Wie ein schwacher Stadtteil stark wird

In Wilhelmsburg hat sich über einige Jahrzehnte eine Bewegung der Bürgerinnen und Bürger entwickelt, über die die Stadt und finanziell starke Institutionen nicht einfach hinweggehen können. Einen großen Anteil daran hat der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass es in diesem Stadtteil eine breite, nach innen und außen wirksame und erfolgreiche Vernetzung ganz unterschiedlicher Wilhelmsburger Gruppen gibt. Damit hat sich in Hamburg-Wilhelmsburg aus eigener Tradition eine dauerhafte Community Organization entwickelt.

Die Macht der Selbstorganisation – Community Organizing in Hamburg-Wilhelmsburg

Wilhelmsburg ist eine große Insel zwischen den beiden Elbarmen Norder- und Süderelbe mit über 50.000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Aus dem landwirtschaftlich geprägten Gebiet ist im 19. Jahrhundert ein Arbeiter-, Industrie- und Hafenstadtteil geworden, der seit 1937 zu Hamburg gehört. Nach der großen Flut von 1962, die 200 Wilhelmsburger das Leben kostete, wollte der Hamburger Senat zunächst den Westen Wilhelmsburgs dem Hafen und der Industrie überlassen. Die Flut und die darauf folgende faktische Aufgabe des Stadtteils durch den Senat prägen bis heute das Bewusstsein vieler Menschen auf der Insel.

Gebäude verfielen, Menschen zogen fort, hinzu kamen vor allem Migrantinnen und Migranten, die auf niedrige Wohnkosten angewiesen waren. Zugleich stieg die Arbeitslosigkeit, weil die klassischen Industriebetriebe, Werften und der Hafen weniger Arbeiter brauchten. Ende des 20. Jahrhunderts galt für viele: »Wer kann, haut ab«. Zugleich bekamen rassistische Ansätze (»Das Boot ist voll«) Zulauf; in dem ehemals sozialdemokratisch geprägten Stadtteil wählte 2001 ein Drittel den Rechtspopulisten Schill.

Ein informell, aber kontinuierlich arbeitendes »Forum Wilhelmsburg« von ca. 20 ehrenamtlichen Mitgliedern bildete den Aktionskern derer, die sich für den Erhalt und die Entwicklung Wilhelmsburgs als lebens- und liebenswerten Stadtteil einsetzten. Das Forum stand zugleich für das gute Zusammenleben aller Bewohner/innen: »Wir sind nicht Deutsche, wir sind nicht Ausländer – wir sind Wilhelmsburger« hieß es bei einer Demonstration (1). Die Bürgerbewegung verhinderte z. B. mit großen Demonstrationen, einer Brückenbesetzung sowie Veranstaltungen, bei denen der Bürgermeister Rede und Antwort stehen musste, die Ansiedlung einer Müllverbrennungsanlage (2) und setzte 2001 eine einjährige, vom Hamburger Parlament beschlossene, Zukunftskonferenz durch, die ein umfassendes Konzept für die Entwicklung der Elbinsel erarbeitete. Eine Koordinierungsrunde, in der Mitglieder des Forums Wilhelmsburg eine zentrale Rolle spielten, formulierte dieses Konzept in einem »Weissbuch« (3). Das Weissbuch wurde Grundlage des nachfolgenden Vereins »Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg« und die in Wilhelmsburg durchgeführte Internationale Bauausstellung IBA Hamburg (2006–2013) zog das Weissbuch – nicht immer zu Recht (4) – als Legitimationsgrundlage für die eigenen Projekte heran.

Portrait der Bürgerorganisation

Vor allem aus Mitgliedern der Koordinierungsrunde gründete sich 2002 der eingetragene Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, der mit Namen, Satzung und Struktur an die Tradition des Forums und an die Zukunftskonferenz anknüpfte.

Der Verein hat ca. 80 Personen als Mitglieder; Organisationen können fördernde Mitglieder sein, dies wurde aber bisher kaum praktiziert. Als Organe gibt es den jährlich neu gewählten Vorstand, die monatlich tagende 15-köpfige Koordinierungsrunde als erweiterten Vorstand und Vernetzungsorgan von Arbeitsgruppen sowie mindestens jährlich eine Mitgliederversammlung.

