Lebendiges Community Organizing

In der Bürgerplattform ImPuls-Mitte engagieren sich verschiedene Organisationen, Kirchengemeinden und islamische Gemeinden nach dem Modell des »Broad based Organizing« (Organisation von Organisationen). Über das organisierte Vorgehen in der Bürgerplattform haben die Bewohner/innen an konkreten Beispielen »Demokratie gelernt«. Im Folgenden wird deutlich, an welchen gemeinsamen Themen die Zusammenarbeit in der Bürgerplattform wachsen konnte.

Community Organizing in Hamburg: ImPuls-Mitte, seit 6 Jahren gelebte Bürgerbeteiligung

Nach einer fast zweijährigen Aufbauarbeit und vielen Gesprächen und Begegnungen mit Menschen und Organisationen in den beiden Hamburger Stadtteilen Hamm und Horn wurde die Bürgerplattform ImPuls-Mitte 2007 gegründet. ImPuls-Mitte gehören aktuell zehn Gruppen und Organisationen aus den beiden Stadtteilen Hamm und Horn an. Beteiligt sind unter anderem verschiedene Kirchengemeinden, eine Einrichtung der Behindertenhilfe, die Ortsgruppe des Verkehrsclubs Deutschland, eine Familienbildungsstätte sowie ein wachsender Kreis aktiver Einwohnerinnen und Einwohner. Von Anfang an sind auch die Centrum-Moschee und die zugehörige muslimische Frauengruppe Billstedt-Horn Mitglieder der Bürgerplattform. (1)

Die beiden Stadtteile Hamm und Horn liegen im Hamburger Osten und gehören zu dem sehr heterogenen Bezirk Mitte, in dem rund 277.000 Menschen leben. In Hamburg-Hamm wie in Hamburg-Horn leben jeweils rund 38.000 Menschen. Der Stadtteil Hamm war bis zum Jahr 2011 noch in drei Stadtteile gegliedert (Hamm-Nord, -Mitte und -Süd). Der eher gutbürgerliche Stadtteil war einst ein beliebter Villenvorort für wohlhabende Kaufleute. Ab dem Jahr 1950, nach einer nahezu vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, wurde Hamm vor allem von Wohnungsbaugenossenschaften wieder aufgebaut. Das Resultat sind viele kleine Wohnungen und wenig Wohnraum für Familien. Die Horner Bebauung ist gekennzeichnet durch zumeist massive vierstöckige Backsteinblöcke. Der Stadtteil Horn ist stärker als Hamm durch Menschen mit Migrationshintergrund, Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose geprägt. Gleichzeitig ist Horn auch ein »Durchgangsstadtteil« zwischen Billstedt im Osten und Borgfelde zum Stadtzentrum hin.

Themen und Erfolge, die uns in den Jahren bewegt haben

Eine Rampe und eine Treppe

In den vergangenen Jahren wurden die Bürger/innen aus beiden Stadtteilen auf verschiedenen Versammlungen immer wieder nach ihren Anliegen befragt. Davon ausgehend wurden dann jeweils ein oder zwei Themen von den Mitgliedsgruppen der Bürgerplattform zur Bearbeitung ausgewählt. Eines der ersten Anliegen war »die Treppe«, die von einer U-Bahn-Station nach oben in den Stadtteil Hamm zu zwei Kirchen, zwei Kindergärten und Kitas, dem Marktplatz und einer Familienbildungsstätte führt. Für viele Menschen mit Kinderwagen, Gehhilfen oder Rollstuhl stellte diese Treppe ein oftmals unüberwindliches Hindernis beim Weg vom Stadtteil zur U-Bahn dar und machte immer einen großen Umweg erforderlich. Ziel der Bürgerplattform war es, hier einen barrierefreien Weg zu erreichen. Nach wiederholten Verhandlungen mit den entsprechenden Entscheidungsträgern auf Bezirksebene, Besuchen von Bezirksversammlungen und Einzelgesprächen konnte Ende 2009 der Bau einer Rampe neben der Treppe als eine »echte Erleichterung« mit den Bürgern gefeiert werden. Ein Mitglied der Plattform formulierte seine Erfahrungen so: »An diesem Beispiel habe ich Demokratie gelernt.«

