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Seite 2: Organisation

Organisation

Hauptsächlich drei DGB-Gewerkschaften sind mit Organizing auf dem Weg, die eigenen Strukturen zu verändern und sich stärker auf die Mitglieder, den Betrieb und letztlich auf Konflikte hin zu orientieren: ver.di, IG Metall und IG BAU. Die IG BAU konnte u. a. mit beteiligungsorientierten Projekten auf Baustellen sowie in der Gebäudereinigung sehr erfolgreich Aktive finden und Aktivenkreise gründen. Diese Aktiven bestritten unter Einsatz moderner multimedialer Mittel erfolgreich Tarifkämpfe und konnten viele Betriebsräte gründen. (1)

In der IG Metall wird Organizing seit dem Jahr 2008 mit hauptamtlichen Organizern bei Erschließungskampagnen eingesetzt. Das sind Kampagnen in Bereichen, in denen bislang keine oder keine relevante gewerkschaftliche Organisierung existiert wie z. B. im Bereich Windenergie (2). Gewerkschaftssekretär/innen haben mit Organizingmethoden bei der Gründung von Betriebsräten sehr gute Ergebnisse erzielt. (3)

Der Bereich Mitgliederentwicklung/Organizing in ver.di hat Organizingkampagnen im Jahr 2006 im Sicherheits- und Wachgewerbe in Hamburg, in den Jahren 2007 und 2008 in der Otto-Lagerwirtschaft (Hermes Warehousing Solutions) in Hamburg und in Haldensleben bei Magdeburg, in den Jahren 2008 bis 2010 in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) sowie in den Jahren 2009 und 2010 an den Berliner Flughäfen durchgeführt. Mit diesen Kampagnen sollte erprobt werden, wie Kolleg/innen in schwach organisierten Bereichen für erfolgreiche Kämpfe aktiviert und die ver.di-Strukturen insgesamt größer, stärker und handlungsfähiger werden können.

Es wurden auch solidarische Netzwerke aufgebaut: In Göttingen wurde ein Bündnis von im Unistreik aktiven Studierenden und Kolleg/innen aus dem Klinikum aktiv. Während der Berliner Flughäfen-Kampagne konnten Arbeitskämpfe von Beschäftigten konkurrierender Unternehmen, sowie von tariflosen und nicht-tarifgebundenen Beschäftigten eines Unternehmens solidarisch geführt werden, um an einem Standort die gleichen Lohnuntergrenzen und Tarifstandards durchzusetzen und das systematische Gegeneinander-Ausspielen zu verhindern.

Schon vor diesen größeren Kampagnen gab es in ver.di und deren Quellgewerkschaften wie der HBV (Handel Banken Versicherungen) eine Tradition der Organisierung, die dem Organizing ähnlich war. Ein Beispiel dafür war die in den Jahren 1994/95 sehr erfolgreiche Schlecker-Kampagne. Seit dieser Kampagne waren die Schlecker-Frauen die mit am besten organisierten Kolleg/innen in der Einzelhandelsbranche.

Im ver.di-Landesbezirk Nordrhein-Westfalen gibt es Erfahrungen mit einer Organizing-Ausbildung für Hauptamtliche und Ehrenamtliche und bei der gewerkschaftlichen Bildung wird darüber nachgedacht, wie gemeinsames Lernen und gemeinsame Strategiebildung von Haupt- und Ehrenamtlichen anhand praktischer betrieblicher Projekte aussehen könnte.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Erstes Ziel ist immer, gewerkschaftliche Strukturen in Betrieben auf- und auszubauen, in denen Gewerkschaften bislang kaum oder nur so schwach vertreten sind, in denen sie keine reale Handlungs- und Gestaltungsmacht haben. Diese Arbeit ist gesellschaftlich notwendig, sie ist direkt verbunden mit Vorstellungen von wirklicher Demokratie und sozialer Gerechtigkeit.

Denn was bedeutet es konkret, wenn Gewerkschaften beispielsweise in Krankenhäusern im Pflegebereich nicht oder nur schwach vertreten sind? Jede an ökonomischen Effizienzkriterien orientierte Betriebsführung verursacht personelle Unterbesetzung und Krankenschwestern und -pfleger sind nicht mehr in der Lage, Patient/innen angemessen zu versorgen. Jeder Anspruch auf eine humane, ganzheitliche und würdige Behandlung bleibt auf der Strecke. Das ist qualvoll für die Kolleg/innen und natürlich für die Patient/innen. Zu dieser Betriebsführung gehört ein häufig rigides Reglement seitens der Stations- und Pflegedienstleitungen. Kinderkrankenschwestern berichteten der Gewerkschaft von Vorgesetzten, die sie anschreien und massiv unter Druck setzen. Sie trauten sich oft nicht einmal, Pausen zu nehmen oder hatten dazu schlicht keine Zeit, da ihre Station permanent unterbesetzt war.

Im vielfach outgesourcten Reinigungsbereich herrschen unglaubliche Zustände. Diese Kolleg/innen haben meist nur befristete Verträge, werden als Arbeitnehmer/innen zweiter Klasse behandelt und müssen in der Regel Zweitjobs machen. Da auch hier der Arbeitsdruck verschärft wurde (bei gleichzeitiger Lohnsenkung), können die Hygienevorschriften häufig nicht mehr ausreichend beachtet werden und die Motivation der Beschäftigten sinkt zwangsläufig. Und auch hier gilt: Wenn Kolleg/innen sich zusammentun, wirken in diesen Klinik-Service-Gesellschaften stark repressive mobbing-ähnliche Kräfte: Da läuft der Geschäftsführer höchstpersönlich durch die Etagen und hält anti-gewerkschaftliche Motivationsansprachen, da werden Vorarbeiter/innen gezielt beeinflusst, um gegen gewerkschaftlich aktive oder auch nur interessierte Kolleg/in¬nen vorzugehen. Sie sollen drangsaliert oder begünstigt werden, damit sie sich nicht mehr gewerkschaftlich engagieren. (4)

Ähnlich ist es bei Kantinen: Durch den Spardruck wurde das Essen in den letzten Jahren qualitativ schlechter. Köche/innen berichten, dass sie eigentlich nicht mehr kochen, sondern nur noch Tüten aufreißen und einrühren. Parallel zur abnehmenden Essensqualität verschlechterten sich die Arbeitsbedingungen rapide.

Gewerkschaftliche Organisierung im Krankenhaus bedeutet, dass sich an einem neuralgischen gesellschaftlichen Punkt, der Krankenversorgung, Kolleg/innen treffen und ihre Arbeitsbedingungen, Interessen und Vorstellungen artikulieren und durchsetzen können. Naheliegende Bündnispartner/innen wären Patient/innen und Nachbarschaften im Einzugsgebiet des Krankenhauses. Aus dem verbreiteten Stellvertreter-Modus, in dem sich viele lediglich als Objekt der Politik und der Gewerkschaft sehen, führt nur ein auch individuell emanzipatorischer Prozess heraus. Er ist ein Grundelement demokratischer Entwicklung und die notwendige Grundlage, rassistischen und reaktionären Gesellschaftsinterpretationen und Handlungsoptionen entgegenzutreten.