Gemeinsam Wissen aneignen

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Methodik

Im gewerkschaftlichen Organizing wird das gesamte Handwerkszeug des klassischen Organizing angewendet. Zentral ist das »One-on-one«: In der Krankenhauskampagne sind wir über die Stationen gegangen und haben im sogenannten Schwesternzimmer mit den Pflegekräften über ihre Arbeitsbedingungen gesprochen. Wir haben in den Pausenräumen und in den Raucherecken mit den Reinigungskräften und Kantinenmitarbeiter/innen geredet. In der Hamburger Wach- und Sicherheitskampagne sind wir mit der S-Bahn-Wache Brötchen holen gegangen, haben in den Pausenkabuffs gesessen oder sind auch mal im Auto eines Wachschützers mitgefahren. Wir haben Aktiventreffen von Pflegekräften angestoßen und ein Hamburg weites Treffen von Kolleg/innen aus dem Sicherheitsbereich organisiert. Wir haben mit den Kolleg/innen ein detailliertes Mapping ihrer Betriebe angefertigt und diese Betriebslandkarten auf die Aktiventreffen mitgebracht, um immer den Überblick zu bewahren, wie repräsentativ die Treffen gerade sind und wo wir uns mehr um Kontakt kümmern müssen.

Die Kolleg/innen haben Probleme identifiziert – an der MHH mussten sie immer wieder hektisch durch das Haus laufen und nach leeren, sauber bezogenen Betten suchen. Patient/innen warteten derweil stundenlang auf dem Gang. Mit der Forderung nach 150 neuen Betten gingen die Kolleg/innen über alle Stationen und sammelten Unterschriften für einen offenen Brief an das zuständige MHH-Präsidiumsmitglied. Sie übergaben ihm mit einer Delegation die Unterschriften und machten ihren Standpunkt deutlich. Das klingt banal, aber: Zuvor war es nicht üblich, über Stationen zu gehen und Kolleg/innen direkt anzusprechen, das taten ausschließlich Personalräte/in¬nen. Nun waren es Gewerkschaftshauptamtliche und aktive ver.di Kolleg/innen. Ganz ungewöhnlich war es, dass ein ranghoher Vertreter des Arbeitgebers sich direkt mit Kolleg/innen konfrontiert sah, die ihre Anliegen selbst vertraten. Sonst redet der Arbeitgeber – ganz im Sinne des Stellvertretermodells – ausschließlich mit Betriebs- oder Personalräten oder Gewerkschafts-Hauptamtlichen. Wenn wir mit der Organisierung in Krankenhäusern weitergekommen sind, wenn die Kolleg/innen sich selbstverständlicher selbst artikulieren und mit Ängsten besser kollektiv umgehen können, werden wir auch mit Bündnispartnern öffentlich auftreten können: Ein gutes Beispiel, wie das aussehen könnte, ist die Krankenschwestern-Gewerkschaft in Polen, die in den Jahren 1999 und 2007 mehrwöchige Streiks durchführte und jeweils wochenlang das Gesundheitsministerium in Warschau belagert hat und viel Solidarität von den Warschauer/innen erhielt. Leider hat selbst dies bislang zu keinem durchschlagenden Erfolg geführt.

Zusammenarbeit und Bündnisse

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Bündnisse spielen für das gewerkschaftliche Organizing eine zentrale Rolle, denn sie können entscheidend für den Ausgang eines Konflikts sein.

Ein positives Beispiel im internationalen Kontext: Ein zentraler Kampf tausender Reinigungskräfte, die in der Gewerkschaft SEIU organisiert waren, wurde im Herbst 2006 im fast gewerkschaftsfreien Süden der USA gewonnen. In Houston wurden Kundenbetriebe massiv bestreikt, landesweit fanden bei Kundenbetrieben Solidaritätsaktionen statt und in einer dritten Welle wurden in Deutschland und anderen Ländern Aktionen vor Betrieben desselben zentralen Kunden der Reinigungsfirmen, der Geschäftsimmobilienfirma Hines, durchgeführt. Berliner ver.di Kolleg/innen und Aktivist/innen sozialer Bewegungen demonstrierten in zwei zu Hines gehörenden Gebäuden: eine repräsentativ gelegene Bank am Pariser Platz und ein Hotel am Gendarmenmarkt. Abschließend besuchte eine Delegation das Management von Hines auf der Friedrichstraße, um ein Solidaritäts-Fax von dort an die Hines-Zentrale in Houston zu senden, während sich auf der Straße lärmende Demonstrant/innen tummelten und Flugblätter an die Passanten, unter ihnen interessierte US-Amerikaner/innen, verteilten.

Während der festgefahrenen Einzelhandelstarifauseinandersetzung im Juni 2008 blockierte ein Bündnis aus ver.di-Kolleg/innen und Aktivist/innen aus sozialen Bewegungen einen 24-Stunden-Reichelt-Supermarkt in Berlin-Wilmersdorf unter dem Motto: »Dichtmachen: Nicht einkaufen, nicht arbeiten«. (5) Direkt vor dem Eingang wurde ein »Streikbrecher-Tor« aufgebaut, Musik gespielt, Flugblätter verteilt und mit allen diskutiert, die einkaufen wollten. Security zog auf und Polizei kam mit Blaulicht. Trotzdem stand die Gruppe bis Mittags direkt rund um den Eingang. Jede Person, die sich überzeugen ließ und nicht einkaufen ging, wurde gebührend gefeiert; diejenigen, die einkaufen gingen, wurden mit Pfiffen begleitet, wie es Streikbrechern gebührt. Eine notwendige Erweiterung des Begriffes. Die Aktion war durch Hauswurfsendungen angekündigt worden, in denen über die Ziele des Streiks, die Arbeits- und Lohnbedingungen im Einzelhandel zu verbessern, informiert und aufgefordert wurde, aus Solidarität am Aktionstag nicht in dem Laden einzukaufen.

Auch wenn es keine völlige Blockade gab, war die Aktion wichtig. Erstmals gab es so ein Bündnis, in dem Misstrauen und Funktionalisierungsängste thematisiert und ein wenig abgebaut werden konnte; das Aktionsrepertoire von ver.di wurde erweitert und die Bündnispartner/innen konnten besser verstehen, wie konfliktgeladen solche Situationen für Kolleg/innen aus dem Einzelhandel und für solidarische Unterstützer/innen sind.