Grünflächen

Quartalstreffen von ImPuls-Mitte im Dezember 2011
© Ewald Hauck

Über einige Jahre wurde das Thema »Grünflächen«, insbesondere die Situation eines Parks im Stadtteil Hamm bearbeitet. Der Hammer Park ist ein beliebtes und belebtes Ausflugs- und Erholungsgebiet für die Menschen im Stadtteil. Beanstandet wurde der Zustand des Teichs im Park, der total verschlammt war. Zudem fehlte eine öffentliche Toilette im Bereich eines großen Spielplatzes. »Wir wissen immer nicht, wohin wir unsere Kinder schicken können und müssen deshalb schnell zurück nach Hause.«, so eine Mutter, die regelmäßig den Spielplatz nutzt. Am Ende zahlreicher Verhandlungen und der Diskussion um bezahlbare Lösungen wurde der Teich entschlammt und die Ränder befestigt. Die Toilette konnte zunächst aufgrund mangelnder finanzieller Mittel nicht erreicht werden. Mit einer Café-Besitzerin konnte vereinbart werden, dort die Toilette zu nutzen. Nach weiteren drei Jahren hat der Bezirk aber jetzt ein öffentliches WC aufgestellt.

Mehr Sicherheit im Wohngebiet

Im Stadtteil Horn beobachteten Anwohner einen wachsenden Drogenhandel im Wohngebiet, bevorzugt auf Spielplätzen und auf dem Gelände einer Kirche. Eltern mit Kindern, Vertreter/innen einer Behinderteneinrichtung sowie Vertreter/innen einer Kirchengemeinde fühlten sich massiv gestört und verunsichert. »Wir können unsere Kinder nicht mehr alleine auf den Spielplatz gehen lassen.«, so die Sorge einer Mutter und von Mitgliedern der muslimischen Frauengruppe. Gezielte Befragungen der Bewohner/innen führten zu einem klareren Bild der problematischen Ecken in Horn. Eine Begehung mit der Polizei und Vertretern der SAGA/GWG (die größte städtische Wohnungsbaugenossenschaft Hamburgs) bestätigten die Erkenntnisse. Durch Verhandlungen mit beiden Entscheidungsträgern konnten konkrete Verbesserungen erreicht werden. Bei einer öffentlichen Aktion vor knapp 200 Menschen im November 2010 sicherten Polizei und SAGA/GWG den Mitgliedsgruppen zu, die Polizeipräsenz im Gebiet zu erhöhen und die Sicherheit der Bewohner zu verbessern.

Inzwischen hat sich die Situation deutlich entspannt und die Sicherheitslage ist unter Kontrolle. Verhandlungen mit der SAGA/GWG ermöglichten ferner die Einrichtung eines Nachbarschaftstreffs neben einem Internet-Café. Für den Nachbarschaftstreff und die dortigen Angebote für die Anwohner sind vor allem Mitglieder der muslimischen Frauengruppe aktiv und versuchen, das Gebiet durch ihre Präsenz und Angebote zu beleben und ihre Kinder vor Kontakten mit dem Drogenmilieu zu schützen.

Daneben konnten auf einer Mieterversammlung Verbesserungen im Bereich der Wohnsituation (z. B. Müllentsorgung) mit Entscheidungsträgern der städtischen Wohnungsbaugenossenschaft getroffen werden. Original-Ton einer Vertreterin der muslimischen Frauengruppe: »Das hätte ich nie gedacht, dass ich das schaffe, dem Chef zu sagen, wie die Situation ist. Das macht mich stolz und ich werde weiter machen.«

Ein Bildungsprojekt für Kinder im Stadtteil Horn

In einem räumlich relativ kleinen Quartier im Stadtgebiet Horn meldeten sich innerhalb der Bürgerplattform verstärkt Mütter zu Wort und machten auf die schwierige Situation von Familien in diesem Gebiet aufmerksam. Ein Thema, das sie dabei besonders bewegte, war die Frage der Bildung für ihre Kinder. Viele dieser Mütter sind türkischstämmig, leben aber schon seit ihrer Kindheit in Deutschland. Ihnen ist einerseits bewusst, wie wichtig eine qualifizierte Bildung für ihre Kinder sein wird, andererseits aber auch, dass sie selbst ihre Kinder nur begrenzt unterstützen können. Da das Leben in diesem Quartier zudem durch z. B. eine schwierige Wohnungssituation auf engem Raum oder durch offenen Drogenhandel zwischen den Wohnhäusern erschwert ist, war diesen Eltern ein Angebot in einem geschützten Rahmen wichtig.

