Organizing ohne Organizer

Seite 1: Beschreibung der Situation

Am Anfang stand das Ziel, mit Hilfe eines CO-Zuhörprozesses Mitglieder von Kirchgemeinden zu aktivieren und zu wahrnehmbaren Akteuren im Stadtteil zu machen. In Leipzig hat sich in den letzten Jahren daraus das unabhängige, offene Bürgernetzwerk »Starke Nachbarschaften« entwickelt, das ohne »Organizer« arbeitet und in dem sich nicht nur kirchennahe Menschen engagieren. Die Beteiligten haben eine besonders wichtige Erfahrung gemacht: Witzige Aktionen schaffen Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit und sind eine wichtige Basis für Kommunikation.

»Starke Nachbarschaften durch aktive Beteiligung« – Lernen von Community Organizing in Leipzig

Im Jahr 2008 begannen Pfarrer/innen einiger Leipziger Kirchgemeinden, angeregt von einem Vortrag von Paul Cromwell (Referent für Community Organizing bei der Bundesakademie für Kirche und Diakonie), sich intensiver mit dem Ansatz des Community Organizing auseinanderzusetzen. Sie verfolgten dabei das Ziel, Kirchgemeinden zu wahrnehmbaren Akteuren in den nördlichen Stadtteilen Leipzigs werden zu lassen. Gemeinsam mit den Sozialarbeiter/innen der KirchenBezirksSozialarbeit (KBS) der Diakonie Leipzig Innere Mission Leipzig e. V. wurde eine Konzeption entwickelt, um mit einem Projekt auf Grundlage von CO Gemeindeaufbau anzustoßen.

Das Projekt wurde in einer Schwesternkirchgemeinde initiiert, wobei die Pfarrer, die Mitarbeiter/innen der KBS und interessierte Gemeindeglieder die Initiativgruppe bildeten. Im Zuge des ersten Zuhörprozesses erweiterte sich die Anfangsgruppe um engagierte Mitwirkende, das eigene Rollenverständnis wandelte sich dabei von Gemeindegliedern hin zu engagierten Bürger/innen, die sich für ihren Stadtteil und auch ihre eigenen Interessen solidarisch einsetzen. Diese Gruppe war und ist somit von dem Interesse geprägt, das Leben im Stadtteil zu verbessern und den bestehenden Problemen zu begegnen.

Ein Infostand von »Starke Nachbarschaften« im Stadtteil

Die ersten Herausforderungen lagen in der Gestaltung des demokratischen Prozesses selbst und in den unterschiedlichen Vorstellungen, was CO im Kern ist und welche Möglichkeiten es eigentlich eröffnet. Der Austausch über den Charakter des CO und die eigenen Interessenlagen ist ein fortdauernder Prozess, welcher die Basis der Arbeit bildet. Weitere Herausforderungen lagen in der Strukturentwicklung und Projektorganisation eines offenen Bürger/innen Netzwerks. Um die Unabhängigkeit des Netzwerkes zu bewahren und gleichzeitig die Möglichkeit zu haben, Fördermittelakquise zu betreiben, begab sich das Projekt im Jahr 2009 unter dem Namen »Starke Nachbarschaften durch aktive Beteiligung« in Trägerschaft einer Schwesternkirchgemeinde.

Die Organisation

Das Bürger/innenprojekt achtet stark auf seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Entscheidungen werden in der Gruppe basisdemokratisch getroffen. Da das Projekt Gemeindeaufbau und Soziales Engagement der Kirchgemeinde vereint, wird es von den Mitarbeiter/innen der KBS beratend unterstützt. Die Bürger/innen engagieren sich ehrenamtlich.

Das Bürger/innenprojekt versteht sich als ein offenes Netzwerk, wobei sich Bürger/innen frei nach ihren Interessenlagen engagieren können. Es gibt keine Mitgliedschaft oder Mitgliedsbeiträge der Bürger/innen, was den Zugang zum Projekt niedrigschwellig gestaltet. Mitglieder sind zwei Kirchgemeinden, die sich im selben Stadtteil befinden. Die Kirchgemeinden unterstützen die Bürger/innen durch Ihre Mitgliedsbeiträge in ihrer Arbeit, die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern und als Gemeinde in den Stadtteil hinein zu wirken. Je nach Zielsetzung kooperiert das Netzwerk mit anderen Akteuren des Stadtteils wie Vereinen, Kirchgemeinden oder Stadtteilzentren. Mit einem Stadtteilzentrum gibt es beispielsweise aktionsbedingt eine fixierte Kooperationsvereinbarung. Die beteiligten Akteure pflegen unabhängig von einer Kooperation permanent den kommunikativen Austausch über die Lage im Stadtteil und die aktuellen Entwicklungen.