Die Hamburger glauben fest daran:

Wilhelmsburg ist eine Strafkolonie.
So viel Wasser und man kommt nicht ran,
auf dieser Insel wollen wir keine neue Autobahn!
Warum ist der Zollzaun noch nicht demontiert?

(Beschwerdechor Wilhelmsburg 2006)

Rollen

Die Aufgaben- und Rollenverteilung hat sich eher informell, aber verlässlich »ergeben«. Wie von Stall/Stoecker (5) zum Gender-Aspekts des CO beschrieben, kann man »Community Organizing« und »Organizing Community« unterscheiden, wobei dem »women-centered model« eher das »Organizing Community«, die Entwicklung einer Beziehungskultur, zugeschrieben wird.

Einen »Organizer« gibt es im Verein weder als Begriff noch als offizielle Funktion. Der Verein wäre aber kaum vorstellbar, ohne dass der Wilhelmsburger Hausarzt Manuel Humburg sich mit viel Zeit und hoher Kompetenz der Aufgabe eines »Organizers« widmet. Er versteht es immer, in Einzelgesprächen Menschen zum Selbstmachen und Mitmachen anzuregen, fördert ihr öffentliches Auftreten, führt Organisationen des Stadtteils mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen zu Stellungnahmen und Aktionen zusammen und entwickelt schon seit den 1990er Jahren eine umfangreiche Informationsplattform im Internet.

Frauen wie Marianne Groß und die verstorbene Ursula Falke zeigten in den 1990er Jahren den Menschen aus Wilhelmsburg mit Spaziergängen und Schiffsfahrten, welche liebenswerten, oft versteckten Orte die Insel zu bieten hat. Vor allem Frauen finden bei großen Aktionen oder Festen mit direkten Gesprächen viele Geldquellen und sorgen im Verein für den finanziellen Rahmen und eine gute Atmosphäre, so dass auch Krisen und Rückschläge erträglich sind.

Weniger genderspezifisch verteilt sind die Rollen der Moderation, der Erforschung von Themen, der fachlichen Stellungnahme, der politischen Kontakte, der Beratung von Interessierten und der handfesten Vorbereitung und Umsetzung von geplanten Aktionen: von den Plakaten über die medientechnische Infrastruktur bis hin zum Aufbau von Ständen und Zelten.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Der Verein finanziert sich in der laufenden Arbeit aus eigenen Mitgliedsbeiträgen und durch Spenden. Für große Vorhaben, wie das jährliche Spreehafenfest (2002–2010), Großveranstaltungen und Buchprojekte, werden auch Spenden von Unternehmen, EU-Gelder sowie Zuschüsse von örtlichen Gremien eingeworben. Eine wichtige Ressource sind die Räume des Wilhelmsburger Bürgerhauses, in dem man sich fast immer treffen und zu geringen Kosten Veranstaltungen durchführen kann.

Ziele

Der Verein setzt sich selbstbewusst und unerschrocken gegenüber der Hamburger Politik für bessere Lebensbedingungen im Stadtteil ein, versteht sich als konstruktiver und kritischer Wächter bei den zentralen Stadtentwicklungsthemen und arbeitet lösungsorientiert und auch kompromissbereit. Er steht fest zu den Menschenrechten, dem Schutz der Natur und gegen jede Diskriminierung, aber er maßt sich kein Meinungsmonopol an, sondern fördert den Dialog und die Verständigung zwischen verschiedenen Standpunkten, Lebensbedingungen und Quartieren des Stadtteils. Politik, Wirtschaft und die mächtigen lokalen Institutionen sollen nicht an dem Stadtteil und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern vorbei entscheiden können.

Methodisches Vorgehen

Wesentliche Instrumente sind regelmäßige öffentliche Veranstaltungen, Stellungnahmen, Bürgerversammlungen und Aktionen. Den demokratischen Diskurs ermöglicht der Verein mit seinen oft monatlichen »Pegelständen«. Nicht nur an den Elbarmen, sondern auch gesellschaftlich und politisch gibt es Ebbe und Flut für den Stadtteil und oft bedrohliches Hochwasser. Pegelstände sind öffentliche, sorgfältig vorbereitete, eintritts- und honorarfreie Veranstaltungen, die aktuelle Themen der Insel, aber auch über sie hinausführend, aufgreifen. Zu den Themen gehören beispielsweise Alternativen im Wohnungsbau, dem Verkehr und der Stadtentwicklung, Diskussionen zur Schulreform und Energieerzeugung, Sorge um die Zukunft der Arbeit und den Erhalt der grünen Insel, die Abgrenzung der Bürgerbeteiligung von Akzeptanzbeschaffung. Dabei führen kompetente Gesprächspartner den Dialog mit 50 bis 100 Teilnehmern. Streit, Lösungssuche und -findung gehören ebenso dazu wie die Unterstützung von Aktionen verschiedener Gruppen des Stadtteils.

