Community Organizing in der Republik Moldau

Seite 1: Ausgangssituation in Cantemir & Cahul

Es war ein mühsamer Weg von einer Selbsthilfe-Aktion hin zum Aufbau verschiedener Bürgerorganisationen. Die politisch Verantwortlichen der Republik Moldau lernen erst langsam, dass sie mündige und aktive Bürger/innen brauchen: Die Konflikte, die sie mit den engagierten Bürger/innen haben, werden oft als ärgerlich empfunden und die Organizer werden als »Terroristen« beschimpft.

(Deutsche Überarbeitung des vorliegenden Textes: Wencke Lüttich)

Erfahrungen mit Community Organizing in Cantemir und Cahul

Inspiriert durch CO-Trainings in Rumänien und Paris nahm Sofia Ursul die Herausforderung an, in ihrer Heimatstadt Cantemir/Moldau, einer Stadt mit ca. 6.000 Einwohner/innen, mit Community Organizing zu beginnen. Im Jahr 2007 führte sie 70 persönliche Interviews (»One-on-Ones«) mit Bewohner/innen durch und hörte sich ihre Sorgen und Ideen an.

Zunächst wurde ein Selbsthilfeprojekt auf den Weg gebracht, bei dem Geld gesammelt wurde und Freiwillige gemeinsam die Cafeteria ihrer Grundschule renoviert und neu gestrichen haben. »Als erstes wollte ich den Freiwilligen die Gelegenheit geben, gemeinsam etwas in der Gemeinde zu verbessern. Dies Erfahrung konnte man in der Vergangenheit eher selten machen.« Nach diesem ersten Erfolg bildete Sofia Ursul 11 Freiwillige dafür aus, weitere 210 persönliche Interviews zu führen.
Im Januar 2009 nahmen 50 Personen, die vorher für Interviews besucht worden waren, an einer Versammlung teil. Hierbei wurde als dringendstes Problem die fehlende Müllentsorgung/Müllabfuhr in der Hochhaussiedlung identifiziert.

Es gab keine adäquaten Müllbehälter und der Müll wurde nur sehr unregelmäßig abgeholt. Diese Situation stellte eine ernsthafte Gefährdung der Gesundheit für die Bevölkerung dar und war obendrein kein schöner Anblick für die Nachbarschaft.

Aktive Bürger/innen im Gespräch mit städtischen Vertreter/innen

Nach ein paar Monaten Recherche verabredete die neu gegründete CO-Gruppe »Association of Citizens with Initiative« (Gemeinschaft von Bürgern mit Entschlusskraft) ein Treffen mit dem Bürgermeister, dem Stadtrat und der privaten Müllentsorgungsfirma, die Vertragspartner der Stadt war.

Während die Gemeinschaft in dem guten Glauben verhandelte, dass ihre Anliegen berechtigt waren, wuchs die Anspannung der städtischen Vertreter. Dies gipfelte dann in der Anschuldigung, dass Sofia Ursul und die anderen engagierten Bürger »Terroristen« seien. Die Gemeinschaft gab jedoch nicht nach und erreichte schließlich, dass neue umzäunte Müllcontainer angeschafft wurden. Die Vertreter der Stadt sagten deren regelmäßige Entsorgung zu.

Anfang 2011 bekamen Sofia Ursul und die Association von der Open Society/Soros Moldova Foundation Geld für eine achtmonatige Kampagne, um CO in Cantemir fortzuführen und in drei weiteren angrenzenden Dörfern zu starten. Sofia Ursul und eine weitere Engagierte halfen den Bewohner/innen der drei Dörfer, jeweils eine Gruppe bestehend aus vier Bürger/innen zu gründen, und versetzten sie in die Lage, dutzende von persönlichen Interviews (»One-on-ones«) vor Ort zu führen, um die drängendsten Probleme zu identifizieren.

Im Dezember 2012 gab es eine Konferenz mit 77 Teilnehmenden aus allen vier Gemeinden. Jede Gruppe berichtete von ihren Erfolgen – Die Erneuerung einer Sportanlage für Jugendliche, die Anschaffung dringend benötigter medizinischer Geräte für ein örtliches Krankenhaus, die Renovierung einer Hauptbushaltestelle sowie der Bau eines Kinderspielplatzes. In allen Fällen hatten die Freiwilligen mit Community Organizing-Strategien gearbeitet, um ihre Anliegen deutlich zu machen und um Druck auf Ratsmitglieder vor Ort auszuüben, die nötigen Mittel für die Umsetzung freizugeben. Die Freiwilligen hatten auch eigene Fundraising-Kampagnen durchgeführt, um die städtische Finanzierung ergänzen zu können.

Am Ende der Konferenz passierte dann während der abschließenden »Frage und Antworten«-Runde etwas Bemerkenswertes: Nachdem der Stadtrat von Cantemir noch zwei Jahre vorher die engagierten Bewohner/innen als »Terroristen« bezeichnet hatte, fragte nun der Bürgermeister eines Dorfes: »Wann kommen Sie in mein Dorf und helfen dabei, die Bewohner zu organisieren? Wir brauchen aktive Bürger in unserer Gemeinde.«