Berliner Bürgerplattform Wedding/Moabit

Seite 2: Aktionen & Erfolge

Weitere Erfolge zeigte das Engagement der Bürgerplattform im Thema Öffentlicher Raum. Hier wurden öffentliche Plätze neu gestaltet. Bei gutem Wetter treffen sich auf dem Leopoldplatz in Wedding und im Kleinen Tiergarten in Moabit je bis zu 60 Suchtkranke. Wer seine Augen offenhält, kann immer wieder Drogendealer am Leopoldplatz und in den Seitenstraßen bei der Übergabe beobachten. Die Plätze waren stark verschmutzt und es kam immer wieder zu Konflikten zwischen Anwohnern und Suchtkranken. Aus Sicht der Gruppen der Bürgerplattform war eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität für alle nötig. Die Plätze sind groß genug, um für jede Gruppe eine Ecke zu finden und ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen. In Gesprächen mit den Suchtkranken, den lokalen Geschäftsanliegern, der Polizei und Anwohnern wurden Lösungsvorschläge erarbeitet und mit den zuständigen politischen Akteuren verhandelt. So wird nun kontinuierlich Straßensozialarbeit auf den Plätzen eingesetzt, die Polizei hat den Leopoldplatz zum Einsatzschwerpunkt erklärt und seither erfolgreich den Drogenhandel dort bekämpft. Für die Suchtkranken wurde ein eigener Aufenthaltsbereich geschaffen und eine kostenlose öffentliche Toilette eingerichtet.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Von der Politik wurden der Einsatz und die Beteiligung von Anwohnern für die öffentlichen Plätze als wichtiges Thema erkannt und durch einen Runden Tisch und Stadtteilvertretung kontinuierliche Beteiligung gesichert. Der Leopoldplatz ist heute wieder ein beliebter Treffpunkt für viele Anwohner geworden.

Eines der brennendsten Themen ist jedoch der Einsatz für bessere Bildungschancen im Stadtteil. Das Schulwesen in Deutschland ist eines der selektivsten in Europa. Der Bildungserfolg von Schülern hängt häufig von der Herkunft sowie dem Bildungsgrad und Geldbeutel der Eltern ab. Die Bildungssituation in Wedding und Moabit ist besonders schwierig: Bis zu 39 Prozent der Schüler/innen verlassen die Schule ohne jeglichen Schulabschluss. Während berlinweit etwa 41 Prozent der Kinder eine Gymnasialempfehlung erhalten, sind es in Wedding nur etwa 21 Prozent. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, weil den Schüler/innen die nötigen Qualifikationen fehlen. Die Folge: Zu viele junge Menschen in Wedding sind ohne Berufsperspektive und können zukünftig weder für sich noch ihre Familien sorgen. In hunderten Gesprächen hat die Bürgerplattform mit Eltern und Schüler/innen über die Bildungssituation gesprochen. Die Eltern sind sehr beunruhigt, oft fehlt das Vertrauen in die staatlichen Schulen in Wedding und Moabit. Wer kann, zieht in einen anderen Bezirk oder gibt sein Kind auf eine private Schule. Doch nicht alle haben diese Wahlmöglichkeit. Viele können sich die Wohnungen in den anderen Stadtteilen nicht leisten bzw. kein Schulgeld zahlen. Eins ist jedoch klar: Alle wünschen sich eine Verbesserung der Bildungschancen und sind bereit, sich dafür auch einzusetzen. Von Anfang an war für die Mitglieder der Bürgerplattform das Engagement für Bildung daher besonders wichtig. Den Mitgliedern geht es darum, eine größere Bildungsgerechtigkeit für Wedding und Moabit zu erreichen! Seit zwei Jahren arbeitet die Bürgerplattform mit der Ersten Gemeinschaftsschule Berlin-Mitte in Moabit daran, die Situation zu verbessern, den Schüler/innen zu besseren Deutsch- und Mathekenntnissen zu verhelfen und jedem Jugendlichen einen Schulabschluss zu ermöglichen. Dafür hat die Bürgerplattform mit zahlreichen Partnern ein Bildungsnetzwerk aufgebaut. Zukünftig wird diesem Engagement der Bürgerplattform ein weiterer Schritt folgen. Die Bürgerplattform wird eine Oberschule, eine Freie Bürgerschule im Wedding gründen. Wichtig dabei ist, dass die Schule für alle Kinder zugänglich ist. Daher soll sie nicht über Elternbeiträge, sondern über Spenden finanziert werden. Die Schule soll durch die Werte des Miteinanders in der Bürgerplattform geprägt sein: Verantwortung, Respekt, Toleranz, Wertschätzung und Freude an unserer Vielfalt. Die Schule wird zeigen, dass in einem Stadtteil, den manche Bildungspolitiker schon aufgegeben haben, die Menschen ihre Kinder nicht aufgeben und selbst Verantwortung für den Bildungserfolg übernehmen. Als Modellprojekt soll die Freie Bürgerschule Wirkung auf die Entwicklung der Berliner Schullandschaft entfalten und mehr Bildungsgerechtigkeit für benachteiligte Stadtteile erreichen.

Die Erfolge der Bürgerplattform Wedding/Moabit zeigen, dass die Gestaltung unserer Gesellschaft längst nicht mehr nur Aufgabe von Politik ist, sondern verantwortungsbewusste Bürger/innen braucht, die sich für das Wohl ihrer Städte engagieren. Das heißt aber auch, dass Entscheidungen heute nicht mehr über die Köpfe der Bürger/innen hinweg getroffen werden können. Viele Menschen sind enttäuscht von der Politik oder sehen angesichts globaler Finanzkrisen keine eigenen Einflussmöglichkeiten mehr. Demokratie braucht deshalb neue Wege der Mitbestimmung und Mitverantwortung. Bürgerplattformen ermöglichen eine konkrete und selbstbestimmte Mitgestaltung und machen Demokratie erlebbar. Sie sind verlässliche Partner für Politik und Wirtschaft, um eine verbindliche Zusammenarbeit für das Wohl aller zu ermöglichen.

Das wichtigste dabei: die Veränderungen durch die Bürgerplattform werden von Menschen aus den lokalen Mitgliedsgruppen selbst getragen. Sie führen Gespräche mit Politiker/innen und erarbeiten gemeinsam Lösungsprozesse. Dies sind oft Menschen, denen die Beteiligung nicht zugetraut wird, weil sie z. B. keine Lohnarbeit haben oder die Sprache nicht so gut beherrschen. In der Bürgerplattform lernen die Mitglieder sich für ihre Belange gemeinsam einzusetzen und Teil der Veränderung zu sein.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

»Wir sind da!« Bürgerplattform Wedding/Moabit www.wirsindda.com
Christiane Schraml (Organizerin), schraml-dico(at)gmx.de


Die Plattform wird vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) begleitet.

pornscat.org
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