Mit einer Vielzahl von Stellungnahmen und Veröffentlichungen (6) hat der Verein zu vielfältigen Themen Stellung bezogen. Die Wilhelmsburger Stimme hat die reale Entwicklung oft beeinflusst.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Bei den Bürgerversammlungen mit 300 bis 500 Teilnehmern aus allen Schichten gilt die Regel, dass Politiker keine Fensterreden halten und die Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger nicht nur fragen, sondern ihre Meinung deutlich sagen. Solche großen Bürgerversammlungen ebenso wie Demonstrationen und demonstrative Karnevalsumzüge – wenn es sein muss mitten im Sommer – mit 500 bis 2.000 Teilnehmern führt der Verein immer im Bündnis mit anderen Gruppen auf der Basis persönlichen und inhaltlichen Vertrauens durch.

Seit einigen Jahren arbeitet der Verein eng mit den »Engagierten Wilhelmsburgern« zusammen, die sich aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zu zwei geplanten Autobahnprojekten zusammengeschlossen haben. Ihre phantasievollen, oft wöchentlichen Demonstrationen, ihre Straßentheater, Rollenspiele und Go-Ins zur planenden Behörden erreichen ein großes Echo in der Öffentlichkeit und in den Medien. (7)

Zwischen dem Verein und dem Forum Community Organizing gibt es personelle Verbindungen. Punktuell gab es Beratungen, z. B. zur Gründung des Vereins »Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg«, zur inneren Struktur des Vereins und seiner Arbeitsweise ebenso wie zur Strategieentwicklung. Der Verein versteht sich nicht als »Community Organizing«. Faktisch hat er aber doch dazu beigetragen, dass sich in Hamburg-Wilhelmsburg aus eigener Tradition ein dauerhaftes »Community Organizing« entwickelt hat.

Denn beim Community Organizing sind die Organisationen kein Selbstzweck, sondern dienen immer dazu:

  • konkrete Verbesserungen in vielen Lebensbereichen vor Ort zu erreichen,
  • handlungsmächtige soziale Beziehungen und eine »kollektive Identität« aufzubauen und
  • die Machtverhältnisse so zu verändern, dass Bürgerinnen und Bürger mit den Machtinhabern von Politik und Wirtschaft auf Augenhöhe verhandeln können (8).

Aktionen

Exemplarisch soll der Prozess der »Öffnung des Spreehafens« dargestellt werden. (9) Es handelt sich um eine zentrale Forderung des Vereins seit seiner Gründung.

Das Hafenbecken »Spreehafen« ist 1890 als Teil des Hamburger Freihafens entstanden. Hier konnten Waren zollfrei umgeschlagen werden. Der Spreehafen lag ganz im Süden, an der bis 1937 bestehenden Hamburger Landesgrenze, für Wilhelmsburg lag er »auf der anderen Seite« des hohen, mit Stacheldraht versehenen Freihafenzauns, der von Zollbeamten bewacht wurde. Der Spreehafen war mit der Zeit aus einem ziemlich tristen Hafenbecken zu einem idyllischen, von Büschen und Bäumen umwachsenen See geworden. Hier ankerten bewohnbare alte Boote und mit seinem Schlick war er zum schützenswerten Futterplatz vieler Vogelarten geworden.

