Arbeiten, wie und was ich wirklich will

Seite 2: ARBEIT ZUERST eG

Die ARBEIT ZUERST eG für Partnerschaft am Arbeitsmarkt

Besonders für ältere, oft hoch qualifizierte Erwerbslose verengten sich in den letzen Jahren die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zunehmend auf Zeitarbeitsangebote: Nicht selten zahlen Unternehmen an die Zeitarbeitsfirma mehr als sie an Personalkosten für ihr Stammpersonal ausgeben, die Zeitarbeiter bekommen jedoch erheblich weniger. Die Differenz bleibt bei den Zeitarbeitsunternehmen.

Guido Lorenz, der katholische Betriebsseelsorger in Stuttgart, hatte vor Jahren die Idee, dieser Fehlentwicklung, diesem gesellschaftlichen Skandal entgegenzuwirken: »Gründen wir doch eine Genossenschaft, in der Arbeit suchende Genossen sich selbst vermieten.« Er lud Menschen aus seinem beruflichen Umfeld in einen Genossenschaftsaufbaukreis ein: Hauptberufliche aus der katholischen Kirche und der Caritas, Gewerkschafter und frühere Betriebsräte und eine Reihe von Engagierten aus der Erwerbslosenselbsthilfe »myself«. Vom Gründungsvorsitzenden dazugeholt wurde noch die Diakonie (Sozialunternehmen Neue Arbeit gGmbH) und der KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Stuttgart Prälatur Stuttgart an der Ev. Akademie Bad Boll).

Aktive von myself e. V.

In die Grundsätze dieser Genossenschaft wurde aufgenommen: »Vorrang der Vergütung der Arbeit, Nachrang der Verzinsung des Eigenkapitals«. Die genossenschaftlichen Wesensprinzipien Selbsthilfe, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sollen sich in der Arbeit dieser Genossenschaft in besonderer Weise zeigen. Im internen Bereich soll die Differenz der Vergütung zwischen arbeitenden Genossinnen und Genossen mit geringer Qualifikation und einer Führungskraft das Verhältnis von 1 zu 4 nicht übersteigen.

Ziel der Genossenschaft ist es, faire Löhne zu bezahlen und einen Teil der Einnahmen z. B. in Qualifizierungen oder Umschulungen der Genossinnen und Genossen zu investieren. Damit steigen deren Chancen auf einen Dauerarbeitsplatz. Auch die Angebote der Agentur für Arbeit auf Einarbeitungszuschüsse sollen genutzt werden.
Der etwas bedrohlich klingende Namen der Genossenschaft ARBEIT ZUERST bezieht sich auf das unternehmerische Ziel, ARBEIT für die berufliche und persönliche ZUkunft der Mitglieder, mit ihrem beruflichen ERfahrungsschatz in der Region STuttgart anzuwerben. In der Satzung wurde festgelegt, dass dazu auch die Kooperation und gegenseitige Bereitstellung von Dienstleistungen unter Selbständigen bei der Projektabwicklung gehört.

Im Projekte-Sektor verspricht der Aufbau einer Vertriebsorganisation für Kleinbiogasanlagen (< 75 kW) Erfolg – Wärme, Strom und Treibstoff wird hauptsächlich aus Gülle und nicht aus Maisplantagen gewonnen. Eine intensive Kooperation wird mit unternehmenden Mitgliedern gepflegt wie z. B. dem innovativen Weiterbilder »Forum Berufsbildung Stuttgart« und privaten Arbeitsvermittlern.
Die »ARBEIT ZUERST eG« ist Preisträger im transatlantischen Ideenwettbewerb Usable der Körber-Stiftung zum Thema »Beweger gesucht – Engagement der Generation 50+«.

Community Organizing unter Grenzgängern

Beim Community Organizing geht es eher um das Herbeiführen positiver Veränderungen, als um die Abwehr von befürchteten Änderungen. Die so agierenden Organisationen verstehen sich als Teil einer Zivilgesellschaft, in der Ideen und Visionen darüber »wie wir leben wollen« entwickelt werden. Sie fordern Verantwortlichkeit von Staat und Politik ein und wünschen finanzielle Unterstützung aus der Wirtschaft zu erhalten, sofern diese ihre CSR (Corporate Social Responsibility) wahrzunehmen verspricht – ansonsten nehmen sie nicht am Markt teil.

Wer am Arbeitsmarkt fördern will, ja sogar Umsätze für die Mitglieder der Genossenschaft erzeugen will, muss intermediär argumentieren können und sich zum erfahrenen Grenzgänger (oder Ideenschmuggler) entwickeln. Bei ranghöheren Mitarbeitenden der Agentur für Arbeit erfahren wir Hochachtung für unsere Organisationsleistung, ja wir spüren so etwas wie Bedauern darüber, dass ihnen die früher zugestandenen Förderungsspielräume genommen wurden. Weiter unten überwiegen dann die Vorsichtträger, es wird z. B. darüber nachgedacht, ob eine Genossenschaft eine zulässige Unternehmensform für Arbeitnehmerüberlassung ist, da sie ja keine Gewinnerzielungsabsicht hat.

Ein weiteres Beispiel: Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende einer Weltfirma findet die Idee ausgezeichnet und sagt: »Gleich morgen spreche ich mit dem Arbeitsdirektor«. Es kommt zu Verhandlungen über einen Rahmenvertrag mit dem »Corporate Sector Purchasing and Logistics, Material and Services«. Wir lernen: nicht die Personalabteilung organisiert die Leiharbeit des Konzerns, sondern der Einkauf. Die »bürokratischen« Hürden für eine Zusammenarbeit sind erheblich (z. B. »eigentlich machen wir Rahmenverträge nur mit Unternehmen die ISO-9001 zertifiziert sind«).

Um zivilgesellschaftliche Ideale für eine Wirtschaftswelt der Zukunft verständlich zu machen, ist viel Übersetzungsarbeit zu leisten. Geschäftserfolg wird in traditionellen Betrieben erreicht durch viel Startkapital, schlichtes Anweisen, Sanktionieren oder mit Geld »belohnten«. Dieses Vorgehen gilt auch in der modernen Organisationsentwicklung inzwischen als »Unkultur«. In einer solidarischen Genossenschaft sind solche Methoden unpassend und kontraproduktiv.

Mitglieder einer zivilgesellschaftlichen Community Organization belohnen sich gegenseitig, indem sie nach dem »Bohren dicker Bretter« gelegentlich Durchbrüche feiern können. Dafür ist Geduld und erheblich mehr Zeit nötig als im durchorganisierten Geschäftsleben üblich. Diese Arbeit scheint manchem möglichen Unternehmenspartner ineffizient und unprofessionell zu sein.