Wie ein schwacher Stadtteil stark wird

Seite 2: Portrait der Bürgerorganisation

Rollen

Die Aufgaben- und Rollenverteilung hat sich eher informell, aber verlässlich »ergeben«. Wie von Stall/Stoecker (5) zum Gender-Aspekts des CO beschrieben, kann man »Community Organizing« und »Organizing Community« unterscheiden, wobei dem »women-centered model« eher das »Organizing Community«, die Entwicklung einer Beziehungskultur, zugeschrieben wird.

Einen »Organizer« gibt es im Verein weder als Begriff noch als offizielle Funktion. Der Verein wäre aber kaum vorstellbar, ohne dass der Wilhelmsburger Hausarzt Manuel Humburg sich mit viel Zeit und hoher Kompetenz der Aufgabe eines »Organizers« widmet. Er versteht es immer, in Einzelgesprächen Menschen zum Selbstmachen und Mitmachen anzuregen, fördert ihr öffentliches Auftreten, führt Organisationen des Stadtteils mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen zu Stellungnahmen und Aktionen zusammen und entwickelt schon seit den 1990er Jahren eine umfangreiche Informationsplattform im Internet.

Frauen wie Marianne Groß und die verstorbene Ursula Falke zeigten in den 1990er Jahren den Menschen aus Wilhelmsburg mit Spaziergängen und Schiffsfahrten, welche liebenswerten, oft versteckten Orte die Insel zu bieten hat. Vor allem Frauen finden bei großen Aktionen oder Festen mit direkten Gesprächen viele Geldquellen und sorgen im Verein für den finanziellen Rahmen und eine gute Atmosphäre, so dass auch Krisen und Rückschläge erträglich sind.

Weniger genderspezifisch verteilt sind die Rollen der Moderation, der Erforschung von Themen, der fachlichen Stellungnahme, der politischen Kontakte, der Beratung von Interessierten und der handfesten Vorbereitung und Umsetzung von geplanten Aktionen: von den Plakaten über die medientechnische Infrastruktur bis hin zum Aufbau von Ständen und Zelten.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Der Verein finanziert sich in der laufenden Arbeit aus eigenen Mitgliedsbeiträgen und durch Spenden. Für große Vorhaben, wie das jährliche Spreehafenfest (2002–2010), Großveranstaltungen und Buchprojekte, werden auch Spenden von Unternehmen, EU-Gelder sowie Zuschüsse von örtlichen Gremien eingeworben. Eine wichtige Ressource sind die Räume des Wilhelmsburger Bürgerhauses, in dem man sich fast immer treffen und zu geringen Kosten Veranstaltungen durchführen kann.

Ziele

Der Verein setzt sich selbstbewusst und unerschrocken gegenüber der Hamburger Politik für bessere Lebensbedingungen im Stadtteil ein, versteht sich als konstruktiver und kritischer Wächter bei den zentralen Stadtentwicklungsthemen und arbeitet lösungsorientiert und auch kompromissbereit. Er steht fest zu den Menschenrechten, dem Schutz der Natur und gegen jede Diskriminierung, aber er maßt sich kein Meinungsmonopol an, sondern fördert den Dialog und die Verständigung zwischen verschiedenen Standpunkten, Lebensbedingungen und Quartieren des Stadtteils. Politik, Wirtschaft und die mächtigen lokalen Institutionen sollen nicht an dem Stadtteil und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern vorbei entscheiden können.

Methodisches Vorgehen

Wesentliche Instrumente sind regelmäßige öffentliche Veranstaltungen, Stellungnahmen, Bürgerversammlungen und Aktionen. Den demokratischen Diskurs ermöglicht der Verein mit seinen oft monatlichen »Pegelständen«. Nicht nur an den Elbarmen, sondern auch gesellschaftlich und politisch gibt es Ebbe und Flut für den Stadtteil und oft bedrohliches Hochwasser. Pegelstände sind öffentliche, sorgfältig vorbereitete, eintritts- und honorarfreie Veranstaltungen, die aktuelle Themen der Insel, aber auch über sie hinausführend, aufgreifen. Zu den Themen gehören beispielsweise Alternativen im Wohnungsbau, dem Verkehr und der Stadtentwicklung, Diskussionen zur Schulreform und Energieerzeugung, Sorge um die Zukunft der Arbeit und den Erhalt der grünen Insel, die Abgrenzung der Bürgerbeteiligung von Akzeptanzbeschaffung. Dabei führen kompetente Gesprächspartner den Dialog mit 50 bis 100 Teilnehmern. Streit, Lösungssuche und -findung gehören ebenso dazu wie die Unterstützung von Aktionen verschiedener Gruppen des Stadtteils.

Mit einer Vielzahl von Stellungnahmen und Veröffentlichungen (6) hat der Verein zu vielfältigen Themen Stellung bezogen. Die Wilhelmsburger Stimme hat die reale Entwicklung oft beeinflusst.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Bei den Bürgerversammlungen mit 300 bis 500 Teilnehmern aus allen Schichten gilt die Regel, dass Politiker keine Fensterreden halten und die Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger nicht nur fragen, sondern ihre Meinung deutlich sagen. Solche großen Bürgerversammlungen ebenso wie Demonstrationen und demonstrative Karnevalsumzüge – wenn es sein muss mitten im Sommer – mit 500 bis 2.000 Teilnehmern führt der Verein immer im Bündnis mit anderen Gruppen auf der Basis persönlichen und inhaltlichen Vertrauens durch.

Seit einigen Jahren arbeitet der Verein eng mit den »Engagierten Wilhelmsburgern« zusammen, die sich aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zu zwei geplanten Autobahnprojekten zusammengeschlossen haben. Ihre phantasievollen, oft wöchentlichen Demonstrationen, ihre Straßentheater, Rollenspiele und Go-Ins zur planenden Behörden erreichen ein großes Echo in der Öffentlichkeit und in den Medien. (7)

Zwischen dem Verein und dem Forum Community Organizing gibt es personelle Verbindungen. Punktuell gab es Beratungen, z. B. zur Gründung des Vereins »Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg«, zur inneren Struktur des Vereins und seiner Arbeitsweise ebenso wie zur Strategieentwicklung. Der Verein versteht sich nicht als »Community Organizing«. Faktisch hat er aber doch dazu beigetragen, dass sich in Hamburg-Wilhelmsburg aus eigener Tradition ein dauerhaftes »Community Organizing« entwickelt hat.

Denn beim Community Organizing sind die Organisationen kein Selbstzweck, sondern dienen immer dazu:

  • konkrete Verbesserungen in vielen Lebensbereichen vor Ort zu erreichen,
  • handlungsmächtige soziale Beziehungen und eine »kollektive Identität« aufzubauen und
  • die Machtverhältnisse so zu verändern, dass Bürgerinnen und Bürger mit den Machtinhabern von Politik und Wirtschaft auf Augenhöhe verhandeln können (8).