Bei der Zukunftskonferenz sprudelten die Ideen: aus dem Spreehafen könnte ein Hausboothafen entstehen, man könnte vom Spreehafen mit Fähren zur inneren Stadt Hamburgs fahren, der Spreehafen könnte ein Freizeitgebiet für die Bewohnerschaft werden. Voraussetzung für all diese Ideen aber war, dass der Zaun geöffnet wird. Denn um auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, mussten die Wilhelmsburger viele Kilometer Umweg in Kauf nehmen.
Die Hafenbehörde hatte ganz andere Vorstellungen. Die Überlegungen gingen dahin, die Teile des Spreehafens zuzuschütten, die man hafenwirtschaftlich nicht mehr braucht. Zudem dachte man daran, hier z. B. Leer-Container zu lagern. Zudem hatte die Stadt ihre eigenen Pläne: Über den Spreehafen sollte eine Ost-West-Autobahn, die »Hafenquerspange« gebaut werden, die seit 30 Jahren vor allem durch die Wilhelmsburger Proteste verhindert worden war.

So wurde die Öffnung des Spreehafens zum Schlüsselprojekt des Vereins: die Erweiterung des öffentlichen Raums um den Spreehafen und die Verhinderung einer Autobahn waren miteinander verbundene Ziele. Der Öffentlichkeit zugänglich und bekannt wurde der Hafen-See durch die jährlichen Spreehafenfeste, die zu einem Markenzeichen des Vereins wurden. Neben den Wilhelmsburgern kamen Menschen aus ganz Hamburg. Provisorische Fährverbindungen zu dem Fest machten sichtbar, dass das scheinbar so ferne und unheimliche Wilhelmsburg zum Greifen nahe und ein Ort zum Leben ist.
Es gelang, den Spreehafen im öffentlichen Bewusstsein als einen lebenswerten Ort zu verankern und zugleich den trennenden Zaun zu einem Negativ-Symbol der Ausgrenzung zu machen. So wurde die »Öffnung des Spreehafens« zu einem erreichbaren Ziel und zu einem zentralen Thema in der Strategie des Vereins, mit dem sich Bündnisse schließen ließen und das sich mit dem längerfristigen Ziel »Verhinderung einer Autobahn« verknüpfen ließ.

Letztlich war diese Strategie erfolgreich. Der Spreehafen wurde im Jahr 2010 mit zwei »Schlupftoren« durch den Zaun zugänglich und im Jahr 2013 im Zusammenhang mit der Aufhebung des Freihafens ganz vom Zaun befreit. Anfang des Jahres 2008 erklärte der Senat zudem, dass sich eine Autobahn über den Spreehafen nicht mit dem gerade propagierten »Sprung über die Elbe« vertragen würde, eine Autobahn mit einem Tunnel unter dem Spreehafen aber zu teuer würde. Damit war diese Autobahn – zunächst – vom Tisch. (10)

Mit der Öffnung des Zollzauns war ein Schlüsselprojekt gelungen:

  • gegen die ursprünglich geplante Zuschüttung von Teilen des Spreehafens
  • für freien Zugang zu öffentlichem Raum ohne Kommerzialisierung
  • für Feste und Veranstaltungen der Bewohner/innen im Hafengebiet
  • gegen eine Autobahn, die über den Spreehafen gebaut werden sollte.

Erfolge

Konkrete Verbesserungen

Erfolge sind nicht immer so eindeutig, wie es bei der »Öffnung des Spreehafens« erscheint. Ohne die Zukunftskonferenz hätte es sicherlich keine Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg (2006–2013) gegeben. Positiv könnte man sagen, dass die Bürgerbewegung auf diesem Weg bis zu 1 Mrd. Euro für private und öffentliche Investitionen in den Stadtteil geholt hat. Tatsächlich sind viele konkrete Forderungen umgesetzt, allen voran viele neue Bildungsgebäude und eine umfassende Sanierung eines Teils des öffentlichen Wohnungsbaus. (11) Auch die Öffnung des Spreehafens wäre ohne die IBA schwerer umsetzbar gewesen. Andererseits hat die IBA auch Gentrifizierungsdynamiken in Gang gesetzt (12), die sehr unterschiedlich bewertet werden. Der Verein hat sich mit den IBA-Prozessen kritisch und konstruktiv auseinandergesetzt: Er hat mit von ihr unabhängigen Veranstaltungen ein Forum zur Entwicklung einer eigenständigen Wilhelmsburger Stimme geboten und mit großen Karnevalsdemonstrationen unter dem Motto »Wir sind schon da« das Selbstbewusstsein der Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger den oft kolonialistischen Tendenzen der IBA entgegengesetzt.

