirkungen des kapitalistischen Produktions- und Verwertungszusammenhangs werden immer größere Teile der Bevölkerung in den Bereichen von Arbeit, Wohnung, Erziehung und Umwelt sozial und psychisch beschädigt.« (20), stand damals im Reader zur Theorie und Strategie der Gemeinwesenarbeit der Victor-Gollancz-Stiftung, der ersten Zusammenfassung bundesrepublikanischer Konzeptüberlegungen zur GWA.

In dieser Zeit entdeckten die deutschen Sozialarbeiter/innen Alinsky. 1971 druckten C. Wolfgang Müller und Peter Nimmerman unter dem Titel »Die Rolle informeller Führer beim Aufbau von Volksorganisationen« Auszüge aus Alinskys Buch »Die Stunde der Radikalen«, das dann bald, zusammen mit »Leidenschaft für den Nächsten« im Verlag des Burckhardthauses herausgebracht wurde. (21) Der Arbeitskreis Kritischer Sozialarbeiter schrieb damals: »Es sind drei Punkte festzuhalten, in denen Alinsky über die anderen hier behandelten Konzepte hinausgeht. Zum ersten indem er die Selbstorganisation der Bevölkerung zum wesentlichen Prinzip macht, zum zweiten indem er die Erreichung des Ziels der demokratischen Gesellschaft von der Machtfrage abhängig macht, und zum dritten indem er die Notwendigkeit der überregionalen Organisation betont«. (22) Damit hat die deutsche GWA auch den politischen Strang von CO rezipiert und integriert.

Damit war aber auch – zunächst für etwa 15 Jahre – CO von der GWA »geschluckt«. Man hat kaum noch etwas von CO gehört. Die Entwicklung der GWA von 1975 bis 1990 ist verschiedene Wege gegangen:

  • GWA als Arbeitsprinzip Sozialer Arbeit
  • Stadteilorientierte Soziale Arbeit
  • GWA als nützliche Dienstleistung

Es ist hier nicht der Ort, diese Entwicklungen nachzuvollziehen. (23) Aber eines muss man doch feststellen: GWA hat viel von seinem politischen Impetus in diesen Jahren eingebüßt, ähnlich der Entwicklung von CO in den USA in den 1980er Jahren.

Mit den 1990er Jahren beginnt eine neue Welle der Rezeption von CO. Die sozialen Probleme in Deutschland (Armut, Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Gewalt usw.) sind nicht gelöst worden und stellen die GWA vor enorme Herausforderungen. Untersuchungen sprechen von einem Versagen der klassischen Organisations- und Steuerungselemente der staatlichen und kommunalen Politik. Die Menschen merken das und reagieren mit Politikverdrossenheit, Apathie und Wahlverweigerung. Verwaltung und Politik haben das sehr wohl registriert und experimentierten »mit einer kaum mehr überschaubaren Palette von alten und neuen Beteiligungsverfahren. Sie reichen von fall- und themenbezogenen Modellen, wie Zukunftswerkstätten, Mediationen oder Planungszellen, bis zu neuen Gremien (Kinder- und Jugendparlamente, Senioren- und Ausländerbeiräte etc.), die die Beteiligung von partizipationsfernen Einwohnergruppen auf Dauer stellen sollen« (24).

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Das nachlassende Interesse am klassischen Ehrenamt ist durch eine Fülle neuer lokaler Engagementformen (wie Tafeln, Straßenzeitungen, Hospizgruppen) ersetzt worden. Der Bürger und die Bürgerin bekommen neue Rollen zugesprochen. Sie sind nicht mehr »in erster Linie Lückenbüßer und Ausfallbürge bei Staats- und Marktversagen« (25).

Hinzu kommt: Die Ausbildung von Sozialarbeiter/innen hatte GWA weithin vernachlässigt und der Fundus an methodischen Erfahrungen und Praxiswissen, der in vielen Projekten über 20 Jahre hinweg gesammelt wurde, ist an keiner Stelle systematisch zusammengetragen und vermittelt worden. Da ist es kein Wunder, wenn bundesdeutsche Studierende, die vom Stand der Lehre hier enttäuscht waren, bei der Begegnung mit der Praxis von CO in den USA fasziniert und begeistert waren. Aus dieser Begeisterung entstand eine als Buch veröffentlichte Diplomarbeit (26), in der die bundesdeutsche GWA mit CO Alinskyischer Prägung verglichen wurde. Dieses Buch löste eine neuerliche Rezeption von CO aus, nun aber nicht nur literarisch, sondern es entwickelte sich daraus ein CO-Training im Burckhardthaus und schließlich das Forum für Community Organizing (FOCO).