Wie ein schwacher Stadtteil stark wird

Seite 1: Ausgangssituation in Hamburg-Wilhelmsburg

In Wilhelmsburg hat sich über einige Jahrzehnte eine Bewegung der Bürgerinnen und Bürger entwickelt, über die die Stadt und finanziell starke Institutionen nicht einfach hinweggehen können. Einen großen Anteil daran hat der Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass es in diesem Stadtteil eine breite, nach innen und außen wirksame und erfolgreiche Vernetzung ganz unterschiedlicher Wilhelmsburger Gruppen gibt. Damit hat sich in Hamburg-Wilhelmsburg aus eigener Tradition eine dauerhafte Community Organization entwickelt.

Die Macht der Selbstorganisation – Community Organizing in Hamburg-Wilhelmsburg

Wilhelmsburg ist eine große Insel zwischen den beiden Elbarmen Norder- und Süderelbe mit über 50.000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Aus dem landwirtschaftlich geprägten Gebiet ist im 19. Jahrhundert ein Arbeiter-, Industrie- und Hafenstadtteil geworden, der seit 1937 zu Hamburg gehört. Nach der großen Flut von 1962, die 200 Wilhelmsburger das Leben kostete, wollte der Hamburger Senat zunächst den Westen Wilhelmsburgs dem Hafen und der Industrie überlassen. Die Flut und die darauf folgende faktische Aufgabe des Stadtteils durch den Senat prägen bis heute das Bewusstsein vieler Menschen auf der Insel.

Gebäude verfielen, Menschen zogen fort, hinzu kamen vor allem Migrantinnen und Migranten, die auf niedrige Wohnkosten angewiesen waren. Zugleich stieg die Arbeitslosigkeit, weil die klassischen Industriebetriebe, Werften und der Hafen weniger Arbeiter brauchten. Ende des 20. Jahrhunderts galt für viele: »Wer kann, haut ab«. Zugleich bekamen rassistische Ansätze (»Das Boot ist voll«) Zulauf; in dem ehemals sozialdemokratisch geprägten Stadtteil wählte 2001 ein Drittel den Rechtspopulisten Schill.

Ein informell, aber kontinuierlich arbeitendes »Forum Wilhelmsburg« von ca. 20 ehrenamtlichen Mitgliedern bildete den Aktionskern derer, die sich für den Erhalt und die Entwicklung Wilhelmsburgs als lebens- und liebenswerten Stadtteil einsetzten. Das Forum stand zugleich für das gute Zusammenleben aller Bewohner/innen: »Wir sind nicht Deutsche, wir sind nicht Ausländer – wir sind Wilhelmsburger« hieß es bei einer Demonstration (1). Die Bürgerbewegung verhinderte z. B. mit großen Demonstrationen, einer Brückenbesetzung sowie Veranstaltungen, bei denen der Bürgermeister Rede und Antwort stehen musste, die Ansiedlung einer Müllverbrennungsanlage (2) und setzte 2001 eine einjährige, vom Hamburger Parlament beschlossene, Zukunftskonferenz durch, die ein umfassendes Konzept für die Entwicklung der Elbinsel erarbeitete. Eine Koordinierungsrunde, in der Mitglieder des Forums Wilhelmsburg eine zentrale Rolle spielten, formulierte dieses Konzept in einem »Weissbuch« (3). Das Weissbuch wurde Grundlage des nachfolgenden Vereins »Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg« und die in Wilhelmsburg durchgeführte Internationale Bauausstellung IBA Hamburg (2006–2013) zog das Weissbuch – nicht immer zu Recht (4) – als Legitimationsgrundlage für die eigenen Projekte heran.

Portrait der Bürgerorganisation

Vor allem aus Mitgliedern der Koordinierungsrunde gründete sich 2002 der eingetragene Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg, der mit Namen, Satzung und Struktur an die Tradition des Forums und an die Zukunftskonferenz anknüpfte.

Der Verein hat ca. 80 Personen als Mitglieder; Organisationen können fördernde Mitglieder sein, dies wurde aber bisher kaum praktiziert. Als Organe gibt es den jährlich neu gewählten Vorstand, die monatlich tagende 15-köpfige Koordinierungsrunde als erweiterten Vorstand und Vernetzungsorgan von Arbeitsgruppen sowie mindestens jährlich eine Mitgliederversammlung.

Die Hamburger glauben fest daran:

Wilhelmsburg ist eine Strafkolonie.
So viel Wasser und man kommt nicht ran,
auf dieser Insel wollen wir keine neue Autobahn!
Warum ist der Zollzaun noch nicht demontiert?

(Beschwerdechor Wilhelmsburg 2006)