Schwer erreichbare Zielgruppen einbinden

Seite 3: Aktionen & Herausforderungen

Aktionen

Bundespolitiker werden mit lokalen Erfahrungen konfrontiert

Es wurden bundesweit übertragbare Praxisbeispiele recherchiert, um daraus Vorschläge für Verbesserungen vor Ort abzuleiten. In Anlehnung an das »Hamburger Modell« verfolgt das Forum Kinderarmut das Ziel, dass alle BuT-berechtigten Kinder im Landkreis Northeim elternunabhängig ein kostenfreies Mittagessen erhalten können, und zwar ohne hohen bürokratischen Verwaltungsaufwand. Mithilfe der Methode Community Organizing werden Kontakte zu möglichen Verbündeten aufgebaut und Strategien erarbeitet, um diesem Ziel näher zu kommen. In Kooperation mit 10 Schulen und Kitas aus dem Raum Uslar wird ein Modellprojekt geplant, in dem diese Ziele vor Ort umgesetzt werden sollen.

Aktion im Bundestag

Im Oktober 2012 ist es dem Forum Kinderarmut mit der Unterstützung des Forums Community Organizing (FOCO e. V.) und weiteren Verbündeten gelungen, fünf Mitglieder des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales im Paul-Löbe-Haus des Bundestages in Berlin mit den Problemen des Bildungs- und Teilhabepakets zu konfrontieren. Nach dem Prinzip: »Wer kann uns geben, was wir wollen?« wurden Politiker zu dem Gespräch eingeladen, die in ihrer Funktion als Berichterstatter die Möglichkeit haben, Änderungen zum BuT in ihrer Fraktion anzuschieben. Die Mitglieder des Forums Kinderarmut verdeutlichten mit Rechercheergebnissen und ganz persönlichen Erfahrungsberichten, dass das BuT dringend reformiert werden muss. Die Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen waren sich am Ende des Gespräches einig, dass gehandelt werden muss. Sie machten Zusagen, was sie in ihrer Funktion tun werden, damit den Problemen Abhilfe geschaffen wird. Diese Zusagen wurden schriftlich festgehalten, das Forum bat um verbindliche Rückmeldung, um die Nachhaltigkeit und die Ernsthaftigkeit des Themas deutlich zu machen. Ein halbes Jahr später zeigte sich, dass die Antworten der Fraktionen höchst unterschiedlich erfolgten, so dass das Forum Kinderarmut alle Politiker erneut aufforderte, zu den Zusagen in Berlin Stellung zu beziehen und den Stand der Umsetzung mitzuteilen.

Aktive aus Uslar mit den Unterstützer/innen im Bundestag

Das Forum Kinderarmut hatte den Termin im Bundestag als Höhepunkt einer Tagung des Vereins Forum Community Organizing (FOCO e. V.) organisiert, bei der acht Projekte aus Deutschland die Gelegenheit bekamen, sich über ihre Erfahrungen mit der Methode auszutauschen. Dank der zahlreichen Unterstützung der Tagungsteilnehmenden und der Mitglieder von FOCO e. V. bei dem Gespräch mit den Bundestagsabgeordneten konnte das Engagement und das Anliegen des Forums Kinderarmut wesentlich gestärkt werden.

Herausforderungen im ländlichen Raum

Armut auf dem Land ist im Vergleich zur städtischen Armut eher unsichtbar. Armutsbekämpfung im ländlichen Raum ist daher auch mit besonderen Anforderungen verbunden. (12) Was bedeutet das für das Engagement von Betroffenen und die Initiierung von Bürgerbeteiligung auf breiter gesellschaftlicher Basis gegen Ausgrenzung und Armut auf dem Land? An dieser Stelle sollen zentrale Erkenntnisse beschrieben werden, die das Forum Kinderarmut durch die zwei Befragungsprozesse gewonnen hat.

Bei der Initiierung von Bürgerbeteiligung im ländlichen Raum erweisen sich zunächst die Siedlungsstruktur und das Problem der mangelnden Mobilität als Herausforderung. Obwohl die Stadt Uslar mit ihren 19 Ortsteilen ein strukturschwaches Gebiet ist, handelt es sich nicht um einen homogenen, überschaubaren sozialen Raum oder um ein begrenztes benachteiligtes Quartier, in welchem die Bewohner ähnliche Lebensbedingungen und Problemsichten teilen, wie es im städtischen Raum der Fall ist.

Zudem ergeben sich spezielle Anforderungen bei der Beteiligung von sozial benachteiligten Menschen. Die meisten neuen Formen der politischen Partizipation setzen ein hohes Maß an Eigeninitiative voraus. Schwierige Lebensumstände und ein niedriger sozialer Status führen dazu, dass sich Menschen mit Armutserfahrung ein Engagement in Eigeninitiative häufig nicht zutrauen. (13)
Hinzu kommt, dass Armut auf dem Land, auch aufgrund hoher sozialer Kontrolle, sehr stark mit Scham und Angst vor Diskriminierung verbunden ist. Betroffene versuchen daher, ihre Nöte im Verborgenen zu halten. (14) Dies macht es noch unwahrscheinlicher, dass sich betroffene Eltern selbst gegen ungerechte Lebenschancen organisieren.

Die Methode Community Organizing hilft dabei, dass sich Menschen ernst genommen, eingeladen und selbstwirksam fühlen. Dabei müssen jedoch auch Wege gefunden werden, Beteiligung diskret möglich zu machen, auch ohne dass Menschen in die Öffentlichkeit treten müssen. Insbesondere zu Beginn des Projektes waren das Zuhören, der Aufbau von Vertrauen und tragfähigen Beziehungen unabdingbar, um in gemeinsamer Zuversicht ergebnisoffene Organizing-Prozesse fortführen und Lösungen für strukturelle Probleme finden zu können.