Wie ein schwacher Stadtteil stark wird

Seite 3: Aktionsplan

Aktionen

Exemplarisch soll der Prozess der »Öffnung des Spreehafens« dargestellt werden. (9) Es handelt sich um eine zentrale Forderung des Vereins seit seiner Gründung.

Das Hafenbecken »Spreehafen« ist 1890 als Teil des Hamburger Freihafens entstanden. Hier konnten Waren zollfrei umgeschlagen werden. Der Spreehafen lag ganz im Süden, an der bis 1937 bestehenden Hamburger Landesgrenze, für Wilhelmsburg lag er »auf der anderen Seite« des hohen, mit Stacheldraht versehenen Freihafenzauns, der von Zollbeamten bewacht wurde. Der Spreehafen war mit der Zeit aus einem ziemlich tristen Hafenbecken zu einem idyllischen, von Büschen und Bäumen umwachsenen See geworden. Hier ankerten bewohnbare alte Boote und mit seinem Schlick war er zum schützenswerten Futterplatz vieler Vogelarten geworden.

Bei der Zukunftskonferenz sprudelten die Ideen: aus dem Spreehafen könnte ein Hausboothafen entstehen, man könnte vom Spreehafen mit Fähren zur inneren Stadt Hamburgs fahren, der Spreehafen könnte ein Freizeitgebiet für die Bewohnerschaft werden. Voraussetzung für all diese Ideen aber war, dass der Zaun geöffnet wird. Denn um auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, mussten die Wilhelmsburger viele Kilometer Umweg in Kauf nehmen.
Die Hafenbehörde hatte ganz andere Vorstellungen. Die Überlegungen gingen dahin, die Teile des Spreehafens zuzuschütten, die man hafenwirtschaftlich nicht mehr braucht. Zudem dachte man daran, hier z. B. Leer-Container zu lagern. Zudem hatte die Stadt ihre eigenen Pläne: Über den Spreehafen sollte eine Ost-West-Autobahn, die »Hafenquerspange« gebaut werden, die seit 30 Jahren vor allem durch die Wilhelmsburger Proteste verhindert worden war.

So wurde die Öffnung des Spreehafens zum Schlüsselprojekt des Vereins: die Erweiterung des öffentlichen Raums um den Spreehafen und die Verhinderung einer Autobahn waren miteinander verbundene Ziele. Der Öffentlichkeit zugänglich und bekannt wurde der Hafen-See durch die jährlichen Spreehafenfeste, die zu einem Markenzeichen des Vereins wurden. Neben den Wilhelmsburgern kamen Menschen aus ganz Hamburg. Provisorische Fährverbindungen zu dem Fest machten sichtbar, dass das scheinbar so ferne und unheimliche Wilhelmsburg zum Greifen nahe und ein Ort zum Leben ist.
Es gelang, den Spreehafen im öffentlichen Bewusstsein als einen lebenswerten Ort zu verankern und zugleich den trennenden Zaun zu einem Negativ-Symbol der Ausgrenzung zu machen. So wurde die »Öffnung des Spreehafens« zu einem erreichbaren Ziel und zu einem zentralen Thema in der Strategie des Vereins, mit dem sich Bündnisse schließen ließen und das sich mit dem längerfristigen Ziel »Verhinderung einer Autobahn« verknüpfen ließ.

Letztlich war diese Strategie erfolgreich. Der Spreehafen wurde im Jahr 2010 mit zwei »Schlupftoren« durch den Zaun zugänglich und im Jahr 2013 im Zusammenhang mit der Aufhebung des Freihafens ganz vom Zaun befreit. Anfang des Jahres 2008 erklärte der Senat zudem, dass sich eine Autobahn über den Spreehafen nicht mit dem gerade propagierten »Sprung über die Elbe« vertragen würde, eine Autobahn mit einem Tunnel unter dem Spreehafen aber zu teuer würde. Damit war diese Autobahn – zunächst – vom Tisch. (10)

Mit der Öffnung des Zollzauns war ein Schlüsselprojekt gelungen:

  • gegen die ursprünglich geplante Zuschüttung von Teilen des Spreehafens
  • für freien Zugang zu öffentlichem Raum ohne Kommerzialisierung
  • für Feste und Veranstaltungen der Bewohner/innen im Hafengebiet
  • gegen eine Autobahn, die über den Spreehafen gebaut werden sollte.

Erfolge

Konkrete Verbesserungen

Erfolge sind nicht immer so eindeutig, wie es bei der »Öffnung des Spreehafens« erscheint. Ohne die Zukunftskonferenz hätte es sicherlich keine Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg (2006–2013) gegeben. Positiv könnte man sagen, dass die Bürgerbewegung auf diesem Weg bis zu 1 Mrd. Euro für private und öffentliche Investitionen in den Stadtteil geholt hat. Tatsächlich sind viele konkrete Forderungen umgesetzt, allen voran viele neue Bildungsgebäude und eine umfassende Sanierung eines Teils des öffentlichen Wohnungsbaus. (11) Auch die Öffnung des Spreehafens wäre ohne die IBA schwerer umsetzbar gewesen. Andererseits hat die IBA auch Gentrifizierungsdynamiken in Gang gesetzt (12), die sehr unterschiedlich bewertet werden. Der Verein hat sich mit den IBA-Prozessen kritisch und konstruktiv auseinandergesetzt: Er hat mit von ihr unabhängigen Veranstaltungen ein Forum zur Entwicklung einer eigenständigen Wilhelmsburger Stimme geboten und mit großen Karnevalsdemonstrationen unter dem Motto »Wir sind schon da« das Selbstbewusstsein der Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger den oft kolonialistischen Tendenzen der IBA entgegengesetzt.

Handlungsfähige kollektive Identität

Handlungsfähig ist eine lokale Bürgerbewegung, wenn es eine »kollektive Identität« gibt, die andere Identitäten – religiöse, genderspezifische, berufliche, politische sowie ganz persönliche – nicht verdrängt. (13) Der Verein hat zur Konstruktion und Verankerung einer »kollektiven Identität« Wilhelmsburgs beigetragen; Elemente dieser Identität sind

  • das sehr unterschiedliche Quartiere umfassende Inselbewusstsein einer »Schicksalsgemeinschaft hinterm Deich« (14);
  • die Widerständigkeit gegenüber Zumutungen und Belastungen durch den Hamburger Senat, das Bundesverkehrsministerium, die Industrie, den Durchfahrtverkehr und die Hafenverwaltung;
  • die Beharrlichkeit, der Ideenreichtum und das Engagement, mit dem Menschen in Wilhelmsburg eine lebendige Stadtteilkultur entwickeln und eigene Gestaltungsideen für den Stadtteil durchsetzen;
  • die Gemeinschaft von Menschen aus allen Ländern. Die Aussage: »Wir sind nicht Deutsche und Ausländer – wir sind Wilhelmsburger« wird heute von vielen in Wilhelmsburg geteilt.

Natürlich wird diese »kollektive Identität« nicht von allen übernommen und schon gar nicht von allen in gleicher Weise artikuliert, dennoch zeigt der Wilhelmsburger Alltag eine wechselseitige Akzeptanz, die angesichts der Vielfalt der Bewohnerschaft mehr als bemerkenswert ist. (15)