ImPuls-Mitte gewann Partner, um ein Hausaufgabenhilfe-Projekt einzurichten. Nach etlichen Gesprächen und Recherchen im Stadtteil und mit der in der Siedlung liegenden Grundschule veränderte sich der Fokus des Projekts. Denn was zunächst als ein »Angebot zur Hausaufgabenhilfe« begann, entwickelte sich zu einem Bildungs- und Beteiligungsprojekt für Eltern und Kinder. Der Grundgedanke dabei war, dass die Unterstützung der Grundschulkinder nur dann nachhaltig Erfolg zeigen kann, wenn die Eltern »mit im Boot sind«. Darum wurde das Angebot so entwickelt, dass die Eltern stärker in die Begleitung der Kinder und in die Verantwortung für das Projekt mit einbezogen wurden. Zweimal in der Woche fand dieses Angebot der Bürgerplattform für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren statt. In den Räumlichkeiten einer katholischen Kirchengemeinde, die selbst aktives Mitglied der Bürgerplattform ist, konnten die Kinder ihre Hausaufgaben mit ehrenamtlicher Unterstützung u. a. von Gemeindemitgliedern, erledigen und gemeinsam spielen. Bei den regelmäßigen Müttertreffen konnten weitere Themen besprochen und erarbeitet werden. So wurden die Mütter aktiv in die Arbeit der Plattform eingebunden und konnten ihre Anliegen immer wieder in die große ImPuls-Runde einbringen. So erzählte z. B. eine der beteiligten Mütter auf einer Versammlung der Bürgerplattform vor ca. 90 Menschen ihre persönliche Erfahrung mit der Schul- und Bildungssituation ihrer Kinder – und erlebte dabei, dass ihre Geschichte es wert ist, erzählt zu werden und dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine ist. »Früher haben wir an Türen angeklopft und es wurde uns nicht aufgemacht. Durch ImPuls-Mitte sind uns die Türen geöffnet worden«, beschreibt eine muslimische Frau ihre Erfahrungen.

Kooperationen entwickeln

Durch die gemeinsame Arbeit in der Plattform lernen sich Einrichtungen und Menschen im Stadtteil kennen, die vorher nur nebeneinander her gearbeitet haben. Daraus entstehen häufig weitere Projekte, die die Beziehungen unter- und miteinander stärken. Aus einer Raumanfrage der muslimischen Frauengruppe bei einer Tageseinrichtung für Menschen mit Behinderung hat sich beispielsweise eine regelmäßige Zusammenarbeit entwickelt mit gemeinsamen Veranstaltungen und Treffen. Die muslimischen Frauen backen z. B. zusammen mit den Beschäftigten oder nehmen an Gemeindefesten einer evangelischen Kirchengemeinde teil. Durch die Vernetzung untereinander hat sich auch das »Café Ursprung« entwickelt. Hier stellt die ev.-method. Kirche ihre Räumlichkeiten der Mitgliedsgruppe »alsterdorf assistenz ost« für den Betrieb eines Cafés zur Verfügung. Das Café wird von Menschen mit Behinderung organisiert und ist zu einem beliebten Treffpunkt im Stadtteil sowie auch für die Mitglieder der Plattform geworden.

Mit neuen Themen in die Zukunft

Aktionsteam Verkehr

Abschlussbericht auf dem Quartalstreffen von ImPuls-Mitte im März 2012 (v. l. n. r.): Fatma Kestel (Muslimische Frauengruppe), Schwester Maria-Elisabeth (Kath. Gemeinde Herz-Jesu), Ilse Westermann (alsterdorf assistenz ost), Zekiye Cankaya (Muslimische Fr

Anfang des Jahres 2012 wurden neue Themen und Anliegen in den beiden Stadtteilen erkundet. Hierzu wurden verschiedene Bürgertreffen – offen für alle Interessierten – sowohl innerhalb der einzelnen Mitgliedsgruppen als auch gruppen- bzw. institutionsübergreifend durchgeführt. Daraus entwickelte sich dann im Sommer ein neues Aktionsteam zum Thema Verkehr. Anlass dafür waren Rückmeldungen von Bürger/innen, dass im Bereich einer belebten Kreuzung in Horn die Grünphase vor allem für Fußgänger mit Behinderungen und für ältere Menschen zu kurz sei. Eine ältere Anwohnerin beispielsweise hatte »Angst, diese Straße zu überqueren, weil sie es nicht bei Grün schafft und die Autos dann schon kommen«. Daraufhin erfolgten vom Aktionsteam detaillierte Recherchen, konkrete Verkehrsbeobachtungen und Befragungen von Passanten sowie eine genaue Machtanalyse, um die zuständigen Entscheidungsträger zu ermitteln. Es folgten Gespräche und Verhandlungen, unter anderem mit dem zuständigen Polizeikommissariat. Dabei konnte auf die bereits existierenden guten Kontakte zur Polizei und die Erfahrungen aus der bewährten Zusammenarbeit im Zusammenhang mit dem Thema Sicherheit aufgebaut werden. Inzwischen ist die Ampelschaltung zugunsten einer längeren Grünphase für die Fußgänger und mit einer zusätzlichen Signalanlage für Menschen mit Sehbehinderung neu geschaltet worden.

