Kampagnen erfolgreich organisieren

Seite 1: Beschreibung der Situation

Die erfolgreichste gewerkschaftliche Jugendkampagne der letzten Zeit orientierte sich an den Prinzipien des Organizing. Eine Mitgliederorganisation verändert sich in eine Beteiligungsorganisation.

Die Kampagne »Operation Übernahme« der IG Metall Jugend

»A good tactic is one your people enjoy.«
Saul D. Alinsky

Organizing bedeutet, gemeinsam ein Ziel zu verfolgen

Im Frühjahr 2012 war die unbefristete Übernahme der Auszubildenden eines der Top-Themen in den deutschen Medien. Die IG Metall hatte sie zu einer von drei Hauptforderungen der Tarifrunde für die beschäftigungsstarke Metall- und Elektroindustrie gewählt. Bundesweit beteiligten sich über 900.000 Beschäftigte an den Warnstreiks und zeigten so ihre Entschlossenheit, für die junge Generation einzutreten. Das war die Basis für den durchschlagenden Erfolg: die unbefristete Übernahme für Ausgelernte ab 2013 wurde tarifvertraglich festgeschrieben. Die »Operation Übernahme« hatte nach etwa dreieinhalb Jahren Kampagnenarbeit ihr Ziel erreicht.

Die Herausforderung einer neuen Zeit

Als die IG Metall Jugend im Januar 2009 die Kampagne in Erfurt startete, lag der Erfolg noch in weiter Ferne. Wir wollten die zunehmende Prekarisierung der jungen Generation mit einer bundesweiten Kampagne zu einem öffentlichen Thema machen und gewerkschaftliche Aktion für ein konkretes tarif- und betriebspolitisches Ziel mit gesellschaftlicher Wirkungsmacht verbinden. Aber es ging auch um etwas anderes. Wir hatten die ersten Schritte eines internen Prozesses hinter uns gebracht: die Transformation der IG Metall Jugend zu einer Beteiligungsorganisation modernen Typs. Einer Organisation, die die Interessen der Menschen in einer Arbeitswelt durchsetzen kann, auch gegen starke Widerstände der Arbeitgeberseite.

Uns war schon damals bewusst, dass kollektive Organisierung im Zeitalter international entgrenzter Märkte eine andere Herangehensweise erfordert als noch im industriellen Fordismus der Nachkriegsjahre. Kampagnen zur Durchsetzung eines qualitativen Ziels folgen – vor dem Hintergrund weltweiter Echtzeit-Kommunikation – neuen Regeln. Regeln, die es zu erforschen und erlernen galt, um erfolgreich bleiben zu können.

Die Mitglieder sind das größte Potenzial einer Gewerkschaft

Wegen der tiefgreifenden und vor allem gleichzeitig zu führenden Prozesse war es wenig erstaunlich, dass im Vorfeld der 20. Jugendkonferenz der IG Metall in Sprockhövel 2007 auf Bundesebene heftige Diskussionen geführt wurden: Wie lassen sich gewerkschaftliche Ziele mit dem Anspruch verbinden, gesellschaftspolitisch relevant zu sein auch jenseits des eigenen Klientels? Sind »Kampagnenfähigkeit« und »Professionalisierung« nicht Begriffe und Werkzeuge des Gegners und damit Verrat an der eigenen politischen Sache? Schließlich stimmte eine überzeugte Mehrheit der Delegierten dafür, den mittlerweile geschichtsträchtigen Antrag A23 anzunehmen und eine bundesweite, professionell geführte Jugendkampagne zu starten.

Die Ziele dieser Kampagne scheinen auf den ersten Blick nur wenig mit der späteren Durchsetzung der unbefristeten Übernahme zu tun zu haben, waren aber die Voraussetzung für den Erfolg:

  • Es galt, die Basis in den Betrieben zu stärken. Dazu mussten wir sowohl unsere Aktiven mobilisieren, als auch unsere Mitgliederzahlen signifikant steigern. Beides konnte nur gelingen, wenn die IG Metall die Themen der Beschäftigten in den Betrieben glaubwürdig aufgreift, in erfolgreiche gewerkschaftliche Politik übersetzt und die Beschäftigten in den gesamten Prozess einbindet.
  • Es musste eine öffentliche Diskussion über die schlechten ökonomischen Perspektiven der jungen Generation angestoßen und vorhandene Diskurse verstärkt werden.
  • Die internen Strukturen mussten auf eine Kampagnenarbeit ausgerichtet werden, um durch Lernprozesse nachhaltige Effekte zu erzielen. Kommunikation ist die zentrale Aufgabe der Kampagnenarbeit – sowohl nach außen, als auch nach innen.