Community Organizing in Großbritannien

Citizens United Kingdom (UK)

(Übersetzung aus dem Englischen: Sonya Winterberg)

Citizens UK (CUK) wurde gegründet, als die Berliner Mauer fiel (1989). Die Gründung war weniger eine Antwort auf umwälzende historische Ereignisse, als vielmehr ein wohl überlegter Versuch, die Zivilgesellschaft und ihre Grundpfeiler im Vereinigten Königreich zu stärken und zu unterstützen. Die Verfassung verpflichtet uns dazu, die Beteiligung von Bürger/innen im öffentlichen Leben zu fördern und zu unterstützen und dabei auch ihre Organisationen zu stärken. Wir haben uns von Anfang an dazu entschlossen, mit den Menschen und ihren Organisationen zu arbeiten und haben dies nie bereut – gemeinsam haben wir das größte und vielfältigste Beispiel für diese Form des bürgerschaftlichen Engagements im Vereinigten Königreich aufgebaut. London Citizens hat heute 250 beitragspflichtige Mitgliedsorganisationen, die hauptsächlich aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften, Schulen und Colleges, Universitätseinrichtungen, Gewerkschaften, Diaspora-Gruppen und kommunalen Einrichtungen kommen. Zu ihnen zählen Moscheen und Synagogen ebenso wie Pfingstgemeinden oder katholische Schulen. Die beteiligten Menschen stammen aus der ganzen Welt. Die Allianzen von CUK sind bürgerschaftlich in ihrer Reichweite und Absicht und demokratisch im Prozess. Von Beginn haben wir festgestellt, dass Menschen bereit sind, eine Sache finanziell zu unterstützen, die ihnen wichtig ist. Die Gruppen zahlen Jahresbeiträge zwischen 700 und 5.000 Pfund je nach Gruppengröße und Möglichkeit. Diese Beiträge stehen heute für 26 Prozent der Einkünfte von London Citizens. Der Rest wird aus Mitteln einer wachsenden Anzahl von Stiftungen und Treuhändern bestritten, denen es wichtig ist, dass Bürger/innen lernen, wie sie zusammenarbeiten und gemeinsam Macht aufbauen können.

Jahreshauptversammlung von Citizens UK

Citizens UK ist heute als Kompetenzzentrum des Community Organizings in Großbritannien allgemein anerkannt. Es unterstützt die Entwicklung von Bürgerplattformen in Nottingham, Birmingham, Glasgow, Cardiff und Leeds. Wir sind stolz auf unsere Beziehungen, die wir in den letzten 24 Jahren zur Industrial Areas Foundation in den USA und zum Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) aufgebaut haben. Es ist nicht notwendig, dass jeder das Rad immer wieder neu erfindet. Daher nutzen wir die Möglichkeit, von Beispielen der organisierten Zivilgesellschaft in den USA, Kanada, Deutschland und seit neuestem Australien zu lernen. Wir sehen uns mit ähnlichen Belastungen und Herausforderungen konfrontiert und haben manchmal sogar mit den gleichen Wirtschaftsunternehmen zu tun. Wir sind das einzige internationale Netzwerk von Bürgerplattformen. Wir lernen voneinander, wir unterstützen uns wechselseitig und wir eröffnen Mitarbeiter/innen und Schlüsselpersonen die Möglichkeit, bei Bürgerplattformen in den Partnerländern zu hospitieren.

Die Gründe, weshalb Gruppen sich für eine Mitgliedschaft entscheiden, sind vielfältig. Doch die gemeinsame Basis ist die Art und Qualität unserer Beziehungen. Es sind weniger unsere Kampagnen, die uns Mitgliedsgruppen erhalten als vielmehr die Menschen, ihre Vielfalt und ihre Konzepte. Wir beherzigen sie und geben sie weiter. Es hat uns gefreut, bereits mehrfach Leader des Deutschen Instituts für Community Organizing (DICO) zu unseren regulären sechstägigen Seminaren begrüßen zu dürfen, die wir dreimal im Jahr veranstalten.