Handlungsfähige kollektive Identität

Handlungsfähig ist eine lokale Bürgerbewegung, wenn es eine »kollektive Identität« gibt, die andere Identitäten – religiöse, genderspezifische, berufliche, politische sowie ganz persönliche – nicht verdrängt. (13) Der Verein hat zur Konstruktion und Verankerung einer »kollektiven Identität« Wilhelmsburgs beigetragen; Elemente dieser Identität sind

  • das sehr unterschiedliche Quartiere umfassende Inselbewusstsein einer »Schicksalsgemeinschaft hinterm Deich« (14);
  • die Widerständigkeit gegenüber Zumutungen und Belastungen durch den Hamburger Senat, das Bundesverkehrsministerium, die Industrie, den Durchfahrtverkehr und die Hafenverwaltung;
  • die Beharrlichkeit, der Ideenreichtum und das Engagement, mit dem Menschen in Wilhelmsburg eine lebendige Stadtteilkultur entwickeln und eigene Gestaltungsideen für den Stadtteil durchsetzen;
  • die Gemeinschaft von Menschen aus allen Ländern. Die Aussage: »Wir sind nicht Deutsche und Ausländer – wir sind Wilhelmsburger« wird heute von vielen in Wilhelmsburg geteilt.

Natürlich wird diese »kollektive Identität« nicht von allen übernommen und schon gar nicht von allen in gleicher Weise artikuliert, dennoch zeigt der Wilhelmsburger Alltag eine wechselseitige Akzeptanz, die angesichts der Vielfalt der Bewohnerschaft mehr als bemerkenswert ist. (15)

Macht

Die Macht von Bürgerorganisationen, die immer relativ ist gegenüber der Macht des Geldes und der Institutionen, drückt sich in ihren Erfolgen aus, aber auch darin, von wem und wann man angerufen oder angefragt wird, an welchen Verhandlungen man teilnimmt, welches Echo man erhält (16) und auch in der Definitionsmacht zur Situation und Entwicklung der Elbinsel: welche Aussagen übernehmen die Medien, die Politik, die Wissenschaft, die Fachgremien, die »Hamburger«?

Dem Wilhelmsburger »Community Organizing« ist es zu verdanken, dass es schwerer geworden ist, Entscheidungen über die Köpfe der Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger hinweg durchzusetzen. Aber Erfahrungen von Macht und Ohnmacht liegen dicht beieinander und die Aufgabe der Wilhelmsburger Bürgerorganisationen ist es, Menschen immer wieder zu einem erfolgreichen gemeinsamen Agieren zusammenzuführen.

Probleme und Potenziale

Die Wilhelmsburger Bürgerorganisationen sind in Bewegung. Neue aktive Gruppen jüngerer Engagierter entstehen, wie z. B. der Arbeitskreis Umstrukturierung, der Mieter/innen in verfallenden Häusern zur Gegenwehr mobilisiert (17) und mit seiner Gentrifizierungskritik und seinen Kontakten zur Hamburger linken Szene Zuspruch bei jüngeren, oft neu nach Wilhelmsburg gezogenen Menschen findet.

Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg hat selbst zusammen mit dem Türkischen Elternbund und dem Wilhelmsburger Bürgerhaus ein Netzwerk von Organisationen und Vereinen ins Leben gerufen. Hier stellt sich die Aufgabe, verstärkt mit jungen Menschen und mit Menschen, für die die Muttersprache nicht deutsch ist, zusammenzuarbeiten und auch die muslimischen Institutionen einzubeziehen, die für viele Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburger eine zentrale Bedeutung haben. (18)

Dies wird ohne eine stärkere Professionalisierung und Organizing-Beratung schwer möglich sein; dabei sollten auch Erfahrungen aus dem amerikanischen Community Organizing genutzt werden.

Die kollektiven Identitäten werden sich auf Dauer ändern. Mit dem trennenden Zaun ist ein Symbol der Ausgrenzung verschwunden. Dieses Symbol kann nicht einfach durch ein anderes ersetzt werden. Vielleicht werden die einzelnen Quartiere für viele wichtiger als die gesamte Elbinsel. (19) Die Aufgabe der unabhängigen Bürgerorganisationen ist es, mit ihren Aktivitäten und Deutungen diesen Prozess nicht den Werbeagenturen der großen Organisationen und den Begehrlichkeiten der Politik zu überlassen, sondern das Steuer immer wieder neu zu übernehmen.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg
c/o Holm, Rotenhäuser Damm 95e
www.zukunft-elbinsel.de

Anmerkungen

(1) Vgl. Trappe, Axel (2012): Nachhaltige Stadtentwicklung. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 24-35.

