Was bringt die Zukunft?

Seite 3: Deutsche Rezeption des CO

Das Verhältnis von GWA und CO

Nachdem ich die drei Stränge der Entwicklung von CO in den USA darzustellen versucht habe, möchte ich auf die deutsche Rezeption von CO und damit zum Verhältnis von GWA und CO zu sprechen kommen.

Oliver Fehren datiert die Einführung des Begriffs CO auf das Buch von Pfaffenberger/Friedländer »Grundbegriffe und Methoden der Sozialarbeit« vom Jahr 1966. (11) Da war aber die erste Welle der Rezeption schon vorbei. Schon 1955 beschrieb Herbert Lattke in seinem Buch »Soziale Arbeit und Erziehung« (12) CO als eine »grundlegende Methode« der Sozialen Arbeit, und A. Lorenzi definiert in dem Buch »Aus dem Vokabular der sozialen Arbeit« CO als »bestimmte Form und Methode der sozialen Arbeit: Organisation der sozialen Hilfe und gemeinnützigen Einrichtungen für einen Wohnbezirk« (13). Durch internationale Konferenzen für Sozialarbeit und die Berichterstattung darüber, aber auch infolge der Reeducation-Programme der Alliierten (Austausch und Studienaufenthalte von Lehrenden und Praktiker/innen der Sozialarbeit mit und in den USA) wurde ein Verständnis von CO in Deutschland verbreitet, das der sozialarbeiterischen Entwicklungslinie von CO in den USA entsprach und CO darstellte als den »methodischen Versuch der nordamerikanischen Sozialarbeit, die Wohlfahrtsbedürfnisse innerhalb eines bestimmten geographischen Bezirks im Interesse einer besseren Wirksamkeit zu koordinieren«. (14)

Martin R. Vogel und Peter Oel kritisierten damals schon die beschreibende, wenig differenzierende und die Übertragbarkeit auf bundesrepublikanische Verhältnisse nicht berücksichtigende Rezeption von CO als ein »abgekürztes Rezeptionsverfahren« (15) und forderten eigene theoretische Anstrengungen. Diese kamen allerdings erst etwa zehn Jahre später.

Ausgelöst durch die Krisenerscheinungen 1966 kann für die zweite Hälfte der 1960er Jahre eine ansteigende Aktivität von praktischer GWA festgestellt werden. Drei Gründe sind dafür maßgeblich:

  • Öffentliche und private Träger sozialer Dienstleistungen konnten den immer größer werdenden Bedarf sozialer Hilfen nicht mehr mit den bisherigen Mitteln decken. Weder materiell noch methodisch reichte das vorhandene Instrumentarium aus, um der Not zu begegnen.
  • Im Zusammenhang der Systemkonkurrenz zur DDR, mehr aber noch wegen der wachsenden Widerstandsbereitschaft in der Bevölkerung, entstanden zusätzliche Legitimationsnotwendigkeiten in Staat und Kommunen. Hier sollte GWA einspringen.
  • Die Sozialarbeiter/innen, als Prellbock zwischen erhöhter Leistungsnachfrage und verstärkten Leistungsdefiziten sozialer Dienste, verlangten nach neuen professionellen Strategien.

Zunächst waren es kirchliche und freie Träger, die vor allem in Obdachlosenunterkünften unter dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« mit der Arbeit begannen. Vorausgegangen war allerdings der Versuch, »aus der praktischen Sozialarbeit heraus bestimmte Berufserfahrungen theoretisch zu klären und unter dem Begriff ›Gemeinwesenarbeit‹ wenigstens vorläufig methodisch zu systematisieren« (16). Einen großen Einfluss hatte Murray G. Ross’ Konzept von CO, das über die Ausbildungsstätten verbreitet wurde und bei den Sozialarbeiter/innen vor allem der kirchlichen und freien Träger großen Anklang fand, denn seine reformpädagogische Ausrichtung passte gut in deren Vorstellungen von der neuen Methode GWA: »Es geht von der Notwendigkeit der aktiven Beteiligung möglichst aller Bewohner eines Wohnquartiers bei der Beseitigung partikulativer Missstände aus, in der Hoffnung, dass die Verantwortung dieser Bürger für das Gemeinwohl ihrer Kommune eine als ursprünglich angenommene und prinzipiell wiederherstellbare Harmonie rekonstruieren könne«. (17) Damit wurden das Missverständnis der Gleichstellung von CO und GWA und ihre Einordnung als dritte Methode der Sozialarbeit vollzogen.