Arbeiten, wie und was ich wirklich will

Seite 1: Beschreibung der Situation

Den Erwerbslosen in Stuttgart eine Stimme geben, ist eines der Ziele des Stuttgarter »myself e. V. zur gegenseitigen Förderung am Arbeitsmarkt«. Die Beispiele, wie zukunftsweisend mit Erwerbslosigkeit selbstorganisiert umgegangen werden kann, sind Grenzgänger des Community Organizings. Sie ermutigen zur Kreativität im Umgang mit den Methoden des Organizings – im Blick auf ein »anderes«, zukunftsorientiertes Wirtschaften und Arbeiten.

Mit Erwerbslosigkeit selbstorganisiert umgehen

Ende 2002 waren allein in der Region Stuttgart über 700 Angestellte von ALCATEL/SEL erwerbslos geworden, vom Chefdolmetscher bis zur Löterin aus Kroatien, in der Mehrzahl aber hochqualifizierte IT-Ingenieure und Vertriebsleute, die vorher ihre Arbeitsplätze persönlich nach China hatten exportieren dürfen. Alle trauerten sie den Zeiten eines, von guten Betriebsräten gestützten, fairen Umgangs nach, den sie bei der SEL (liebevoll »Schwäbischer-Elektro-Laden« genannt) in Erinnerung hatten, als dieser noch nicht vom französischen ALCATEL-Konzern übernommen worden war. Ihr Weg führte nun, über eine 2-jährige Transfergesellschaft (80 Prozent des Gehaltes wurde weiter bezahlt) in einen ihnen kaum vertrauten Arbeits- und Weiterbildungsmarkt.

Diese Menschen hatten zu lernen, sich samt ihren Familien in der neuen Lebenssituation »Arbeitssuche« zu bewegen und viele hofften darauf, dass die damit verbundenen Aufgaben von »ihren neuen Chefs«, den Organisatoren der Transfergesellschaft Mypegasus/Alcatel/SEL, für sie geregelt würden. Doch die Organisatoren der Transfergesellschaft setzten von Anfang an darauf, dass diese Menschen ihre Probleme selbst regeln können und dies auch tun werden, wenn die eiserne Regel des Community Organizing beachtet wird: »Tue nie etwas für Menschen, was diese für sich selbst tun können«.

Weiterbildungsangebote wurden in selbstorganisierten Arbeitsgruppen entwickelt und mit den Anbietern verhandelt, wohnortnahe regelmäßige Gruppentreffen fanden Moderatoren (leader) aus den eigenen Reihen, ehemalige Personaler gründeten Jobcoaching und Jobvermittlungs-Teams. Die vorhandenen Beziehungen wurden systematisch gestärkt, doch waren am Ende der Transfergesellschaft immer noch Hunderte ohne neue Anstellung und in Gefahr, nun in Vereinzelung von der Agentur für Arbeit oder gar dem Hartz-IV-Jobcenter abhängig zu werden.

Die eigene Organisation

»Bleiben wir doch zusammen«, dieser Wunsch kam auf und führte zur Gründung des »myself e. V. zur gegenseitigen Förderung am Arbeitsmarkt«. Heute hat der Verein mehr als 400 Beiträge zahlende Mitglieder (4 Euro im Monat, Hartz-IV-Betroffene zahlen die Hälfte), was dem Verein erlaubt, kommunal-, arbeits- und sozialpolitisch völlig unabhängig zu agieren. Außerdem gibt es 20 regelmäßige Gruppen- und Selbsthilfeangebote. Diese reichen von Plauderabenden und Regionalgruppen über ALG II Informationen, Ämterbegleitung, Existenzgründer-Austausch, Bewerbungsberatung, Wissensaustausch über Aktien/Börse bis zur Linux-Gruppe und den PC-Doktor. Aktive Mitglieder, die neue Arbeitsstellen gefunden haben, bleiben in aller Regel im Verein, manche dienen als Jobscouts.

Ähnlich ist es bei Mitgliedern, die in Rente gehen. Etwa die Hälfte der aktuellen Vereinsmitglieder war nie bei ALCATEL beschäftigt. Als gemeinnütziger Verein sieht sich der »myself e. V.« nicht in der Lage, zwecks Einkommensverbesserung seiner Mitglieder wirtschaftlich tätig zu werden, in persönlich-geschäftlichen Kooperationen ist das möglich.

Der myself e. V. ist Träger des Stuttgarter Bürgerpreises in der Kategorie »Innovation« und wird wegen seines Jobcoaching-und-Silberrücken-Projektes, ausdrücklich auch wegen der Zusammenarbeit mit ARBEIT ZUERST eG, von der PHINEO gemeinnützige AG – Plattform für Soziale Investoren – im Themenreport »Engagement 55+« als Spendenempfänger empfohlen.