Zusammengenommen haben bislang über eintausend Schlüsselpersonen der Zivilgesellschaft dieses Training von Citizens UK zu Leadership und Organisationsentwicklung besucht. Wir glauben, dass die Trainings unter anderem wegen ihrer reichhaltigen Mischung erfahrener Führungspersönlichkeiten an einem Tisch so lebendig sind. Gleichzeitig werden sie aber auch durch die vielen Beispiele von Aktionen unserer Mitglieder getragen, die jene Theorien veranschaulichen, die hinter unserer Praxis stehen. Wir werden darüber hinaus von Weggefährten unterstützt, die verwandte Themen und Sichtweisen vertreten und die unsere Arbeit zusätzlich stärken und erweitern. Zu ihnen zählt beispielsweise Dr. Manasir Ahsan, der die letzten 40 Jahre Generaldirektor der Islamic Foundation, einer der ältesten Organisationen für Muslime im Vereinigten Königreich, war. Er ist ein international hoch angesehener islamischer Wissenschaftler und Autor. Seit 15 Jahren ist er ein Treuhänder unserer Organisation und gelegentlich sind wir in seiner Einrichtung mit unseren Trainings und Seminaren zu Gast. Domherr Dr. Angus Ritchie wiederum gründete vor sechs Jahren The Contextual Theology Centre, ein Zentrum für christliche Laien und Ehrenamtliche, die ihren Glauben im Austausch mit Menschen anderer Religionen praktizieren möchten. Als Geistlicher eines Colleges in Oxford ermunterte er außerdem Studierende, ihre Semesterferien und Teile ihrer Freizeit in East London zu verbringen, um die Arbeit unserer Mitgliedskirchgemeinden kennenzulernen und die Komplexität und heutigen Herausforderungen christlicher Kirchen in der Stadt kennenzulernen. Professor Jane Wills leitet seit 15 Jahren die Abteilung Humangeografie der Queen Mary University in East London und hat London Citizens geholfen, an ihrer Hochschule den landesweit ersten Kampf für einen »fairen Lohn« (Living Wage) zu gewinnen. Die Queen Mary Universität war 2007 die erste Einrichtung, die all ihren Angestellten einen Stundenlohn bezahlte, der £ 2 über dem staatlichen Mindestlohn lag. Dafür erhielt sie in der Folge viel Anerkennung und Ethik-Preise. Alle ihre Geografiestudenten verbringen Zeit mit einer unserer Mitgliedsgruppen und untersuchen eine Fragestellung, die für diese Gruppe relevant ist. Professor Wills leitet inzwischen auch den ersten Masterstudiengang in Community Organizing im Vereinigten Königreich und Europa – dabei ist ein fünfmonatiges Praktikum bei London Citizens verpflichtend.

Bilanz

Leitungspersonen ganz unterschiedlicher Kulturen arbeiten bei Citizens UK selbstverständlich und vertrauensvoll zusammen.

Die Mitgliederbasis von Citizens UK hat sich in den letzten 24 Jahren deutlich erweitert und besteht heute zu etwa einem Drittel aus Schulen und Hochschulen sowie Colleges und Universitätsabteilungen. Dies spiegelt unsere Erfahrung wider, dass Demokratie und Bürgersinn am besten durch Handeln erlernt und erprobt werden kann. Die Vielzahl an Aktionen und Kampagnen, für deren Durchführung unsere Mitglieder gestimmt haben, waren Lernerfahrungen in Leadership und Persönlichkeitsentwicklung. Unser Einsatz für gemeinschaftliche Führungsverantwortung hat Menschen unterschiedlichster Herkunft dazu gebracht, besser zusammenzuarbeiten und einander zuzuhören. Dabei unterscheiden wir uns von anderen Leitbildern darin, dass wir zuerst die Allianz der Bürger/innen aufbauen – Macht vor Programm stellen. Erst wenn sich genügend Menschen organisiert haben, die sich auch finanziell engagieren, erstellen wir eine Agenda aus den Themen und Problemen, die allen gleichermaßen wichtig sind und an der gemeinsam zu arbeiten, sie sich verpflichten. Daher nennen uns manche auch die »Universität der Straße« ...