Bedarfsgerechtes Wohnen im Stadtteil

Wohnen ist ein großes Thema in Hamburg, so auch für unsere Gruppen und die Einwohner/innen in Hamm und Horn. Weil beide Stadtteile sehr zentrumsnah liegen, steigen die Mieten in den letzten Jahren kontinuierlich. Es besteht ein hoher Bedarf an bezahlbaren Wohnungen, die ein Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern oder auch von Menschen mit Handicaps ermöglichen.

Da »Wohnen« ein sehr komplexes Thema ist, werden derzeit Recherchen zu aktuellen Planungen neuer Wohnungsbauprojekte in Hamm, Horn und Billstedt durchgeführt. Hintergrund ist das gesamtstädtische Vorhaben, jährlich 6.000 neue Wohnungen in Hamburg zu bauen.

Derzeit wird eine erste Analyse erstellt über die politischen Instrumente und die Verteilung der Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen Bezirk und Senat bei der Planung und Durchführung der Projekte sowie die Rolle weiterer Akteure (z. B. SAGA/GWG). Diese Informations- und Recherchephase soll zur Erarbeitung realistischer Vorschläge führen, die dann mit den Entscheidungsträgern verhandelt werden können. Gleichzeitig werden Erfahrungsberichte von wohnungssuchenden Mitgliedern gesammelt, um die Lösungsvorschläge insbesondere bei der Planung behindertengerechter Wohnungen weiter zu konkretisieren.

Aktionsteam Carl-Petersen-Straße

Im Stadtteil Hamm gibt es eine Einkaufsstraße mit kleinen Läden zur Nahversorgung. Mehrere der dort ansässigen Geschäfte mussten in den letzten Jahren schließen und standen danach zeitweise länger leer. Das Aktionsteam möchte den sich abzeichnenden Niedergang stoppen und sich dafür einsetzen, diese Straße lebens- und liebenswerter zu gestalten. Dazu gehört es, Ideen umzusetzen wie die überfällige Instandsetzung der Wege, eine bürgerfreundliche Gestaltung der Radwege, Entschleunigung des Durchgangsverkehrs, Parkraumregelungen und Schaffung von Zonen, die zum Verweilen einladen. Dazu werden Bürger befragt, Kooperation mit den Geschäftsleuten und Grundeigentümern gesucht sowie Verhandlungen mit dem Bezirksamt Hamburg-Mitte angestrebt.

Ausblick

Die Erfolge in unserer Arbeit sind der Bürgerplattform Ansporn für den weiteren erfolgsorientierten und engagierten Einsatz im öffentlichen Raum. Die Erweiterung der Plattform durch neue Mitgliedsgruppen, um noch näher am Leben der Bürger/innen der beiden Stadtteile, in ihrer Vielfalt zu sein, ist uns ein wichtiges Anliegen für die nächste Zeit. Gleichzeitig geht die Arbeit an den aktuellen Themen mit großem Engagement weiter. (2)

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

ImPuls-Mitte
c/o alsterdorfer assistenz ost
Treffpunkt Münzburg
Münzweg 8
20097 Hamburg
Tel. (0 15 77) 8 78 15 91
E-Mail: willkommen(at)impuls-mitte.de

Anmerkungen

(1) Simone Klein hat bis Mai 2013 für die Bürgerplattform ImPuls-Mitte gearbeitet. Ihr Artikel ist von den aktuellen Mitarbeiter/innen der Bürgerplattform (November 2013) ergänzt worden.

(2) Im März 2013 haben ImPuls-Mitte und DICO ihre Kooperation beendet. Seit Herbst 2013 ist ImPuls-Mitte Mitglied beim FOCO e. V. – Das DICO arbeitet an dem Aufbau einer zweiten Bürgerplattform in Hamburg. Ansprechpartnerin ist Susanne Sander (susanne.sander(at)dico-berlin.org).