(2) Vgl. Humburg, Manuel (2012a): 50 Jahre Bürgerengagement als Motor der Stadtteilentwicklung in Wilhelmsburg. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 14-23.

(3) Vgl. Zukunftskonferenz Wilhelmsburg (Hrsg.) (2002): Weissbuch. Insel im Fluss – Brücken in die Zukunft Bericht der Arbeitsgruppen Mai 2001 bis Januar 2002. Hamburg.

(4) Vgl. Humburg, Manuel (2012b): Zur Entmythologisierung von Weissbuch und Zukunftskonferenz Wilhelmsburg. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 54–63; Zahn, Lisa (2012): Die Zukunftskonferenz als Impulsgeber – was ist aus den damaligen Ideen geworden? In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 44-53.

(5) Vgl. Stall, Susan/Stoecker, Randy (1998): Community Organizing or Organizing Community? Gender and the Crafts of Empowerment. Herausgegeben von SAGE Publications, http://comm-org.wisc.edu/papers96/gender2.html.

(6) Vgl. Groß, Marianne/Humburg, Manuel/Rothschuh, Michael: Wilhelmsburger Chronik 2002-2012. 10 Jahre Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg.

(7) Vgl. Klein, Melanie (2012): »Engagierte Wilhelmsburger«: Über 30 kreative Aktionen unter dem Motto »Es ist 5 vor 12!«. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 162-165.

(8) Vgl. Rothschuh Michael (2013): Community Organizing. Macht gewinnen statt beteiligt werden. In: Stövesand, Sabine; Stoik, Christoph; Troxler, Ueli (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. (Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden ; Deutschland, Schweiz, Österreich). Opladen: Budrich (Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, 4), S. 375-383.

(9) Vgl. Amelingmeyer, Liesel (2012): Spreehafenfeste feiern. Die feierliche Inbesitznahme eines Ortes für alle. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 110-120.

(10) Vgl. Rothschuh, Michael (2012): Wie Wilhelmsburger Bewohnerinnen und Bewohner einmal die Hafenquerschlange besiegten. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 166-183.

(11) Vgl. IBA Hamburg (Hrsg.) (2010): Zukunftsperspektiven für die Elbinsel Wilhelmsburg, Projekte der IBA Hamburg und aktuelle Entwicklungen der Elbinsel auf dem Prüfstand der Zukunftskonferenz 2001/2002, Texte zum IBA FORUM 2010: Halbzeitbilanz am 26. Oktober 2010, www.iba-hamburg.de/fileadmin/contentdateien/Fachtagungen/FORUM/2010/101022_zukunftsperspektiven.pdf.

(12) Vgl. Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg (Hrsg.) (2013): Unternehmen Wilhelmsburg. Stadtentwicklung im Zeichen von IBA und igs. Hamburg: Assoziation A.

(13) Vgl. Rucht, Dieter (2011): The Strength of Weak Identities. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 2011, H. 4, S. 73-84.

(14) Schmidt, Tobias (2012): Die Wilhelmsburger Zivilgesellschaft ist kritisch und kreativ engagiert. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 203.

(15) Vgl. Schaefer, Kerstin (2012): Die Wilde 13. Durch Raum und Zeit in Hamburg-Wilhelmsburg. Hamburg.

(16) Vgl. Echo, Kritik, Ermutigung (2012), In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 184-193.

(17) Vgl. Arbeitskreis Umstrukturierung (2013), S. 96 ff.

(18) Vgl. Becker, Jochen (Hrsg.) (2011): Urban Prayers. Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt. Hamburg: Assoziation A (MetroZones, 10).

(19) Vgl. Roggenbuck, Christian E. (2012): Quartiersentwicklung zwischen städtebaulichen Visionen und der »Raumbezogenen Identität« der Bewohner – Die Internationale Bauausstellung Hamburg und das Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg: Hamburg, Institut für Geographie, unveröffentlichte Diplomarbeit.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Amelingmeyer, Liesel (2012): Spreehafenfeste feiern. Die feierliche Inbesitznahme eines Ortes für alle. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 110-120.

Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg (Hrsg.) (2013): Unternehmen Wilhelmsburg. Stadtentwicklung im Zeichen von IBA und igs. Hamburg: Assoziation A.

Becker, Jochen (Hrsg.) (2011): Urban Prayers. Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt. Hamburg: Assoziation A (MetroZones, 10).

Echo, Kritik, Ermutigung (2012), In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 184-193.

Groß, Marianne/Humburg, Manuel/Rothschuh, Michael: Wilhelmsburger Chronik 2002–2012. 10 Jahre Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg.

Humburg, Manuel (2012a): 50 Jahre Bürgerengagement als Motor der Stadtteilentwicklung in Wilhelmsburg. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 14-23.

Humburg, Manuel (2012b): Zur Entmythologisierung von Weissbuch und Zukunftskonferenz Wilhelmsburg. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 54-63.

IBA Hamburg, (Hrsg.) (2010): Zukunftsperspektiven für die Elbinsel Wilhelmsburg, Projekte der IBA Hamburg und aktuelle Entwicklungen der Elbinsel auf dem Prüfstand der Zukunftskonferenz 2001/2002, Texte zum IBA FORUM 2010: Halbzeitbilanz am 26. Oktober 2010, www.iba-hamburg.de/fileadmin/contentdateien/Fachtagungen/FORUM/2010/101022_zukunftsperspektiven.pdf (Abruf 14.6.2013).

Klein, Melanie (2012): »Engagierte Wilhelmsburger«: Über 30 kreative Aktionen unter dem Motto »Es ist 5 vor 12!« In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 162-165.

Roggenbuck, Christian E. (2012): Quartiersentwicklung zwischen städtebaulichen Visionen und der »Raumbezogenen Identität« der Bewohner – Die Internationale Bauausstellung Hamburg und das Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg: Hamburg, Institut für Geographie, unveröffentlichte Diplomarbeit.

Rothschuh, Michael (2010): Community Organizing. In: Sektion Gemeinwesenarbeit in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (2010): Gemeinwesenarbeit. Deutschland – Schweiz – Österreich. Video. Wien u. a.: Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, Video-Auszug zu Community Organizing am Beispiel Wilhelmsburgs, http://rothschuh.de/CO.mp4 (Abruf 14.6.2013).

Rothschuh, Michael (2012): Wie Wilhelmsburger Bewohnerinnen und Bewohner einmal die Hafenquerschlange besiegten. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 166-183.

Rothschuh, Michael (2013): Community Organizing. Macht gewinnen statt beteiligt werden. In: Stövesand, Sabine/Stoik, Christoph/Troxler, Ueli (Hrsg.): Handbuch Gemeinwesenarbeit. (Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden; Deutschland, Schweiz, Österreich). Opladen: Budrich (Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, 4), S. 375-383.

Rucht, Dieter (2011): The Strength of Weak Identities. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 2011, H. 4, S. 73-84.

Schaefer, Kerstin (2012): Die Wilde 13. Durch Raum und Zeit in Hamburg-Wilhelmsburg. Hamburg.

Schmidt, Tobias (2012): Die Wilhelmsburger Zivilgesellschaft ist kritisch und kreativ engagiert. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 203-209.

Stall, Susan/Stoecker, Randy (1998): Community Organizing or Organizing Community? Gender and the Crafts of Empowerment. Herausgegeben von SAGE Publications, http://comm-org.wisc.edu/papers96/gender2.html (Abruf 14.6.2013).

Trappe, Axel (2012): Nachhaltige Stadtentwicklung. In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 24-35.

Zahn, Lisa (2012): Die Zukunftskonferenz als Impulsgeber – was ist aus den damaligen Ideen geworden? In: Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V., S. 44-53.

Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e. V. (Hrsg.) (2012): Eine starke Insel mitten in der Stadt: Bürger-Engagement in Wilhelmsburg und auf der Veddel als Motor der Stadtteilentwicklung. 1. Aufl. Hamburg.

Zukunftskonferenz Wilhelmsburg (Hrsg.) (2002): Weissbuch. Insel im Fluss – Brücken in die Zukunft Bericht der Arbeitsgruppen Mai 2001 bis Januar 2002. Hamburg.