In den vergangenen 24 Jahren haben wir

  • die Citizen UK’s »Gilde der Organizer« gegründet, um für die Laufbahn und das Berufsbild professioneller Community Organizer einen passenden Rahmen zu schaffen. Wir beschäftigen 30 Vollzeit-Organizer, von denen die meisten mit London Citizens arbeiten. Einige betreuen landesweite Kampagnen, einige sind in anderen Städten mit Citizen UK’s Partnern tätig. Unser Gesamtbudget beläuft sich dabei auf annähernd zwei Millionen Pfund.
  • mehr als 5.000 Schlüsselpersonen aus den Reihen der Zivilgesellschaft vor Ort in der »Kunst der Politik« fortgebildet (zwei- und sechstägige Seminare). Außerdem konnten wir 300 ganz unterschiedliche Gemeinschaften (Communities) für das Netzwerk von Citizens UK gewinnen.
  • die erste »Living Wage« Kampagne in Europa initiiert, die alle Arbeitgeber dazu auffordert, ihren Angestellten und Arbeitern ein Einkommen über dem Mindestlohn zu zahlen, von dem sie und ihre Angehörigen gut leben können. Dies hat zu 100 Millionen Pfund mehr Einkommen für über 10.000 Familien in London geführt und setzt sich in Schottland, Wales und den großen Städten Englands fort.
  • unsere Mitgliedsgruppen und die Zivilgesellschaft aufgefordert, die Verantwortung für ihre Straßen und Quartiere zu übernehmen. Die »CitySafe-Kampagne« erhielt neue Kraft und Bedeutung durch die Unruhen im August 2011 in London und anderen Städten, sowie durch die wachsende Banden- und Beschaffungskriminalität. Im Rahmen der Kampagne adoptieren Bürgergruppen in Gebieten, in denen es am meisten gebraucht wird, Einkaufsstraßen, bauen Vereinigungen der Einzelhändler auf und stellen sicher, dass die Polizei sichtbar ist und in die Verantwortung genommen wird.
  • Alternativen zu den steigenden Kosten für Wohnraum in unseren Städten aufgezeigt, um der wachsenden Bevölkerung Herr zu werden; darunter eine Formel, die sicherstellen soll, dass die Mieten nicht stärker steigen als das Einkommen sowie die Idee einer Gründung von kommunalen Liegenschaftsgenossenschaften, damit in manchen Städten sozial schwache Familien Häuser für ein Drittel des Marktwertes erwerben können.
  • erreicht, dass unsere Mitgliedsgruppen sich in London mit hunderten lokalen Kampagnen und Aktionen solidarisiert haben. Sie haben viele ihrer Ziele erreicht, neue Schlüsselpersonen hinzugewonnen und mehr Macht und Anerkennung für die Bürger durchgesetzt.
  • uns das Lenken der politischen Geschicke in unseren Städten und Quartieren zur Hauptaufgabe gemacht. Wo wir Mitgliedsgruppen haben, versuchen wir die Tradition der öffentlichen Versammlung wieder einzuführen. Dabei kommen Hunderte, manchmal Tausende zusammen, um einander in die Pflicht zu nehmen, Beziehungen aufzubauen und Vereinbarungen mit denjenigen zu treffen, die in unseren Kommunen das Sagen haben. Im Jahr 2010 hielt Citizens UK die einzige Versammlung dieser Art im ganzen Land ab, zu der drei Spitzenpolitiker der großen Parteien kamen und sich verpflichteten, eine Arbeitsbeziehung mit Citizens UK einzugehen und mit uns an verschiedenen konkreten Vorschlägen für soziale Gerechtigkeit zu arbeiten, die aus der Mitte unserer Gruppen gekommen waren.
  • das UK Centre for Civil Society (Zentrum für die Zivilgesellschaft) gegründet. Sein Fokus liegt auf Training, Bildung und Schriften rund um Themen der Bürgergesellschaft.
Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Citizens UK
Neil Jameson
E-Mail: neil.jameson(at)citizensuk.org