Arbeiten, wie und was ich wirklich will

Seite 3: CO unter Grenzgängern

Methodisches Vorgehen

Was wurde dabei von CO übernommen oder gelernt?

Von Anfang an hatten sich die Gründer/innen auf das Geschäftsmodell Genossenschaft festgelegt mit dem Ziel, ein nachahmenswertes Beispiel für Demokratie in der Arbeitswelt zu schaffen und es in der öffentlichen Diskussion als Modell einzuführen. Als ermutigendes Beispiel dienten die Mondragon-Genossenschaftsverbünde im Baskenland. Aus Sicht des Community Organizers ist es problematisch, die Form vor dem Inhalt festzulegen. Der Nachteil dieses Vorgehens zeigt sich auch bei uns: Man versuchte, alle denkbaren Wechselfälle des Genossenschaftslebens in endlosen Satzungs-, Geschäfts- und Vergütungsordnungsdiskussionen zu regeln, ehe noch ein einziger Umsatz getätigt werden konnte. Umgekehrt würde ein Schuh wohl schneller fertig: Man einigt sich über die Inhalte, so konkret wie möglich und fängt an. Man kann sich dann darauf verlassen, dass eine geeignete Form gefunden wird.

Innere Herausforderungen beim Aufbau der Genossenschaft

Auf dem Weg zur arbeitsfähigen Genossenschaft müssen die Kulturvorstellungen in den Köpfen der Akteure verschmelzen: auf der einen Seite stehen »Wirtschaft« und »Business durch erfolgreiche Geschäftsabwicklung«, auf der anderen »Freiwilligkeit im Sinne selbstorganisierten Bürgerschaftlichen Engagements«. Dabei sind menschliche und gruppendynamische Hürden zu bewältigen.

Kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele

Personelle und organisatorische Strukturen der Zivilgesellschaft sind fragil, gerade wenn nach der anfänglichen Begeisterung die Mühen der Ebenen aufscheinen und verbindlich zu erledigende Organisationsarbeit zu leisten ist. Auch für uns gilt der taktische Rat von Saul Alinsky, zu tun was wir wollen, mit dem was wir haben. Das bedeutet: Die ARBEIT ZUERST eG hat keine 100.000 € Startspende von einer Stiftung und auch kein Bankdarlehen erhalten. Wer auch sollte das von den frei-gemeinnützig Tätigen in unseren Vorständen verantworten? Sie hat lediglich 50 treue Mitglieder, die zwischen 50 und 500 € Geschäftsanteile gezeichnet haben und erhält gelegentlich großzügige Zuwendungen, z. B. von der Paul-Schobel-Stiftung.

Wirkliche Vergütungen können nur aus Umsätzen generiert werden. Menschen, die das tägliche Geschäft der Genossenschaft führen, sollen letztlich davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Daher muss auf dem Weg vom Non-Profit- zum Sozial-Profit-Unternehmen möglichst rasch Geld verdient werden. Fähige und freiwillig-unvergütet arbeitende Erwerbslose, die sich für den Aufbau der Genossenschaft engagieren, können kaum ablehnen, wenn sie halbwegs passable Jobs im ersten Arbeitsmarkt angeboten bekommen. Immer wieder erhalten sie verlockende Angebote und sagen uns, dass sie diese erhalten haben, weil sie aus der Selbstorganisationserfahrung das nötige Selbstbewusstsein ins Bewerbungsverfahren einbringen konnten. Mehrfach haben die ARBEIT ZUERST EG wie auch der myself e. V. auf diese Weise Führungspersönlichkeiten verloren. Wir freuen uns mit und weinen eine Träne.

Neulich hatte ein Mitglied Kennedy zitiert: »In der Genossenschaft wird gefragt: ›Was kannst du für die Genossenschaft tun?‹ nicht, ›Was kann die Genossenschaft für Dich tun?‹«. Nur das, was die Mitglieder für sich zu tun bereit sind, kann die Unterstützung der anderen Genossen finden. Dies richtig zu verstehen fällt auch gewerkschaftlich erfahrenen Interessierten schwer. Es scheint nur durch eigene Erfahrung zu gelingen. Unsere Genossinnen und Genossen werden vom betriebsratsvertretenen Arbeitnehmer zum Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft, allerdings in Solidarität mit Anderen. Offenbar braucht dieser Paradigmenwechsel im eigenen Kopf seine eigene Erfahrungszeit. Diesen Schritt konnte z. B. auch eine aktive Gruppe von »Schlecker-Frauen«, die zu Gast bei der Genossenschaft waren, bis zum Herbst 2012 nicht gehen. Der Druck der frischen Erwerbslosigkeit wird als sehr stark erlebt.